Umstrittenes Schultheater

«Die Kinder wurden dargestellt, als wären sie Terroristen»

Die Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur sollen den Schülern Freude machen. Davon ist der Uzner Ahmet Tak überzeugt. Als Präsident türkischer Elternvereine gibt er sich im Schulkontext politisch neutral, doch privat teilt er auf Facebook rechtsradikales Gedankengut.

Die Theateraufführung sei Teil der türkischen Kultur und werde seit über 30 Jahren präsentiert. «Das hat mit Propaganda nichts zu tun», versichert Ahmet Tak, Präsident des Dachverbandes der türkischen Elternvereine in der Ostschweiz.

Die Theateraufführung sei Teil der türkischen Kultur und werde seit über 30 Jahren präsentiert. «Das hat mit Propaganda nichts zu tun», versichert Ahmet Tak, Präsident des Dachverbandes der türkischen Elternvereine in der Ostschweiz. Bild: Facebook

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Wenn Kinder mit Holzwaffen auf einer Theaterbühne aufeinander losgehen, dann ist das ein Stück der türkischen Kultur. Davon ist der Uzner Ahmet Tak überzeugt. An die Schlacht von Gallipoli während des Ersten Weltkrieges muss erinnert werden, ist sich Tak sicher. Seit der «Sonntags-Blick» über die Aufführung des Theaters als türkische Machtpropaganda berichtet hat, sieht die Welt etwas anders aus. Ahmet Tak hat unruhige Tage hinter sich: Als Organisator des kritisierten Theaterstücks steht er plötzlich im Fokus des medialen Interesses. Der Mann mit der ruhigen und überlegten Stimme lebt in Uznach und amtet als Präsident des Dachverbandes der türkischen Elternvereine in der Ostschweiz.

«Die Kinder wurden im Zeitungsbericht des ‹Sonntags-Blicks› so dargestellt, als wären sie Terroristen.» Das habe den Familien und den Kindern sehr wehgetan. Im Stück um die Schlacht von Gallipoli pflege ein türkischer Soldat am Schluss einen fremden Soldaten, erklärt Tak. «Das Theaterstück ist Teil von Feierlichkeiten zum Jahrestag der Schlacht. Wir feiern und trauern gemeinsam – auch mit den damals Verfeindeten.» Die Aufführung sei Teil der türkischen Kultur und werde seit über 30 Jahren präsentiert. «Das hat mit Propaganda nichts zu tun», versichert Tak.

Eingeübt haben das Theaterstück Schüler aus dem st.-gallischen Flawil in einem Integrationsfreifach (siehe Kasten). Diesen Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) würden Kinder von türkischen, kurdischen oder syrischen Familien besuchen, erzählt Tak. Kinder von Eltern also, die ganz unterschiedliche politische Auffassungen haben. Unter diesen Umständen könne man gar keine politische Propaganda machen, meint Tak, weil sonst einzelne Eltern ihre Kinder gar nicht mehr zum Unterricht schicken würden.

Keine Angst vor der Politik

Im HSK-Unterricht werden Kultur und Geschichte des Landes vermittelt, aber etwa auch das türkische Alphabet. Die türkische Botschaft liefert dafür Unterrichtsmaterial. «Aber das ist Bildung und nicht Politik», versichert Tak auch hier. Schulleiter aus der Region wollen sich nun aber selbst einmal ein Bild machen, was im HSK-Unterricht gelehrt wird – schliesslich handelt es sich bei den Kursen um ein Freifach, das in den Schulzimmern der Gemeinden angeboten wird. Dass sich die Politik und die Schulverwaltungen nun plötzlich für den Unterricht interessieren, das stört Tak nicht. Er will einen offenen Umgang pflegen: «Alle Interessierten sind immer und ohne Anmeldung herzlich willkommen», sagt er. «Wir haben doch nichts falsch gemacht.» Selbstverständlich dürften die Schüler jederzeit auch befragt werden, denn Kinder würden nicht lügen.

Macht Tak sich Sorgen, die Kurse wegen der umstrittenen Theateraufführung nicht mehr anbieten zu können? «Nein, wir haben keine Angst», meint er und fügt, quasi als Beweis, auch die eigene Integrationsgeschichte an – 36 Jahre lang lebte er in Rapperswil-Jona, nun in Uznach. «Meine Kinder haben in der Jugendarbeit mitgeholfen, mein Sohn spielt Fussball, meine Tochter Unihockey.» Nah am Leben der Kinder hier zu sein, das ist das Ziel des Vereins: «Mit unseren Lektionen wollen wir einfach, dass die Kinder Freude haben am Unterricht.» Deshalb organisierten die Elternvereine auch viele Ausflüge, etwa in den Zoo oder den Europa-Park. Dabei müsse er das Geld für diese Aktivitäten von Spendern zusammenkratzen. «Würden wir für Präsident Erdogan Propaganda machen, dann würde es uns als Elternverein finanziell sehr gut gehen.»

Radikale Facebook-Posts

Tak will Politik und Bildung strikt trennen. Auf Facebook teilt er aber regelmässig Beiträge von rechtsradikalen türkischen Gruppierungen, Parteien, die mit den Ideen der sogenannten Grauen Wölfe oder den drei Halbmonden sympathisieren.

