Rapperswil-Jona

Hazel und der furzende Papst

Die «böseste Frau der Schweiz» kommt am 27. Oktober nach Jona. Die Comédienne Hazel Brugger über ihren Humor, ihre Familie und ihre Botschaft.

Auf der Bühne böse, im Gespräch reflektiert: Hazel Brugger versteht ihren Erfolg selbst nicht immer.

Auf der Bühne böse, im Gespräch reflektiert: Hazel Brugger versteht ihren Erfolg selbst nicht immer. Bild: Noah Arnold

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Normalerweise werden Leute mit dem Alter bissiger. Viele bezeichnen Ihren Humor aber jetzt schon als bissig. Wie soll das rauskommen, wenn Sie alt sind?
Hazel Brugger: Vielleicht wird das ja wirklich noch ein Problem. Ich glaube, ich bin eher jemand, der üben muss, wie er seine Bissigkeit so verpackt, dass es den Leuten wehtut. Und das kann ich noch nicht so gut. Jetzt lachen sie mich noch aus.

Woher haben Sie Ihren Humor?
Das ist schwierig zu sagen. Ich frage mich das ja auch selbst. Aber ich glaube, dass ich Humor habe, weil mir nicht viel anderes übrig bleibt.

Ihr Programm heisst «Hazel Brugger passiert». Wie viel davon passiert wirklich? Und wie viel davon ist einfach Hazel?
Die Frage zielt ein bisschen darauf ab, dass es einen Privathumor und einen öffentlichen Humor gibt. Und ich glaube schon, dass ich noch nicht ganz bei meinem Privathumor angekommen bin. Ich schätze, 50 Prozent mache ich wirklich aus dem Bauch heraus. Die restlichen 50 Prozent sind das Skelett, das es zusammenhält.

Erkennt das Publikum diesen Unterschied?
Ich glaube nicht. Der Unterschied ist, dass es beim einen einen bewussten kognitiven Prozess gibt und beim anderen einen unbewussten. Ich versuche zu üben, diese intuitiven Situationen und Momente gezielt zu erzeugen. Als Kind hört man ja sehr auf seine Intuition und dann wird es einem im Laufe vom Erwachsenwerden wieder abtrainiert. Sich das dann wieder selektiv anzutrainieren, ist, glaube ich, etwas sehr Schwieriges.

Passen Sie denn Ihr Programm der Region oder dem Ort, wo Sie auftreten, an?
Manchmal schon, wenn es mich interessiert. Grundsätzlich habe ich immer auf dem Schirm, ob ich in einer Stadt oder auf dem Land auftrete, ob in Deutschland oder in der Schweiz. Das ist natürlich rein sprachlich eine Differenz. Aber ich bin nicht jemand, der sagt: «Ich mach jetzt ein Zürichsee-Programm und dann rede ich nur über den Zürichsee.» Es gibt auch Leute, die zwei Stunden fahren, um sich das anzuhören. Für die ist das dann auch blöd, wenn nur Insider abgeklappert werden.

In Ihrer Programmbeschreibung heisst es: «Hazel Brugger zieht aus, die Welt zu verbessern.» Ist das Ihr Ziel?
Genau heisst es ja: «. . . zieht aus, die Welt zu verbessern. Zumindest für einen Abend.» Dass ich jetzt global irgendetwas damit erreiche, geschweige denn moralisch, glaube ich nicht. Das ist einfach nicht realistisch. Aber ich glaube schon, dass mein Programm den Tag für die Leute für zwei Stunden aufwerten kann. Das ist auch mein Anspruch. Es wäre ja blöd, wenn ein Abend im Theater das Gleiche wäre, wie im Büro zu sitzen.

Haben Sie denn überhaupt eine Botschaft?
Natürlich haben die einzelnen Sätze immer eine Botschaft. Aber ganz allgemein ist mir wichtig, dass die Leute wissen, dass Unterhaltung auch etwas Wertiges sein kann. Unterhaltung ist nicht unbedingt Quatsch. Sie kann auch cool sein auf einer Lach- und auf einer Denkebene. Ich würde gerne diese zwei Ebenen mehr verbinden.

Gibt es für Sie eine Moral oder Grenzen beim Humor?
Nein, eigentlich nicht. Je prekärer das Thema ist, desto besser muss der Witz eben sein. Das ist einfach sehr schwierig.

Hat sich Ihr Leben sehr verändert, seit Sie so bekannt geworden sind?
Es ist schon anders. Beruflich ist es natürlich super. Das Problem ist einfach, dass mir die Freiheit genommen wird, wirklich das zu machen, was ich möchte. In den ersten Jahren des Künstlerdaseins kannst du einfach irgendetwas auf der Bühne machen. Wenn es geil ist, ist es geil, und wenn nicht, dann nicht. Aber jetzthaben die Leute Erwartungen. Wenn der Auftritt megablöd wird, dann regen sie sich auf und schreiben schlechte Kommentare auf Twitter.

«Unterhaltung ist nicht unbedingt Quatsch. Sie kann auch cool sein auf einer Lach- und auf einer Denkebene.»Hazel Brugger

Und privat?
Es sind komische Einschränkungen, die man da hat. Ich gehe darum auch nicht mehr so gerne raus. Dass die Leute mich auf der Strasse ansprechen, darauf kann ich zu 100 Prozent verzichten. Das finde ich einfach nur unangenehm und auch unhöflich.

Sie ziehen in Ihrem Programm oft auch über Ihre Familie her. Haben Sie denn wirklich ein schlechtes Verhältnis zu Ihrer Familie?
In meiner Familie haben zum Glück alle Humor. Die finden das megawitzig. Ich sage ja auch nicht, dass ich ein schlechtes Verhältnis habe. Dass ich ein gestörtes habe, ja. Aber ich habe eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie.

