Eisenbahn

Wenn der pünktliche Zug plötzlich Verspätung hat

Der Bahnhof Stadelhofen ist anfällig für Zugausfälle, am linken Seeufer gibt es dafür etwas mehr Verspätungen. Rekordhalter ist aber Benken: Dort sind nur zwei von hundert Zügen pünktlich.

Viel Verkehr am Bahnhof Rapperswil: Der Knotenpunkt ermöglicht Verbindungen in alle Richtungen, ist aber anfällig bei Störungen.

Viel Verkehr am Bahnhof Rapperswil: Der Knotenpunkt ermöglicht Verbindungen in alle Richtungen, ist aber anfällig bei Störungen. Bild: Archiv / Sabine Rock

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Für den Pendler zählt jede Sekunde. Er will morgens den richtigen Anschluss auf Zug, Tram oder Bus erwischen und abends pünktlich nach Hause kommen. Wer täglich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, erwartet Pünktlichkeit. Weil immer mehr Züge auf dem Schweizer Schienennetz unterwegs sind, ist das System auch anfälliger auf Verspätungen geworden.Kurt Schreiber war viele Jahre Präsident von Pro Bahn und setzte sich mit dem Verband für die Kundeninteressen ein. Der Mann aus der Au trat diesen Frühling von seiner Funktion zurück, kennt den Bahnverkehr aber nach wie vor mindestens so gut wie seine Westentasche.

Schreiber beurteilt die Pünktlichkeit rund um den Zürichsee als «sehr gut». Seit der Eröffnung der Durchmesserlinie zwischen dem Hauptbahnhof Zürich und Oerlikon sei die Pünktlichkeit spürbar besser geworden. Die SBB haben die Zugabfolgen angepasst und das System - auch dank teilweise geändertem Rollmaterial-Einsatz - stabilisiert.

Dass die Hälfte aller S8-Züge an «seinem» Bahnhof, der Au, mit mehr als 90 Sekunden Verspätung ankommen, beunruhigt Kurt Schreiber nicht. «Als Faustregel kann man sich fast merken, dass man eine Minute zu spät an den Bahnhof kommen kann.» Der Bahnkenner begründet die Verspätung des Zuges so, dass der Bahnhof Au, ebenso wie etwa Oberrieden nicht als «Zeitvergleichs-Station» gilt. Das heisst: Der Zug fährt ein, lässt Passagiere ein- und aussteigen und fährt weiter. Eine Verspätung von wenigen Sekunden ist quasi eingerechnet. So hat der Zug etwas Reserve um rechzeitig an wichtige Haltestellen zu kommen. An Bahnhöfen mit höherem Passagieraufkommen wie Horgen, Thalwil oder Zürich Enge, sind die Züge deshalb statistisch pünktlicher.

Ausfall statt Verspätung

Auch am rechten Zürichsee-Ufer ist die Pünktlichkeit sehr hoch. Mit 93,2 Prozent aller Züge, die mit weniger als 90 Sekunden ankommen, liegt der Bahnhof Uetikon im Juli an der Spitze. Das widerspricht gewissen Pendlerwahrnehmungen. Immer wieder kommt es am rechten Seeufer im Bahnhof Zürich Stadelhofen zu Störungen. Für Kurt Schreiber kein Widerspruch: «Die Strecke zwischen Stadelhofen und Tiefenbrunnen ist einspurig». Kommt es zu einer Störung, falle der Zug eher einmal aus. So geschehen etwa am 17. Juli als die Strecke wegen eines defekten Zuges rund 90 Minuten blockiert war. Diese Ausfälle werden aus technischen Gründen in der ZSZ-Statistik nicht eingerechnet.

«Steht am Bahnhof Stadelhofen eine S-Bahn ungeplant still, spüren die Kunden die Auswirkungen nur Minuten später fast im ganzen ZVV-Netz.»Daniele Pallecchi,  SBB-Mediensprecher

Im Juli kam es, das zeigt die Störungswebseite des Zürcher Verkehrsverbundes aber, im Bahnhof Stadelhofen zu vier kleineren Pannen, die Umleitungen der Züge am See oder im Oberland zur Folge hatten. Am linken Ufer kommt es in der Tendenz zu weniger Zugausfällen, weil zwischen Zürich und Thalwil vier Spuren zur Verfügung stehen. Ab Thalwil sind es zwei Spuren.

