Rapperswil-Jona

Stadt bleibt Polen-Konferenz fern – aus Angst vor falschen Gesten

Mit viel Pomp wurde am Donnerstag die zweitägige Konferenz zur Unabhängigkeit Polens im Schloss Rapperswil eröffnet. Die Zukunft des Museums wurde dabei auch diskutiert – wenn auch nur sehr zurückhaltend.

Sie warteten vergebens auf Prominenz aus den hiesigen Amtsstuben: Die Ehrendamen des Vivat-Orchesters aus der Stadt Sieraków.

Sie warteten vergebens auf Prominenz aus den hiesigen Amtsstuben: Die Ehrendamen des Vivat-Orchesters aus der Stadt Sieraków. Bild: Conradin Knabenhans

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Sie kommen aus Paris, Warschau oder Oxford in Schloss Rapperswil. Rund 30 Wissenschaftler und Politiker aus ganz Europa diskutieren während zweier Tage im Schloss Rapperswil die polnische Freiheitsgeschichte. Nur aus den nahegelegenen Amtsstuben hat niemand den Weg in das Schloss gefunden.

Weder die Stadt, noch die Ortsgemeinde schicken einen Vertreter an die Konferenz. Bereits an der heiligen Messe am Mittwochabend glänzten die Behördenvertreter durch Abwesenheit. Und das obwohl die Polen nicht nur 100 Jahre Unabhängigkeit feiern, sondern auch noch 150 Jahre Rapperswiler Freiheitssäule. Hinter vorgehaltener Hand wird die Abwesenheit kritisiert, etwa von lokalen Musikern, die an der Messe auftraten. Aber auch die Vertreter Polens äussern ihr Bedauern.

Anna Buchmann, die Direktorin des Polenmuseums, hätte sich eine Teilnahme gewünscht – nicht zuletzt deshalb, weil die lokalen Behörden nicht zum ersten Mal einen Termin mit polnischer Prominenz platzen liessen. Sie spricht damit auf den Besuch des Kulturministers an, der vor dem World Economic Forum in Davos dem Museum einen Besuch abstattate. Für ein Gespräch fanden weder Stadt noch Ortsgemeinde Zeit.

Terminprobleme als Ursache

Noch immer hofft der polnische Staat, dass für das Polenmuseum eine Lösung gefunden werden kann. In den kommenden Jahren wollen Stadt und Ortsgemeinde nämlich das Museum schliessen, wenn sie ihre Schlossvision zur Modernisierung umsetzen. «Ich kann nachvollziehen, dass unser Fernbleiben auf Aussenstehende einen komischen Eindruck macht», sagt Matthias Mächler, Präsident der Ortsgemeinde.

«Ich kann nachvollziehen,  dass unser Fernbleiben auf Aussenstehende einen komischen  Eindruck macht.»Matthias Mächler, Präsident Ortsgemeinde Rapperswil-Jona

Er habe einen wichtigen Termin an einer Ostschweizer Konferenz wahrnehmen müssen, sagt er. Im Trubel kurzfristiger privater Termine habe er auch keinen Ersatz bestimmen können. «Ich habe das aber mit dem Präsidenten der Freunde des Polenmuseums abgesprochen.» Im Hintergrund würden denn auch konstruktive Gespräche mit der polnischen Seite geführt, etwa darüber, wie der polnische Teil der Schlossgeschichte in der neuen Ausstellung integriert werden könne, sagt Mächler. Konkrete Ergebnisse gebe es aber noch keine: «Es findet ein erstes Abtasten statt.» Obwohl das Thema sehr emotional sei, bestehe ein gutes Einvernehmen zwischen den Parteien. Am Entscheid, das eigenständige Polenmuseum zu schliessen, werde aber nicht gerüttelt.

Polen hoffen noch immer

Ganz angekommen scheint dieser Entscheid bei den polnischen Behörden noch nicht zu sein. Auch wenn der Fortbestand des Museums nur am Rande der Konferenz thematisiert wurde, betonten die polnischen Vertreter doch immer wieder die eminente Wichtigkeit des Ortes. In einem den Gästen vorgelesenen Brief spricht der polnische Präsident und Schirmherr der Konferenz Andrzej Duda von einem «wichtigen Platz für unser Land und unsere Kultur», eine Vertreterin des polnischen Senats bezeichnete das Schloss als «pulsierender Ort des Polentums» und erinnerte daran, dass in zwei Jahren auch das Museum selber seinen 150. Geburtstag feiern kann. Der polnische Botschafter Jakub Kumoch fand die deutlichsten Worte: «Wir wollen hier bleiben.» Der Staat werde eine Lösung für die Probleme mit dem Museum finden. Er richtete dabei aber auch diplomatische Worte an die abwesenden Behörden. «Wir wissen auch, wem dieser Boden hier gehört.» Man danke der Schweiz, dass sich das Land um dieses Denkmal kümmere. «Es ist der wahrscheinlich wichtigste Platz der Polen in der Schweiz.»

Diese Emotionalität mache es nicht ganz einfach, die richtige Tonalität zu finden, sagt Stadtpräsident Martin Stöckling (FDP). «Das Verhältnis ist nicht ganz unbelastet, auch wenn wir stehts offen und transparent kommuniziert haben.»

Angst vor falscher Geste

Warum macht die Stadt nicht einen Schritt auf die Polen zu und markiert an einer solch wichtigen Konferenz Präsenz? Stöckling äussert sich deutlich: «Wir schätzen die Gefahr relativ hoch ein, dass solche Gesten falsch interpretiert werden.» Man wolle nicht etwa mit einer Grussbotschaft oder einer Rede falsche Erwartungen über den Fortbestand des Museums wecken. Stöckling hofft, dass die Vertreter des Polenmuseums die Schliessungspläne öffentlich akzeptieren würden, so wie es die polnischen Behördenvertreter vor einigen Jahren in einer Verhandlungsrunde im Beisein von Bundesbern eigentlich gemacht hatten. «Erst dann können wir wirklich befreit darüber sprechen, wie wir die polnische Geschichte und die Exponate in der neuen Ausstellung angemessen präsentieren können.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 21.06.2018, 17:02 Uhr

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