Landwirtschaft

«Es muss nicht immer einer recht haben»

Pius Hager (70) hat als landwirtschafticher Berater rund 800 Hofübergaben und 100 Scheidungen von Bauernpaaren begleitet. Er hat ein Buch geschrieben, wie man Generationen- und Ehekonflikte friedlich regeln kann.

Vom Bauern zum Buchautor: Pius Hager aus Jona hat seine Erfahrungen als landwirtschaftlicher Berater 
niedergeschrieben.

Vom Bauern zum Buchautor: Pius Hager aus Jona hat seine Erfahrungen als landwirtschaftlicher Berater niedergeschrieben. Bild: Reto Schneider

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Sie haben Ihren Berufsweg als Bauer begonnen und sind nach Ihrer Pensionierung zum Sachbuchautor geworden. Ein weiter Weg.
Pius Hager: Ich bin als jüngstes von zehn Geschwistern auf einem Bauernhof in Kaltbrunn aufgewachsen. Zwei meiner älteren Brüder lernten auch Bauer, und da wir nur einen Betrieb hatten, fand mein Vater, es wäre für mich besser, noch etwas anderes zu lernen. Er schlug mir vor, Agronomie zu studieren, was ich am Technikum in Zollikofen tat. Der Praxisbezug war dort grösser als an der ETH.

Was arbeitete ein Agronom Ende der 1960er-Jahre?
Ich ging zunächst in die Futtermittelindustrie. Das war aber nicht die Art von Beratung, die ich suchte. Es ging um ein Produkt, und man war nur dann ein guter Berater, wenn man möglichst viel verkaufte. Nach zehn Jahren Tätigkeit in der Schweizerischen Zentralstelle für Betriebsberatung kam ich 1980 in den Kanton St.?Gallen zurück, wo ich die Bauern direkt beraten konnte. Daneben arbeitete ich als Landwirtschaftslehrer in Flawil, wo ich verschiedene Fächer unterrichtete, bis hin zu Rechts- und Lebenskunde.

Von da ist es immer noch ein weiter Weg zum Buchautor.
Meine Tätigkeit entwickelte sich immer mehr weg von den Tieren und Produkten hin zum Menschen. Von 1980 an habe ich Hofübergaben begleitet und ab den 1990er-Jahren auch immer mehr Scheidungen. So kam ich zum Thema Streit und Frieden. Wenn ich an einem Seminar über meine Erfahrungen berichtete, forderten mich die Teilnehmer oft auf, alles aufzuschreiben. Nach meiner Pensionierung habe ich das jetzt getan.

Sie haben rund 800 Hofübergaben und 100 Scheidungen begleitet. War das nicht manchmal ein Riesenfrust?
Frust kam nur dann auf, wenn ich zu spät kam. Wenn die Leute mir sagten: «Hätten wir das doch vorher gewusst!»

Ist die Scheidung eines Bauernpaares schwieriger als die eines anderen Ehepaares?
Das bäuerliche Bodenrecht schafft spezielle Voraussetzungen. Der Hof wird nicht zum Marktwert angerechnet, sondern zum deutlich tieferen Ertragswert. Der Partner, der auf dem Hof bleibt, hat also einen Vorzugspreis. Der Partner, der geht, und das ist meistens die Frau, darf aber dennoch nicht leer ausgehen.

Wie kann man das erreichen?
Ich habe jeweils in die Konvention hineingeschrieben, wie viel der Mann bezahlen muss, wenn der Hof dereinst nicht an ein gemeinsames Kind verkauft wird. Das gab der Frau eine gewisse Absicherung für die Zukunft.

Gab es auch Fälle, in denen Sie nicht mehr weiterwussten?
Wenn es bei einer Scheidung nicht mehr weiterging, waren die Anwälte und die Gerichte an der Reihe. Bei Generationenkonflikten und Hofübergaben gab es Einzelfälle, in denen wir keine Lösung finden konnten. Da konnte nur noch die Trennung helfen. Eine Seite musste vom Hof, entweder Alt oder Jung.

Was sind die Gründe für solche Generationenkonflikte?
Es sind menschliche Gründe, die auch in anderen Familien und Betrieben vorkommen. Die Besonderheit bei den Bauern ist, dass man nahe beieinanderlebt und miteinander arbeitet. Die Jungen haben eine andere Ausbildung und ein anderes Denken. Die Älteren hatten mit ihren Methoden vorher aber auch Erfolg. Da muss man ein gutes Gespür füreinander haben.

