Jona

Musizieren, wenn im Kopf schwarze Wolken sind

Die Musik ist ein Tor zu Menschen, zu denen man sonst kaum Zugang findet: Im Pflegezentrum Bühl nehmen demente Menschen an Aktivierungssequenzen mit Musik teil. Das hat erstaunliche Wirkungen.

Die Aktivierungstherapeutin reicht einer Teilnehmerin ein Instrument zum Ausprobieren.

Die Aktivierungstherapeutin reicht einer Teilnehmerin ein Instrument zum Ausprobieren. Bild: Manuela Matt

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Die zwölf Senioren sitzen still und in sich versunken um einen grossen Tisch im ersten Stock des Pflegezentrums Bühl. Es ist die Abteilung des Pflegezentrums, in der die Bewohner mit einer fortgeschrittenen Demenz untergebracht sind. Dann stellt Aktivierungsfachfrau Janine Santmann die Musik an. «Tanze mit mir in den Morgen, tanze mit mir in das Glück», singt Gerhard Wendland aus den Lautsprechern des CD-Players.Plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe.

Einige summen die Melodie mit, andere singen leise den Text. Ein Lächeln zeichnet sich über das Gesicht einer alten Dame. Santmann macht einige Übungen mit ihnen. Arme in die Luft strecken, mit den Füssen stampfen. Die meisten sind engagiert dabei, fangen an zu lachen und die Bewegungen nachzumachen.

Ein Tor zum Menschen

Als Gerhard Wendland seine letzte Zeile gesungen hat, klopfen die Senioren auf dem Tisch Applaus. Mittlerweile sind sie aufgeweckter, reden miteinander, kichern. Santmann reicht nun ein hölzernes Instrument herum. Wenn man es in Kreisen bewegt, macht die Kugel im Inneren ein Geräusch, das wie Wassergluckern klingt. Alle dürfen es in die Hand nehmen und ausprobieren, wie die Töne zustande kommen.

Dann stimmt Santmann ein Lied an. Sie verteilt die Texte, aber die sind gar nicht nötig, denn die meisten singen die Lieder auswendig mit. Auch die, die nur noch wenig hören oder bisher keinen Ton gesagt haben, singen mit. Manche mit Begeisterung und Engagement. Andere nur mit geschlossenen Augen, leicht die Schultern zur Melodie schwingend.

«Im Kopf sind schwarze Wolken», heisst es in dem Gedicht eines anonymen Autors über Demenz. «Sing mit mir Lieder, tu’ was mir gefällt, denn ich bin noch immer Teil von dieser Welt», endet der Vers. Das hat man auch im Rajovita-Pflegezentrum Bühl in Rapperswil-Jona bemerkt: «Die Musik ist für die Bewohner sehr wichtig und für uns wie ein Tor zu ihnen», sagt Santmann. Es gebe eine Frau, die man zu fast nichts animieren könne. Aber sie müsse sie nur nach einem bestimmten Lied fragen. «Dann grummelt sie ein bisschen, schaut mich an, fängt dann an zu singen.» Erst leise, dann immer lauter. «Danach ist sie für fast alles zu haben.»

Im Augenblick leben

«Die Leute können die Lieder auswendig mitsingen. Jedes Wort, besser als wir», erklärt Erika Baumgartner, Stationsleiterin Bühl. Das, obwohl alle Bewohner eine fortgeschrittene Demenz haben. Das bedeutet auch, dass sie weglaufgefährdet sind und auf einer geschlossenen Abteilung leben.

Obwohl sie zuvor kaum laufen konnten, können sie plötzlich tanzen. Aber die Erinnerung sei nachher wieder weg. Letztes Jahr ist Baumgartner zusammen mit fünf Menschen mit Demenz an einem Schlagerabend gewesen. «Das war höllisch schön. Wir haben sogar getanzt», erzählt die Stationsleiterin. Am nächsten Tag sei sie voller Freude zu den Bewohnern gegangen und habe sie gefragt, ob ihnen der Abend gefallen habe. «Aber sie konnten sich nicht mehr erinnern.» Das sei, wie man so schön sagt, im Hier und Jetzt leben. «Das, was wir oft lernen müssen, können diese Menschen fast professionell», bemerkt Baumgartner.

Trotzdem bemerken die Pflegenden eine langfristige Wirkung der musikalischen Aktivierungssequenzen. Dank diesen werde es morgens und abends auf der Station ruhiger. «Früher, als wir das nicht hatten, war zwischendrin Chaos.» Die Bewohner kommen sich zu nahe, wollen nach Hause oder werden aggressiv. «Mit den Musiksequenzen sind sie zufriedener und ruhiger.»

Highlight ohne Maske

Auch für das Pflegepersonal seien diese Sequenzen ein Erfolgserlebnis. «Es tut so gut», sagt Baumgartner. Wenn man die Leute kenne, wie sie sonst sind – in ihre eigene Welt versunken, oft traurig oder weinerlich und mit Stimmungsschwankungen – und dann sehe, wie sie plötzlich strahlen, sei das ein Highlight für sie. «Auch wenn das nur für einen Moment anhält, aber wir brauchen das auch. Das tut uns gut.»

Es sei ganz wichtig, dass die Bewohner freiwillig mitmachen, sagt Santmann. «Es gibt auch einige, die ausdrücklich sagen, sie wollen nicht.» Diese schauen oder hören dann einfach zu. «Sie haben ihre eigene Meinung, und es ist ganz wichtig, dass man diese akzeptiert.» Das Schöne an Menschen mit Demenz sei ihre Ehrlichkeit, erzählt Santmann: «Sie setzen keine Maske auf. Wenn sie strahlen, dann ist das so und kein Pokerface.»

Aber auch anders herum ist das so: «Wenn es ihnen nicht gefällt, dann stehen sie einfach auf und gehen», sagt Baumgartner lachend. Eines ist ihr trotzdem ganz wichtig: «Das ist keine Therapie. Diese Menschen haben ihr Leben gelebt. Sie brauchen keine Therapie, Menschen mit einer demenziellen Entwicklung brauchen Empathie.» Nach einer halben Stunde ist die Sequenz zu Ende. Janine Santmann sammelt Instrumente und Liederbücher wieder ein. «Scho verbii?», bedauert eine ältere Dame: «Das isch etz aber schnell gange. Würkli schnell gange.»

Erstellt: 20.03.2018, 15:03 Uhr

«Menschen mit Demenz setzen keine Maske auf.»
Janine Santmann, Aktivierungsfachfrau

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