Rapperswil-Jona

Achterbahnfahrt im Untergeschoss

Eine Achterbahnfahrt, ein Sprung aus dem Flugzeug, die halsbrecherische Abfahrt eines ­Radfahrers – ein von der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) entwickelter Simulator ermöglicht es, Filme virtuell mitzuerleben.

Guido Schuster (links), Elektrotechnik-Professor für digitale Signal- und Bildverarbeitung am Institut für Kommunikationssysteme, mit Virtual-Reality-Brille und Kopf­hörern, und Christian Marty, Simulator-Mitentwickler, zeigen, wies geht.

Guido Schuster (links), Elektrotechnik-Professor für digitale Signal- und Bildverarbeitung am Institut für Kommunikationssysteme, mit Virtual-Reality-Brille und Kopf­hörern, und Christian Marty, Simulator-Mitentwickler, zeigen, wies geht. Bild: Michael Trost

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Der Besuch an der HSR beginnt, wie könnte es anders sein, auf dem Sitz des Simulators. Dieser steht im Untergeschoss des neuen Forschungszentrums. Ein­mal Platz genommen, heisst es anschnallen, Virtual-Reality-Brille und Kopfhörer aufgesetzt, und los gehts zuerst gemächlich mit einer kleinen Propeller­maschine über das Linthgebiet. Es dröhnt, der Sitz ruckelt. Ein verhaltener Blick aus dem Flugzeugfenster zeigen den Obersee und den Seedamm vorüberziehen. Leicht am Steuer gezogen, aufwärts gehts. «Abstürzen? Das ist durchaus möglich», lacht Guido Schuster, Elektrotechnik-Professor für digitale Signal- und Bildverarbeitung am Institut für Kommunikationssysteme. «Nur tuts bei weitem nicht so weh wie in echt.»

Filme automatisch animieren

Was allerdings echt ist und was nicht, gerät mit dem Simulator rasch einmal durcheinander. Die Plattform bewegt sich dank sechs Elektromotoren in alle Richtungen, genauso, wie es zur gewählten Flugbahn passt. Beim Looping mit dem Segelflugzeug drückt es einen leicht in den Sitz. Eine Stufe krasser wird es, wenn der Simulator einen beliebigen Film aus dem Internet eins zu eins umsetzt.

Möglich macht das eine aufwendig programmierte Soft­ware. Während beim Fliegen mit der Steuerung selbst Einfluss genommen werden kann, ist der Passagier auf dem Sitz in diesem Fall ganz und gar ausgeliefert. Die Software berechnet, wie die Kamera bewegt wurde, und überträgt das dann in Echtzeit auf die Bewegung des Sitzes. ­«Jeder Youtube-Film kann automatisch animiert werden. Der Sitz wird dann genauso bewegt, wie die Kamera sich bei der Aufnahme bewegt hat», erklärt Schuster, der mit seinem Team mit spürbar viel Freude und Enthu­siasmus bei der Sache ist.

Besonders intensiv wird das Erlebnis mit 360-Grad-Videos – zum Beispiel einer holländischen Achterbahn. Festgeklammert am Sitz und los geht die Fahrt. Real-Time-Motion-TV nennt sich das. Die Schienen krümmen sich fast senkrecht in die Tiefe. Los gehts. Der Atem steht einen Augenblick still. Das Erlebnis ist überzeugend. Es fehlt nur der Fahrtwind. «Der gehört eigentlich auch ­dazu», sagt Schuster. Nur steht der zweite Simulator, der mit dem Fahrtwind, aktuell in den Flumserbergen (siehe Box).

«Vom Stumm- zum Tonfilm»

Entwickelt wurde der Simu­lator in Zusammenarbeit mit einem Team von VR Motion, einem früheren Klub ehemaliger HSR-Studenten. «Alles Enthu­siasten», wie Schuster sagt. Inzwischen ist es eine GmbH. Sie fragten Schuster und sein Team an, ob sie bereit wären, den bereits bestehenden Prototypen eines Simulators (damals vor allem für den Flugbereich) weiterzuentwickeln. Die Grundidee: Der visuellen Virtualität fehlt heute noch meistens die dazugehörige Bewegung des Körpers. Doch genau das macht das Erlebnis komplett, ist Schuster überzeugt. «Man kann diesen Schritt vergleichen mit jenem vom Stumm- zum Tonfilm.»

