Rapperswil

Und dann donnerten die Ziegel vom Klosterdach

Vier kaputte Fensterscheiben, ein undichter Dach­stock und fast hundert zerschellte Ziegelsteine: Im Kapuzinerkloster hat das Sturmtief Burglind unschöne Spuren hinterlassen. Die Feuerwehr stand vor einem Härtetest.

Kaputte Ziegelsteine bedecken den Innenhof des Kapuzinerklosters. Insgesamt sind 80 bis 100 Ziegel zu Bruch gegangen.

Kaputte Ziegelsteine bedecken den Innenhof des Kapuzinerklosters. Insgesamt sind 80 bis 100 Ziegel zu Bruch gegangen. Bild: Manuela Matt

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Als der Sturm über das Kloster fegte, sassen sie nichts ahnend am Mittagstisch. Das Essen blieb den Brüdern und Schwestern für einen kurzen Moment im ­Halse stecken. «Es donnerte und schepperte gewaltig», schildert Schwester Ursula. «Gopfriedli», dachte sie, «was isch au da los?» «Ta-dam», habe es immerzu ­gemacht, «Ta-dam, ta-dam». Sie sei sogleich zum Fenster geeilt, das den Blick auf den Innenhof freigibt. Von da, sie zeigt auf den Giebel, von da fielen die Ziegel erst auf einen kleinen Dach­vor­sprung und zerschellten schliess­lich am Boden. «ta-dam, ein Riesenkrach war das.»

Am Tag danach liegen die Dachziegel in hunderten Scherben in den zwei Innenhöfen des Kapuzinerklosters. Wo der Sturm überall seine Schäden hinter­lassen hat, weiss keine besser als Schwester Ursula. Eigentlich sollten die Dachdecker längst da sein, sagt sie auf dem Rundgang durchs Haus. 80 bis 100 ­Ziegel seien kaputtgegangen. ­Immer wieder deutet sie aus dem Fenster, «sehen Sie dort, die vielen Dachziegel am Boden, und erst da drüben!»

Ein Ziegel im Kirchenfenster

Gleich vier Fensterscheiben haben die Sturmböen beziehungsweise herabfallende Dachziegel im Kloster zerschlagen: im Atelier, an der Pforte, im Lese­zimmer und in der Kirche. Die Feuerwehr hat die zersprun­genen Scheiben notdürftig mit Blachen abgedeckt. In der Kirche mit ihren vergitterten Fenstern sei ein Ziegelstein zunächst ­direkt steckengeblieben, weiss Schwester Ursula. Einer der Klosterbrüder habe es extra noch fotografiert. Sie bückt sich, fegt einen kleinen Glassplitter vom Stuhl. Ein schelmisches ­Lachen huscht über ihr Gesicht. «Das käme nicht gut, wenn sich hier jemand hinsetzen würde.»

Einige der Rundziegel ganz oben am Dach, das sticht sogleich ins Auge, hat die Feuerwehr noch gleichentags provisorisch fest­gemacht. Lose oder beschä­digte Ziegel hingegen mussten sie abnehmen. «Ständig fielen wieder welche herab», erzählt die Klosterschwester. Dort, wo Fensterscheiben zu Bruch gingen, gelang­ten teils zerbrochene Dach­ziegel ins Innere des Hauses. An einer Stelle sei der ganze Gang voller Scherben, Splitter und Schmutz gewesen. «Es war unheimlich», sagt die 73-Jäh­rige, «wie in einem Krimi.» Bis spätabends hätten die Feuerwehr­leute mit Stirnlampen auf dem Dach gewerkelt.

Wo Hightech nutzlos ist

Der Einsatz im Kloster war für die Feuerwehr mit einigen Kniffen verbunden, sagt Kommandant Roland Meier. Um aufs Dach zu gelangen, diente der Truppe eine alte Anhängerleiter. Das Problem beim Kapuzinerkloster ist zum einen die enge und verwinkelte Zufahrt. Vor allem­ aber sei der Torbogen zu wenig hoch, um mit den üblichen Einsatzfahrzeugen durchzu­kommen. «Da nützen uns alle modernen Geräte, das ganze Hightech, nichts», sagt Feuerwehrkommandant Meier. Stattdessen musste die Feuerwehr auf Altbewährtes zurückgreifen. Die besagte Anhängerleiter, die noch von Hand angekurbelt wird, sei mindestens 40 Jahre alt. Sie hat sich laut Meier in der Rapperswiler Altstadt schon mehrmals als grosse Hilfe erwiesen.

Prioritäten setzen

Weil das Kapuzinerkloster nicht der einzige Einsatzort der städtischen Feuerwehr war, konnte diese irgendwann nicht mehr überall gleichzeitig aus­rücken, schildert Roland Meier eine weitere Herausforderung. Rund 60 Feuerwehrleute waren am Tag des Sturms unterwegs. Irgend­wann mussten wir anfangen, zu triagieren, erklärt Meier: Wo ist es gefährlich, welche Orte haben Priorität? Danach hiess es: Einen Einsatz nach dem anderen abarbeiten.

Schwester Ursula führt ihre Besucher schliesslich über eine steile Treppe in den Dachstock des Klosters: Der Estrich sei wegen­ der fehlenden Dachziegel undicht. Hier, wo die Kloster­brüder und -schwestern ihre privaten Habseligkeiten in Kartonschachteln verstaut haben, ist alles­ mit Plastikplanen und Tüchern abgedeckt. Auf dem Holzboden zeichnen sich dunkle Wasser­flecken ab. Eimer auf­zustellen, würde wohl kaum ­etwas brin­gen, sagt die Schwester schulterzuckend: «So viele Kübel, wie es bräuchte, haben wir gar nicht.» Sie blickt zur Decke, wo an mehreren Stellen der wolkenverhangene Himmel durchschimmert. «Also die Dach­decker, die dürften jetzt langsam mal kommen.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.01.2018, 21:52 Uhr

Schwester Ursula spricht von einem unheimlichen Szenario im Kloster. (Bild: Manuela Matt)

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