Rapperswil-Jona

Ein Festival auf der Suche nach sich selbst

In den besten Zeiten lockte das Blues’n’Jazz rund 35'000 Musikbegeisterte an den Obersee. Dieses Jahr waren es noch 15'000. In der Kasse klafft ein Loch – und der erste Festivalpräsident kritisiert das neue Konzept.

Klein und gratis: Das Konzert unter dem Motto «Blues’n’What» lockte Zuschauer trotz gleichzeitigen Blues’n’Jazz-Konzerten in die Herrengasse.

Klein und gratis: Das Konzert unter dem Motto «Blues’n’What» lockte Zuschauer trotz gleichzeitigen Blues’n’Jazz-Konzerten in die Herrengasse. Bild: Manuela Matt

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Musik und Bier gab es am See, Musik und Bier gab es in der Altstadt. Während am See die Blues’n’Jazz-Besucher für den Musikgenuss bezahlten, wippten die Gäste des Konzertes an der Herrengasse kostenlos im Takt mit. «Blues’n’What» nennt sich der Guerilla-Event, welcher am Samstagabend parallel zum Blues’n’Jazz in der Rapperswiler Altstadt über die Bühne ging.

Statt glamouröser Scheinwerfer-Show setzten die Blues’n’What-Macher auf Festzelt und möglichst wenig Technik. Ja, gibt Organisator Philipp Elsener zu, eine «kleine Anti-Bewegung» zum Blues’n’Jazz sei ihr Konzert schon gewesen. Von einem richtigen Protest will er aber ganz und gar nicht sprechen. «Das musikalische Programm des Blues’n’Jazz ist gut», sagt Elsener, der auch Mitglied der Trigger Concert Big Band ist. Natürlich sei die Ausrichtung des Programms immer auch Geschmacksache. Am «Blues’n’What» traten in der spontan zusammengewürfelten Band nebst Elsener etwa Matthias Tschopp, Patrick Watanabe (beide Knuts Koffer) oder Jessy Hirschi (Yakaree) auf.

Mit ihrem kleinen Konzert, das in diesem Jahr zum zweiten Mal an der Herrengasse stattfand, habe man ein kleines Fest ohne Zwänge schaffen wollen. Auch, um an die Wurzeln des Blues’n’Jazz zu erinnern. «Es sollte nicht nur die Rendite im Vordergrund stehen», sagt Elsener. Viel mehr wünsche man sich wieder mehr Auftrittsmöglichkeiten für lokale Bands und die Kreativität aus den früheren Jahren.

Vom Konzert in direkter Nachbarschaft zum Blues’n’Jazz erfährt Festivalsprecher Marc Lindegger durch die ZSZ. Konkret äussern will er sich nicht. Viel wichtiger ist ihm zu betonen, dass man ein unfallfreies Festival-Wochenende mit 20 Konzerten und tollen Künstlern gehabt habe. Auch das «grossartige Publikum» habe den Organisatoren viel Freude bereitet. «Nicht happy machen uns die Eintrittszahlen und das Wetter.» Wie viel Verlust man gemacht habe, können die Organisatoren kurz nach Abschluss der Festivaltage nicht beziffern. «2018 gibt es wieder ein Blues’n’Jazz», sagt Lindegger. Das Organisationsteam um die Carré Event AG habe nach wie vor Freude am Blues’n’Jazz.

Wünsche der Besucher

Auf Facebook wünschen sich einige Konzertbesucher eine Rückkehr zu den Wurzeln des Festivals, der Name soll wieder Programm sein. Dazu schreiben die Organisatoren: «Eure Feedbacks sind uns wichtig.» Man nehme die Feedbacks ernst und diskutiere sie. «Das Blues’n’Jazz soll euer Festival sein.» Ob das musikalische Fest 2018 am gleichen Wochenende stattfindet ist noch offen. «Unmittelbar zur Diskussion steht eine Veränderung des Zeitpunkts nicht», sagt Lindegger. Schon seit Jahren findet gleichzeitig das Openair St. Gallen und das Albani-Fest Winterthur statt. Der Mediensprecher betont: «Die Veranstalterkonkurrenz hat man immer».

«Das Blues’n’Jazz ist nicht mehr das tief verwurzelte Stadtfest von damals»Martin Klöti, Regierungsrat

Die Frage ist, wie lange das Blues’n’Jazz finanziell noch durchhalten kann. In den letzten Jahren gab es viele Regentage - und entsprechend viele Defizite. Nur 2015 gab es einen Gewinn. Lindegger betont noch einmal, die Carré Event AG stehe zum Anlass.

Stadtpräsident Martin Stöckling (FDP) erklärt auf Anfrage, das Blues’n’Jazz sei eine wichtige Veranstaltung für die Stadt. Man habe Ideen, wie man das Festival zusätzlich unterstützen könne. Noch sei aber nichts spruchreif. «Rein ein finanziell höherer Beitrag der Stadt wäre aber nicht nachhaltig», betont er. Aktuell wird das Festival bereits durch Geld- und Sachzuwendungen der Stadt unterstützt. Die Stadt konnte am Montag nicht beantworten, wie viel Geld sie genau in das Festival steckt.

Kritik vom Regierungsrat

Keine finanzielle Unterstützung kann sich das Blues’n’Jazz vom Kanton St. Gallen erhoffen. Regierungsrat Martin Klöti (FDP) sagt, rein kommerzielle Anlässe würden vom Kanton finanziell nicht unterstützt. So erhalte auch das Openair St. Gallen keinen Franken.

Dass das Blues’n’Jazz nicht vom Fleck kommt, bedauert Klöti. Als erster Festivalpräsident gehört er zu den Gründungsvätern der Veranstaltung. «Das blues’n’jazz ist nicht mehr das tief verwurzelte Stadtfest von damals», sagt Klöti, der die Glanzzeiten des Festivals mit rund 35’000 Besuchern noch erlebt hat. «Das Festival bewegt sich nicht mehr in der charmanten Nische.»

Die neue Positionierung habe dazu geführt, dass man sich gegen viele andere Mainstream-Festivals behaupten müsse. «Aus unverwechselbar wurde verwechselbar.» Bekannte Namen würden das Festival teuer machen. Klöti betont, er trauere nicht alten Zeiten nach. «Es ist auch nicht an mir, Ratschläge zu erteilen.»

Und trotzdem kann der Regierungsrat seine Emotionen für das Festival nicht verstecken: «Dass das Publikum nicht kommt, kann man nicht nur dem Wetter zuschreiben», ergänzt Klöti und schiebt einen Vergleich mit dem Openair St. Gallen nach. «Schlamm-Gallen» wie der St. Galler Event vom letzten Wochenende liebevoll genannt wird, besuchen Festival-Fans auch bei miesestem Wetter. Weil der Event einen eigenen Spirit lebt. «Dieser Groove eines Festivals ist nicht mit bekannten Namen zu erreichen.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.07.2017, 21:13 Uhr

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