Alle drei Minuten ein Zug

«Wir haben im Schnitt Zugfolgezeiten von etwa drei Minuten auf den vielbefahrenen Strecken», sagt SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi. Mit so vielen Zügen und so vielen Passagieren ist das System an der Kapazitätsgrenze. Am Beispiel des Bahnhofs Stadelhofen erläutert Pallecchi: «Steht dort nur eine S-Bahn ungeplant still, spüren die Kunden die Auswirkungen nur Minuten später fast im ganzen Netz des Zürcher Verkehrsverbunds.» Entsprechend reizt die SBB jede Möglichkeit aus, im System Zeit zu gewinnen - etwa durch einen geänderten Einsatz des Rollmaterials oder Infrastrukturanpassungen wie neue Weichen im Bahnhof Rapperswil.

Nur zwei Prozent pünktlich

Trotz neuen Weichen am Bahnhof Rapperswil: Am Obersee ist die Sache mit den Verspätungen komplexer. Der Extremfall: In Benken sind praktisch alle Züge verspätet. Nur gerade zwei Prozent der S6-Verbindungen kamen im Juli mit weniger als 90 Sekunden Verspätung an. Die Quote gleicht sich zwar beim 5-Minuten-Vergleich den anderen Bahnhöfen in der Region an, dennoch ist sich Kurt Schreiber sicher. «An diesem Bahnhof gibt es ein Problem, das behoben werden muss.» SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi will davon nichts wissen, dass der Zug «permanent» zu spät fährt und verweist allgemein auf die Definition der Kundenpünktlichkeit.

Die Strecke der S6 ist derzeit aber nicht nur in Benken verspätungsanfällig. In Rapperswil trifft jeder vierte Zug dieser Linie mit mehr als 90 Sekunden Verspätung ein. Ein grosses Problem für Reisende Richtung Zürich. Zum Umsteigen bleiben nur drei Minuten - und seit diesem Jahr müssen die Pendler sogar durch die Unterführung. Der perrongleiche Umstieg wurde aus Kostengründen abgeschafft. Damit zählt für Pendler jede Sekunde. «Die Situation am Bahnhof Rapperswil ist ein No-Go», sagt Schreiber und schiebt nach: «Ich würde sogar sagen, das ist kundenfeindlich.» Die SBB geloben Besserung und wollen mit der Einführung der Stadtbahn Obersee Ende 2019 den perrongleichen Umstieg wieder anbieten.

Für Schreiber nur ein schwacher Trost: «Wenn es nicht funktioniert, muss man es sofort merken.» Immerhin: Die fast 90 Millionen Franken teure Sanierung des Bahnhofs Rapperswil und der geplante, 55-Millionen Franken teure Doppelspurausbau zwischen Uznach und Schmerikon sollen ohnehin für mehr Pünktlichkeit sorgen.

Nadelöhr Seedamm

Ein Nadelöhr bleibt der Seedamm - nicht nur für Autos. Vier von zehn Zügen aus Pfäffikon trafen im Juli in Rapperswil mit mehr als 90 Sekunden Verspätung ein, in der Gegenrichtung war es gar jeder zweite. SOB-Mediensprecherin Ursel Kälin rechtfertigt sich. Weniger der Seedamm selbst sei das Problem, sondern die Knotenpunkte: «In Rapperswil müssen die Züge Kreuzungen und Anschlüsse abwarten.» In Pfäffikon SZ querten die SOB-Züge die Fahrtrichtung sämtlicher SBB-Züge. «Sind Züge in einem oder beiden Knoten verspätet, geht der sehr eng ‘ gestrickte’ Fahrplan nicht mehr auf.» Eine bereits viel diskutierte, aber aus Kostengründen immer wieder verworfene Überwerfung - also eine Brücke für die SOB - in Pfäffikon SZ würde sehr viel bringen, folgert Kälin.