Ist die generationenübergreifende Grossfamilie demzufolge ein idealistisches Konstrukt?
Wenn alles funktioniert, die Toleranz auf allen Seiten vorhanden ist und die Mitglieder menschlich zusammenpassen, ist sie heute noch ideal. Aber das ist nicht einfach so der Fall. Dazu müssen alle beitragen. Heute wird das Bild von der idealen Gross- und Patchworkfamilie in den Medien am Beispiel von Stars zelebriert. Das weckt teilweise unrealistische Erwartungen. Vom Krach und von den Schwierigkeiten liest man in diesen Artikeln natürlich nichts.

Ein unrealistisches Bild vermitteln auch Sendungen wie «Bauer, ledig, sucht?...». Was halten Sie von solchen Formaten?
Ich habe mit Bauern gesprochen, die in dieser Sendung mitmachten. Das Ganze ist gestellt, die Texte sind auswendig gelernt. Natürlich kann es mitunter sein, dass einer eine Frau findet, solche Fälle kenne ich auch. Aber der Beruf des Bauern wird in diesen Sendungen falsch dargestellt. Da sitzen die Bauersleute dann auf einem Bänkli, das extra für die Kamera dort hingestellt wurde, um eine Gotthelf-Idylle zu kreieren.

Was muss eine Frau mitbringen, um eine gute Bäuerin abzugeben?
Sicher nicht nur Idealvorstellungen und Träume oder schöne Erinnerungen an Ferien auf dem Bauernhof. Man muss sich auf harte Arbeit und lange Arbeitszeiten einstellen und darf daneben trotzdem die Pflege der Partnerschaft nicht ausser Acht lassen. Das ist ganz wichtig. Es gibt heute im Übrigen viele Nichtbauerntöchter, die hervorragende Bäuerinnen sind. Auch auf den Bauernhöfen werden inzwischen ganz verschiedene Rollenmodelle gelebt.

Welche zum Beispiel?
Die Frau, die vielleicht Lehrerin ist, arbeitet ein bis zwei Tage in ihrem Beruf. So hat sie weiterhin ihren Verantwortungsbereich und erhält die Wertschätzung, die sie vielleicht auf dem Hof ab und zu vermisst. Es gibt auch Frauen, die voll arbeiten, während der Mann in Hof und Haus alles erledigt. So ein Bauer wäre vor zwanzig Jahren noch ausgelacht worden. An andern Orten arbeitet der Mann auswärts, und die Frau schmeisst den Hof.

Haben die schwierigen Situationen, die Sie antrafen, Sie nie belastet?
Die Gefahr bestand schon, vor allem, wenn ich die Leute gut kannte. Eine gewisse Distanz brauchte es, aber dennoch mussten die Ratsuchenden spüren, dass ich auf sie einging. Wenn ein plötzlicher Todesfall oder eine schwere Krankheit dazukam, wurde es hart. Ich konnte aber immer gut abschalten. Und ich konnte immer mit meiner Frau über alles reden. Als Bauerntochter hatte sie stets sehr viel Verständnis für meine Arbeit und für die Probleme der Bauernfamilien.

Wie gehen Sie mit Konflikten in Ihrer eigenen Ehe und Familie um? Oder haben Sie gar keine?
Meine Frau und ich haben ein sehr gutes Verhältnis, aber wir sind längst nicht immer einer Meinung. Wir haben stets alles ausdiskutiert, aber die Meinung des anderen auch mal stehen lassen können. Es muss ja nicht immer einer recht haben, es können auch beide ein bisschen recht haben. Das haben wir auch unsere Töchter gelehrt.

Gibt es eine Geschichte aus Ihrer langen Beratertätigkeit, die Ihnen besonders nahegegangen ist?
Ja, ein Fall macht mich heute noch wütend. In einem Generationenkonflikt war der Vater nach langen Gesprächen endlich bereit, vom Hof wegzuziehen. Die letzte Sitzung war für den Nachmittag angesetzt, da rief mich kurz vor dem Mittag der Schwiegersohn an, der nichts mit dem Ganzen zu tun hatte. Er sagte mir, er nehme den Fall jetzt selber in die Hände, wir könnten die Sitzung absagen. Heute, 15 Jahre später, streitet die Familie immer noch. Dabei hätten wir die Lösung auf dem Tisch gehabt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 29.06.2015, 01:16 Uhr

Zur Person

Pius Hager wurde 1945 auf einem Bauernhof in Kaltbrunn geboren, als jüngstes von zehn Geschwistern. Der Agronom arbeitete jahrzehntelang als landwirtschaftlicher Betriebsberater des Kantons St. Gallen sowie als Landwirtschaftslehrer und hat nach seiner Pensionierung ein Buch über Generationen- und Partnerschaftskonflikte geschrieben: «Leben – vom Streit zum Frieden».
Pius Hager ist seit 45 Jahren verheiratet und Vater von drei erwachsenen Töchtern. Er lebt
in Jona. (jä)

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