«Reit- oder Fahrschüler könnten ihre ersten Trainingsstunden in Zukunft an einem solchen Simulator absolvieren.»Guido Schuster

Grundlagen für entsprechende Plattformen gehen zwar Jahrzehnte zurück und stammen aus der Weltraumforschung. Bislang fehlte allerdings die Betrachtung eines Ingenieurs. «Wir haben nun die ganze Sache auf einen neuen Stand gebracht, physi­kalische und mathematische Beschrei­bung der Maschine in­klu­sive», fasst Schuster zusammen. Und vor allem wurde viel Soft­ware geschrieben.

Ein Simulator in der Stube?

Flugsimulation ist dabei nur ein Beispiel. Die Möglichkeiten sind fast endlos. Zwei bis drei Mannjahre stecken bislang in der Entwicklung des Simulators. Und sie geht weiter. Schuster kann sich einen ähnlichen Simulator später durchaus auch in der guten Stube vorstellen – wenn auch ein paar Stufen weniger komplex und um einiges kleiner. Der heutige Simu­lator wiegt eine halbe Tonne. Ein Sofa, das die Bewegungen aus einem Film wiedergibt, sei derzeit zwar noch Zukunftsmusik – unvorstellbar sei es aber nicht. Ein entsprechendes Projekt eines Studenten sei bereits am Laufen.

An Verwendungsmöglich­keiten dürfte es jedenfalls nicht fehlen, auch ausserhalb der Filmbranche. So könnten zum Beispiel Reit- oder Fahrschüler ihre ersten Trainingsstunden in Zukunft an einem solchen Simu­lator absolvieren – ganz ohne Blechschaden oder blaue Flecken. Auch im medi­zi­nischen Bereich gäbe es Verwendung – zum Beispiel für Patienten mit Gleichgewichtsstörungen.

Flugbranche zeigt Interesse

Bereits weit fortgeschritten ist der Simu­lator im Flugbereich. Hier geht es laut Schuster vor ­allem noch dar­um, Brillen mit besserem Schärfegrad einzu­setzen. Da diese jedoch nicht selbst entwickelt werden, gibt es hier nur Abwarten. Der Vorteil des HSR-Simulators: Er bewegt sich im Vergleich zu heutigen Flugsimulatoren in einer ganz anderen Preisklasse, er kostet ­einige Zehntausend Franken. Verhandlungen mit einer ­Firma aus der Flug­branche seien bereits im Gange. Und auch mit Google in Zürich fand ein informelles Treffen statt. «Denen hat der Simu­lator auch ganz gut gefallen», schmunzelt Schuster.

Die Vorführung ist zu ­Ende. Gerne würde man noch mal Platz nehmen. Nur der Bauch ist froh, ist das virtuelle Verwirrspiel zu Ende. Das flaue Gefühl aus der Achterbahn bleibt – alles echt, eben.

Öffnungszeiten virtueller Floomzer: mittwochs, samstags und sonntags, von 13 bis 17 Uhr.

Erstellt: 20.01.2017, 13:25 Uhr

Virtuelles Rodelerlebnis

In den Flumserbergen steht derzeit ein solcher Simulator zur Benüt­zung für die Besucherinnen und Besucher bereit. Im Glascontainer erleben sie dank Virtual-Reality-Brille mit 360-Grad-Video eine Fahrt auf der Sommer-Rodelbahn in den Flum­ser­bergen, dem Floomzer – und das mitten in der verschneiten Winterlandschaft. Die HSR stellt den Simulator den Bergbahnen Flumserberg noch bis Ende Februar zur Verfügung. Der beheizte Glascontainer befindet sich auf dem Tannenboden. Eine Fahrt dauert rund 6 Minuten und kostet 5 Franken. (spa)

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