Trotzdem ist Kälin mit der Pünktlichkeit der Züge zufrieden: «Die Infrastrukturen in der Zürichsee-Region sind stark ausgelastet. Unter diesem Aspekt ist die Pünktlichkeit erfreulich zu gewichten.» Ein Fazit, dass auch Kurt Schreiber unterstützt: «Das Angebot ist jetzt optimal». Wirkliche Verbesserungen könne man rund um den See nur noch dann erreichen, wenn man in die Infrastruktur investiert. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.08.2017, 17:40 Uhr

Linkes Seeufer

Rechtes Seeufer

Obersee

Die SZU

Pünktlich bis an die Stadtgrenze

Die Bahnhöfe Adliswil und Langnau-Gattikon der Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn (SZU) weisen hohe Pünktlichkeitswerte aus, wie die Auswertung der «Zürichsee-Zeitung» zeigt. Nur gerade rund 15 Prozent der Züge trafen im Juli mehr als 90 Sekunden verspätet am Zielbahnhof ein. Ab der Stadtgrenze sind die Züge dann jedoch mit mehr Verspätung unterwegs. Bei der Ankunft am Hauptbahnhof war jeder vierte Zug mehr als 90 Sekunden verspätet.

Die SZU selbst beurteilt die Pünktlichkeit als gut, bezeichnet aber die Stosszeiten als Herausforderung. «Auf dem Abschnitt von Giesshübel über Selnau zum Hauptbahnhof verkehren ­sowohl die S4 (Sihltal) als auch die S10 (Uetliberg), und dies bis 2023 noch mit unterschiedlichen Stromsystemen.» Verspätungen einer Linie würden sich hier häufig auf die andere S-Bahn-Linie auswirken, sagt Andreas Hobi von der SZU. Ausserdem müssten in Selnau – insbesondere in der Hauptverkehrszeit – verspätete Gegenzüge abgewartet werden. «Dies führt dazu, dass die Pünktlichkeitswerte hier schlechter sind als auf dem restlichen Netz.» Kurzfristig könnte der Fahrplan nicht angepasst werden. «Die Planungen für wichtige Doppelspurausbauten laufen auf Hochtouren.» (ckn)

Die Methode

Fahrplanangaben und Echtzeitinformationen zum öffentlichen Verkehr (ÖV) sind seit ­Dezember 2016 im Internet frei verfügbar. Dies hat sich Andreas Gutweniger privat zunutze ­gemacht und im Rahmen des MAS-Studiengangs Data ­Science an der Berner Fachhochschule die Webseite www. puenktlichkeit.ch programmiert. Sie greift täglich die tatsächlichen Ankunftszeiten aller Züge in der Schweiz ab und vergleicht sie mit dem Fahrplan. Die «Zürich­see-Zeitung» stützt sich bei der eigenen Analyse auf ­diese Daten.

Im Detail: Es wird nur die Pünktlichkeit bei der Ankunft an der Haltestelle betrachtet. Andreas Gutweniger begründet diese Methode so: «Für den Fahrgast ist es wenig gravierend, wenn ein Bus oder Zug verspätet abfährt, sofern er pünktlich sein Ziel erreicht.» Eine Gewichtung nach Zahl der betroffenen Fahrgäste wird nicht vorgenommen. Wenn eine Fahrt ganz oder teilweise ausfällt – wie in den vergangenen Wochen mehrmals bei der Südostbahn auf der Linie der S13 –, so gehen die betroffenen Halte nicht in die Aus­wertung ein. Weil der Zug nicht ­gefahren ist, kann er auch nicht in der Statistik auftauchen. Die Bahnunternehmen selbst führen aber ihre eigenen ­Statistik zu Zugausfällen.

Die SBB berechnen Pünktlichkeit anders: Die sogenannte Kundenpünktlichkeit misst den prozentualen Anteil aller pünktlichen Reisenden. «Ein Reisender gilt als pünktlich, wenn er am Zielbahnhof mit weniger als drei Minuten Verspätung ankommt und seine Anschlüsse gewährt wurden», schreibt das Unternehmen auf seiner Internetseite.

Im Zürcher Verkehrsverbund erhalten die SBB einen Bonus, wenn sie die Passagiere pünktlich ans Ziel bringen. Erreichen 95 Prozent der Züge ihr Ziel mit weniger als sechs Minuten ­Verspätung, gelten sie als pünktlich. Gemessen werden die 13 S-Bahnen des Kernnetzes während der Hauptverkehrszeiten am Morgen und am Abend.(ckn)

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