Kälte

Bise und Frost legen Baustellen lahm

Rissiger Beton und eiskaltes Eisen: Die klirrende Kälte erschwert die Arbeit auf dem Bau derart, dass der Betrieb vielerorts ruht. Eine Schlechtwetterversicherung kommt kaum zum Einsatz, vielmehr kompensieren die Arbeiter ihre Überzeit.

Die klirrende Kälte macht Beton- und Hochbauarbeiten fast unmöglich. Auch in Wädenswil stehen die Baumaschinen darum am Montag grösstenteils still.

Die klirrende Kälte macht Beton- und Hochbauarbeiten fast unmöglich. Auch in Wädenswil stehen die Baumaschinen darum am Montag grösstenteils still. Bild: Michael Trost

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Eine Winterpause gibt es in der Baubranche heute nicht mehr. Dennoch stehen die meisten Baumaschinen rund um den Zürichsee derzeit still. Der Grund: Die «russische Kältepeitsche», kalte Polarluft, die aus dem Osten über die Schweiz zieht und für Minustemperaturen im zweistelligen Bereich sorgt.

«Wir haben die Hochbauarbeiten bis und mit Mittwoch komplett eingestellt», sagt Thomas Ringli, Geschäftsführer der Briner Bau AG mit Sitz in Stäfa. Die Qualität könne bei derart tiefen Temperaturen nicht mehr gewährleistet werden. Gleiches ist auch vom anderen Seeufer zu vernehmen: «Ab minus fünf Grad kann nicht mehr vernünftig betoniert werden», sagt Miro Foitek von der Anlinker AG in Thalwil. Beton erhärte bei niedrigen Temperaturen langsamer und bei Temperaturen unter null Grad Celsius praktisch gar nicht mehr. Gefriert frischer oder nur wenig erhärteter Beton, könnten sich zudem Risse bilden und auch die Endfestigkeit des Produktes lasse nach.

Viele Betonhersteller haben ihren Betrieb daher eingestellt. So auch die Beton Willikon AG aus Oetwil am See. «Einerseits müsste ein unverhältnismässig grosser Aufwand betrieben werden, um Beton bei diesen Temperaturen überhaupt herstellen und konservieren zu können. Andererseits ist bei einer solchen Kältewelle wie der jetzigen, auch die Nachfrage gering», erklärt Werkmeister Hans Fuhrer.

Die Problematik rund um den Beton ist aber nicht der einzige Grund, weshalb Bauunternehmer Miro Foitek einem Grossteil seiner Mitarbeitern für die nächsten Tage frei gegeben hat: «Bei derart niedrigen Temperaturen leidet auch die Leistung der Arbeiter.» Beweglichkeit, Feingefühl und Motivation würden proportional zu den Temperaturen abnehmen. Dem pflichtet auch Urs Bachmann, Geschäftsführer der Toneatti AG in Jona bei. «Fassen Sie einmal Eisen bei minus zehn Grad an. Dann wissen Sie, warum wir im Hochbau derzeit eine Zwangspause eingelegt haben.»

»Drei bis vier Tage sind zu verschmerzen»

In Panik verfallen ob der verlorenen Arbeitszeit mögen die Bauunternehmen in der Region indes nicht. «Drei bis vier Tage sind zu verschmerzen», sagt Jürg Nussbaumer, Geschäftsführer der Föllmi AG Wädenswil. «Das Wetter gehört in unserem Gewerbe nun mal dazu.» Beinahe jedes Jahr gäbe es zwei, drei solcher Kältetage, an denen nur eingeschränkt gearbeitet werden könne. Die Gleitzeitregelung erlaube es den Arbeitnehmern, ihre Überstunden aus den Sommermonaten in den Wintermonaten zu kompensieren, erklärt Urs Bachmann. «Erst wenn sich eine derartige Kältewelle über einen längeren Zeitraum erstreckt, hätte dies weiterreichende Folgen für die Bauunternehmen und deren Auftraggeber.»

In solchen Fällen käme, wo vorhanden, eine sogenannte Schlechtwetterversicherung zum Tragen. Diese ermöglicht es den Arbeitgebern, beim zuständigen kantonalen Arbeitsamt eine Meldung auf Schlechtwetterentschädigung einzureichen. Im Moment machen die Unternehmen in der Region jedoch noch keinen Gebrauch von dieser Option.

Traut man den Wettervorhersagen, dürfte dies bis auf weiteres wohl auch so bleiben. Denn bereits am Donnerstag soll es wieder wärmer werden. Bis dahin heisst es für die Bauarbeiter: Warm einpacken und viel Tee trinken.