Sie treten im ganzen deutschsprachigen Raum auf und haben fast jeden Tag einen Soloauftritt oder einen anderen Termin.Haben Sie überhaupt noch Zeit, an Inspiration zu kommen oder neue Themen zu finden?
Es sind nicht die Themen, die mir ausgehen. Ich habe Notizen auf meinem Computer, die für drei Stunden Programm reichen würden. Aber ich brauche Zeit, das zu entwickeln – und die fehlt mir. Bis man etwas Gutes auf der Bühne machen kann, muss man es erst ein paarmal ausprobieren, damit man hört, wie es die Leute finden. Meine Messlatte für einen zu krassen Witz ist ziemlich anders als bei den meisten Menschen. Und ich will sie ja nicht quälen. Aber ich versuche schon immer ein bisschen krasser zu sein, als die Leute das gerne hätten.

Sie haben erst kürzlich den Swiss Comedy Award gewonnen und auch noch viele andere Preise. Finden Sie sich eigentlich selbst lustig?
Wow, jetzt wird es unverschämt. (lacht) Ich würde mir für die Sachen, für die ich den Award bekommen habe, eher keinen geben. Wenn ich manchmal an guten Tagen in der Küche bin und tanze, dann ist das eigentlich fast witziger. Aber das ist einfach nicht massentauglich.

Dann erstaunt es Sie, dass die Leute Sie so lustig finden?
Ja, wahnsinnig. Es ist schon komisch, dass es funktioniert. Es macht eigentlich keinen Sinn.

Sie kommen aus der Slam-Poetry-Szene, finden Sie das besser als Stand-up-Comedy?
Nein, sonst würde ich das weiter machen. Ich find Stand-up-Comedy viel interessanter. Dadurch, dass man beim Poetry-Slam immer ein Textblatt hat, ist es ganz klar, dass das eine fiktive Situation ist. Bei Stand-up-Comedy ist das Ziel, dass es so wirkt, als wäre alles ganz natürlich, als wäre es einfach ein Gespräch. Das Design des iPhone ist deswegen so gut, weil man nicht sieht, wie viel Arbeit dahintersteckt. Das ist beim Stand-up auch so. Je besser das Programm ist, desto weniger merkt man, dass man gerade etwas konsumiert, das eigentlich unglaublich anstrengend ist.

Ihr Kleidungsstil ist auch immer normal: Jeans und T-Shirt. Ist das absichtlich so natürlich?
Also erstens habe ich gar keine anderen Kleider. Und zweitens finde ich es irgendwie unnötig. Es geht ja nicht darum, was ich anhabe. Ich finde es schön, wennalles ein bisschen normaler ist, dann kann man aus dem Inhalt mehr rausholen. Die Sachen, die ich erzähle, sind zum Teil so abnormal, dass es zu krass wäre, wenn ich dann noch mehr Abnormalität reindrücken würde. Irgendwann werde ich mich schon schöner anziehen müssen. Also so kann das ja nicht weitergehen.

Für manche Leute wirken Siearrogant auf der Bühne. Wassagen Sie dazu?
Ich finde es schon seltsam, was bei den Leuten ankommt. Viele Leute haben das Gefühl, sie kennen mich, und schätzen mich psychologisch ein. Das finde ich noch recht übergriffig. Aber ja, sicher bin ich auch arrogant. Es ist eine wahnsinnige Ego-Branche, in der man sich mit dem Ellbogen Platz verschaffen muss. Ich glaube, dass das zum Konzept gehört.

Der ernste oder gleichgültige Gesichtsausdruck ist Ihr Markenzeichen. Was bringt Sie eigentlich zum Lachen?
Ich finde es lustig, wenn in megaernsten Situationen plötzlich irgendetwas passiert, das keiner erwartet. Wenn der Papst eine Ansprache hält und dann laut furzen würde, das fände ich lustig. Ich mag das einfach, wenn eine Dynamik so klar gebrochen wird, dass man als Schock einfach lachen muss. Dann lache ich auch so, dass ich mich fast nicht mehr halten kann. Aber wenn ich etwas anschaue, wie andere Stand-up-Programme zum Beispiel, kann ich das auch lustig finden, ohne zu lachen. Ich darf mich dann einfach nicht in die erste Reihe setzen, sonst denken die Leute: «Hey, was lauft? Huere arroganti Sau.»

Hazel Brugger tritt am 27. Oktober im Kreuz Jona auf. Vorverkauf unter www.gruenfels.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.10.2017, 17:25 Uhr

Zur Person

Hazel Brugger wurde als Tochter eines Schweizers und einer Deutschen in den USA geboren. Mit 17 Jahren begann sie ihre Karriere auf einer Poetry-Slam-Bühne in Winterthur.

Die 23 jährige ist Gewinnerin zahlreicher Preise, darunter zuletzt der Swiss Comedy Award 2017. Sie tritt regelmässig in verschiedenen Satireformaten im TV auf (u.a. als Aussenreporterin bei der «heute-show» im ZDF) und tourt mit ihrem Soloprogramm «Hazel Brugger passiert» durch die Schweiz, Deutschland und Österreich. Sie schreibt eine Kolumne für «Das Magazin», für die sie 2016 zur Schweizer Kolumnistin des Jahres gewählt wurde. Gesammelte Kolumnen und mehr sind unter dem Titel «Ich bin so hübsch» im Kein&Aber-Verlag erschienen. (has)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Fertig mit dem Ufzgi-Knatsch

Hörbuch «Märchen sind für Kinder eine Lebenshilfe»