Die drei Halbmonde symbolisieren Blut, Boden und Islam.Die sogenannte Ülkücü-Bewegung wird kritisch beobachtet – in der Schweiz wurde erst imvergangenen Jahr eine Veranstaltung in Reinach BL verboten, an der zwei bekannte Repräsentanten der Grauen Wölfe auftreten wollten. Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg bezeichnet die Bewegung als «als rechtsextremistisch, da sie einen übersteigerten Nationalismus propagiert». Ihre Anhänger würden nicht nur die eigene Nation glorifizieren, sondern betrachteten sich als anderen Nationen überlegen und würdigten diese herab.

Warum teilt Tak solche Inhalte auf Facebook? «Ich bin stolz auf mein Land, aber radikal bin ich nicht.» Tak betont gegenüber der «Zürichsee-Zeitung», er sei nicht Mitglied einer rechtsradikalen Partei. «Radikalität schadet immer.» Er gehe einfach offen mit seiner Haltung um, teile ja nicht nur politische, sondern auch religiöse Inhalte. «Ich habe nichts zu verstecken. Wie gesagt, ich mache es aus Liebe zu meinem Land», sagt er und betont gleich wieder: Im Elternverein habe Politik nichts zu suchen. Er habe und werde nie jemanden von seiner Haltung überzeugen wollen. Es gehe dort nur darum, mit seinem Engagement den Kindern eine Freude zu machen. «Nur weil ich auf Facebook die Flagge meines Landes zeige, macht mich das noch lange nicht zum Patrioten oder Rassisten.»

Erstellt: 08.05.2018, 09:39 Uhr

Umstrittenes Theater

Kanton hat keine Kontrolle über Kurse

Gewalt im Umfeld von Kindern, wo und wie auch immer, sei zu miss­billigen, sagt der St. Galler Bildungschef Stefan Kölliker. Wenn beim Theaterstück im Thurgauer Uttwil wirklich Kriegsspiele und Gewaltverherrlichung stattgefunden ­haben, erschrecke ihn das natürlich. «Wir wissen es nicht genau und müssen uns auf Bilder abstützen.» An dem umstrittenen Theaterstück über die Schlacht von Gallipoli Ende März in Uttwil waren mehrheitlich Schüler einer HSK-Klasse aus Flawil beteiligt – HSK steht für «Heimatliche Sprache und Kultur». Ein Türkei-Experte hatte im «Sonntags-Blick» kritisiert, bei dem Anlass seien Kinder gezielt für nationalistische Kriegspropaganda von Staatspräsident ­Erdogan instrumentalisiert worden. Dabei müssen die HSK-Kurse politisch und ­konfessionell neutral sein.

Kölliker lobt offenes Verhältnis mit Vereinen

Wie stellt der Kanton dies sicher? «Das kann der Kanton nicht garantieren, weil er keine Aufsicht über den HSK-Unterricht hat», sagt Kölliker. Eine Aufsicht würde eine engere Bindung der Vereine an die Schule voraussetzen und dafür müsste eine Rechtsgrundlage bestehen. «Beides haben wir nicht.» Das bisherige offene Verhältnis bewähre sich seit langem gut, der Kanton wolle die bisherigen Kontakte nicht abbrechen. Wäre es nach dem Fall in Uttwil angebracht, eine Kontrolle der HSK-Kurse einzuführen? «Das wäre eine Diskussion um die Gesetz­gebung», sagt Kölliker. Er glaube nicht, dass ein politischer Wille bestehe, den HSK-Unterricht stärker an die Schule zu binden. Der Kantonsrat habe vor drei Jahren einen Vorstoss mit solcher Richtung abgelehnt.

Österreicher sehen Theater noch kritischer

Österreich geht härter vor, wie ein ak­tuelles Beispiel zeigt: Eine Wiener Moschee liess Kinder ebenfalls die Schlacht von Gallipoli nachspielen – in Tarnanzügen und mit türkischen Flaggen salutierend. «Das hat in Österreich keinen Platz», war die Reaktion von Bundeskanzler ­Sebastian Kurz. Die rechtlichen Möglichkeiten würden bis hin zur Schliessung der Moschee reichen.
Der HSK-Unterricht wird im Thurgau und im Kanton St. Gallen durch Trägerschaften der Botschaften, Konsulate oder Vereine angeboten und finanziert. Er ist ein fakultatives Angebot, das den Unterricht der Volksschule ergänzen soll. Der Besuch des HSK-Unterrichts kann im Zeugnis mit einer Note oder einem Vermerk eingetragen werden. Schüler mit Migrationshintergrund sollen besser Deutsch lernen, wenn sie auch in ihrer Muttersprache unterrichtet werden. St. Gallen orientiert sich dabei am Rahmenlehrplan HSK des Kantons Zürich und bietet ­Kurse in 17 Sprachen an. Ein­geführt wurde der HSK-Unterricht in der Schweiz in den 1960er-Jahren – im Kanton ­Zürich in den 1930er-Jahren – für die Kinder der Arbeits­migranten aus Italien.
Katharina Brenner

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