Kartell

Bauunternehmen schanzten sich seit den 1970er-Jahren Aufträge zu

Wer darf die Strasse bauen? Diese Frage klärten acht Bauunternehmen aus der Region nicht im wirtschaftlichen Wettbewerb, sondern am Beizentisch. Das ging jahrelang so.

Diverse Baufirmen in der Region müssen saftige Bussen in Kauf nehmen.

Diverse Baufirmen in der Region müssen saftige Bussen in Kauf nehmen. Bild: Archivfoto: Manuela Matt

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Ein roter Bundesordner, beschlagnahmt bei einer Hausdurchsuchung, machte das ganze Ausmass sichtbar: Seit 1977 haben Strassenbauer am Zürichsee gemeinsam über die Preise bei öffentlichen und privaten Bauprojekten diskutiert und die Aufträge auch untereinander aufgeteilt. Zu diesem Schluss kommt die eidgenössischen Wettbewerbskommission in ihrem fast 400-Seiten starke Entscheid zum Baukartell in den Bezirken See-Gaster (SG) und March und Höfe (SZ).

Bereits 2016 liess die Weko das Kartell auffliegen und verdonnerte die beteiligten Firmen zu einer Busse von rund fünf Millionen Franken. Der Vorwurf: Acht Strassen- und Tiefbauunternehmen – darunter auch Bauriesen wie Implenia, Hagedorn und Walo Bertschinger – haben zwischen 2002 und 2009 bei mehreren hundert Ausschreibungen die Preise abgesprochen und bestimmt, wer den Zuschlag erhalten soll. Aus dem am Donnerstag publizierten Detailentscheid geht nun hervor, dass die Preisabsprachen eine deutlich längere Vorgeschichte haben als bisher bekannt war.

Preise wieder anheben

Im Strandhotel Schmerikon trafen sich im September 1977 fünf Bauunternehmer und beklagten laut Protokoll «das tiefe Preisniveau». Mit mehreren Massnahmen wollten sie «die Preise wieder anheben.» Unter anderem wurden dafür regelmässig Berechnungssitzungen anberaumt. Die Weko folgert daraus, dass die Unternehmer damit auch Bauprojekte untereinander aufteilen wollten. Das komme zwar aus dem Protokoll nicht zum Ausdruck, ergebe sich aber aus einer einfachen Überlegung: Ein rational handelndes Unternehmen würde sich «normalerweise nicht damit einverstanden erklären, höhere Preise als die Konkurrenten einzugeben.» So vereitle man die Chancen, ein spannendes Bauprojekt vielleicht selber realisieren zu können.

Weitere solche Treffen sind im beschlagnahmten Ordner unter dem Titel «Nostalgie» belegt. Unter anderem auch jenes aus dem Jahr 1995, als die Bauunternehmer sich auf ein 10 bis 15 Prozent über dem Marktpreis liegendes Preisniveau einigten. War man sich bei den Baufirmen nicht einig, wer einen Auftrag ausführen darf, wurde «Freigabe» erteilt und «echte» Offerten eingereicht. Allerdings habe ein Unternehmer damals laut den Weko-Unterlagen betont, dass solche Freigaben nicht die Regel sein dürften: «Sonst nützts nichts.»

Dass sich einzelne der Unternehmen bereits seit den 1970er-Jahre trafen, ist für die Weko nicht sanktionierbar. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es das geltende Kartellgesetz in der Schweiz erst seit 1996 gibt. «Wir haben die Erkenntnisse zu den früheren Jahren aber zum Verständnis angefügt», sagt Frank Stüssi. Der Weko-Vizedirektor ergänzt: «Es zeigt sich damit, dass es schon früher Kontakte zwischen den Bauunternehmen gab und welche Kultur untereinander bestand.»

Lesen Sie mehr: Wie die Weko den Bauunternehmen auf die Schliche kam und mögliche Gründe, warum das Kartell bröckelte (Abo+) (zsz.ch)

Erstellt: 17.05.2018, 19:53 Uhr

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