Dick eingepackt: Mit Mütze, Schal und Thermounterwäsche halten sich die Bauarbeiter dieser Tage warm. Bild: Michael Trost

Ein Gesetz fehlt

Verbindliche Temperaturgrenzen, ab wann die Arbeiten auf dem Bau eingestellt werden sollen, existieren auf Bundesebene nicht. Lediglich im Kanton Waadt gibt es bereits eine solche Branchenregelung, wie Radio SRF berichtet. So müssen dort Bauarbeiten draussen beendet werden, wenn der Wetterdienst meldet, dass die gefühlte Temperatur kälter als minus acht Grad ist.

Ein Schweizweites Gesetz fehlt also, dennoch hält das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im Leitfaden «Arbeiten bei Kälte» fest,dass jeder Arbeitgeber dazu verpflichtet ist, den Mitarbeitenden geeignete Kälteschutzmassnahmen zur Verfügung zu stellen. Welcher Art diese sind, bleibt den Betrieben aber selber überlassen.

Das Seco teilt die möglichen Massnahmen bei Kältearbeit in drei Kategorien (technisch, organisatorisch und persönlich) ein. Zu den technischen Massnahmen gehören etwa örtliche Heizungen (Infrarotstrahler), beheizte Fahrersitze für Staplerfahrzeuge oder das Abdecken von exponierten Stellen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.02.2018, 17:46 Uhr

Nachgefragt

«Die Kälte ist für die Arbeiter unzumutbar»

Die Bauunternehmen reagieren unterschiedlich auf die momentane Kältewelle. Reichen die Mass­nahmen aus Sicht der Unia?
Stefan Brülisauer: Häufig reichen diese nicht aus. Die Baumeister sollten jetzt ihre Schlecht­wetterversicherung einsetzen. Wir sind der Meinung, dass die momentane Kälte für Arbeiter auf Bau und Strasse unzumut­bar ist.

Was beinhaltet die Schlechtwetterversicherung?
Der Arbeitgeber kann bei seiner Versicherung schlechtes Wetter «anmelden» und erhält dann 80 Prozent seines Ausfalles zurückerstattet. Er hat also keine grossen finanziellen Einbussen zu befürchten.

Wie viele Unternehmen berufen sich derzeit auf diese Schlechtwetterversicherung?
In der Ostschweiz haben rund 70 Prozent der Bauunternehmen schlechtes Wetter eingegeben.

Wie kann ein Bauunternehmen, das über keine solche Ver­sicherung verfügt, seine Arbeitnehmer schützen?
Wir fordern, dass Bauunter­nehmen ihre Baustellen bei dieser Kälte zumachen. Bei den momen­tanen Temperaturen steigt die Unfallgefahr deutlich an; einerseits wegen des gefro­renen Bodens, anderseits durch die sinkende Konzentration bei den Arbeitnehmern. Auch die Muskeln arbeiten bei grosser Kälte weniger gut, was wiederum zu mehr Unfällen führen kann.

Was kann den Arbeitern – abgesehen von einer temporären Baustellenschliessung – sonst noch helfen?
Wenn der Betrieb auf der Baustelle weitergeht, braucht es auf jeden Fall klare Regelungen für Pausen. Wie bei Hitzewellen auch braucht es bei grosser Kälte stündliche Unterbrüche, in welchen die Arbeiter sich in der Baracke aufwärmen können.

Sie sagen, die momentanen Temperaturen seien unzu­mutbar. Wo liegt aus Ihrer Sicht die Grenze zwischen zumutbar und unzumutbar?
Leider gibt es keine klaren Parameter für diese Grenze. Die Arbeitgeber wehren sich gegen eindeutige Definitionen, welche das Schliessen einer Baustelle wegen grosser Kälte vorschreiben würden.

Trotzdem sind Sie überzeugt, dass bei den momentanen Tempe­raturen eine Grenze erreicht ist.
Wir glauben, dass minus 4 Grad sehr kalt ist, um draussen arbeiten zu müssen. Kommt hinzu, dass gewisse Materialien die Arbeit bei Temperaturen unter null gar nicht mehr zulassen, zum Beispiel Beton, der ja auf Wasserbasis gemischt wird. Bei Minustemperaturen müssen dem Beton­ Chemikalien beigemischt wer­den. Dadurch leidet dann aber die Qualität des Betons.

Interview: Eva Pfirter

Stefan Brülisauer, Pressesprecher Unia Region Ostschweiz. (Bild: pd)

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