Rapperswil-Jona

250 Stunden für den optimalen Klang

Michael Rüttimann ist Geigenbauer in der Rapperswiler Altstadt. Dank seiner aufrichtigen Leidenschaft, steht sein Geschäft seit 16 Jahren.

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Von der Hektik draussen in der Rapperswiler Altstadt ist hier nichts zu spüren. Wer Michael Rüttimanns Werkstatt betritt, dem fällt sofort auf, mit wieviel Liebe zum Detail hier gearbeitet wird. An einer Wand aus Backstein hängen Violinen nebeneinander. Auf der Theke stehen feinsäuberlich aneinandergereiht Behälter mit Pinseln und Glasfläschchen mit Tinkturen. Violinen- und Cello-Stege hängen von der Decke. Ein Gestell mit Sachbüchern zeugt von Fachkenntnis.

Die Luft duftet nach herbem Holz. Alles passt zusammen und lässt eine Atmosphäre von Ruhe und Behaglichkeit aufkommen. Fast fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt. «Eine Violine wird heute immer noch so hergestellt wie vor 500 Jahren in Italien, von Hand mit Holz, Leim und Lack. Sie ist zeitlos», sagt Rüttimann. Diese handwerkliche Tradition ist es, was ihn an seinem Beruf des Geigenbaumeisters fasziniert.

Vom Rohstoff zum Instrument

Und dann ist da natürlich Rüttimanns Liebe zur Musik. «Ich habe mit sieben Jahren begonnen Geige zu spielen», erzählt der heute 51-jährige. Musik sei für ihn wie Therapie. Zudem verbinde sie Menschen. «Wenn jemand auf einer Reise ein Instrument dabei hat, verstehen sich alle sofort», sagt er. Deshalb hat er diesen Beruf gewählt. «Ich wollte aus einem natürlich gewachsenen Rohstoff ein klingendes Instrument bauen, das Emotionen weckt und die Menschen berührt. Diesen Prozess vom ersten bis zum letzten Schliff selber abzuarbeiten, ist faszinierend», sagt er, während er bedächtig einen Geigenbogen mit Lack bestreicht. Rüttimann spricht ruhig und überlegt, auch dies passt zu seinem Metier. Ruhe und Präzision sind zentral, denn ein falscher Handgriff könnte seine Arbeit zunichte machen. «Da hat man dann drei Tage vergebens gehobelt.»

«Ich wollte aus einem natürlich gewachsenen Rohstoff ein klingendes Instrument bauen, das Emotionen weckt.»Michael Rüttimann

Wider Erwarten hört Rüttimann nicht nicht nur klassische Musik. «Natürlich mag ich das, aber ich höre auch Jazz, Rock und Lieder bis in die Moderne. Wichtig ist für mich die Vielseitigkeit.» Nur Konservenmusik - Musik, mit der die Massen abfertigt werden - mag er nicht. Das überrascht kaum, denn für die Massen arbeitet Rüttimann nicht. Er bedient ein Nischensegment. «Mein Kundenkreis ist sehr klein, aber treu», sagt er. Eine seiner Kundinnen lebt in Schottland.

Eine Portion Mut

Sein Geigenbauatelier eröffnete Rüttimann vor 16 Jahren in Rapperswil. «Am Anfang war es nicht leicht», erinnert er sich. Es dauerte zehn Jahre, bis sich seine Arbeit aus finanzieller Sicht lohnte und selbst da musste er mit Schwankungen leben. Seine Geduld zahlte sich jedoch aus, langsam aber stetig wuchs sein Kundenstamm. «Ich habe Kunden, die als Fünfjährige das erste Mal in meinem Laden standen, um eine Geige zu mieten. Später als Erwachsene haben sie dann eine meiner Geigen erworben.» Rüttimanns Violinen sind teuer, 18 000 Franken verlangt er dafür. Verständlich, angesichts der 250 Arbeitsstunden, die er in den Bau des Instruments investiert. Entsprechend hoch ist die finanzielle Unsicherheit. Ohne Bestellung, weiss er nicht, ob und wann er eine Geige verkaufen wird. «Es braucht Mut, ein eigenes Geschäft zu eröffnen, nicht nur als Geigenbauer», sagt er.

Abhilfe schafft sich Rüttimann durch die Vermietung und Restaurierung von Geigen. Dadurch sichert er sich ein regelmässiges Einkommen. «Ich vermied von Anfang an, eingleisig zu fahren, deshalb setzte ich nicht alleine auf den Instrumentenbau.» Die kleineren Aufträge bieten ihm die Sicherheit, die er als Familienvater braucht.

Überleben in der Altstadt

Die fortschreitende Digitalisierung bekomme jedoch auch er zu spüren. So verkaufe er weniger Saiten, Violinen- und Cello-Kasten als früher, welche Musiker heute online erwerben. Vom fortschreitenden E-Kommerz können auch andere Ladenbesitzer in der Rapperswiler Altstadt ein Lied singen. Seit Jahren ist vom «Lädeli-Sterben» die Rede. Rüttimann sieht sich aber in einer bevorzugten Position: «Ich habe das Glück, dass ich nicht von Handelsware abhängig bin. Wenn einmal nichts los ist, arbeite ich einfach an einer neuen Geige.»

Schwarzmalen mag er nicht. Der Trend gehe weg vom Wegwerfdenken. «Die Leute sind wieder bereit, teurere dafür qualitativ höherwertige Produkte zu kaufen.», stellt Rüttimann fest. Er zählt darauf, dass seine Arbeit für Qualität und Authentizität spreche: «Mein Werk liegt mir am Herzen. Ich arbeite mit grosser Sorgfalt, das zahlt sich aus.»

Die handwerkliche Präzision unterscheide seine Geigen von industriell gefertigten. Ein Arbeiter, der Violinen industriell herstellt, sei für einen bestimmten Arbeitsabschnitt angelernt. Sein eigenes Produkt höre er nie. Bei der Zusammensetzung der Einzelteile entstehe ein Zufallsprodukt. «Der Klang kann stimmen oder auch nicht. Bei einer Geige, die bis in jedes kleinste Detail ausgearbeitet ist, ist ein hervorragender Klang sichergestellt. Ich will kleine Kunstwerke schaffen haben, die Generationen überleben», sagt er.

Geigenbauer ist ein Beruf, der anders ist als viele andere. Büroalltag kennt Rüttimann nicht, er arbeitet alleine und ist für alles selber zuständig. «Ich muss Ruhe vertragen können, aber das geniesse ich.» Und so verinnerlicht man noch einen Augenblick den Moment, atmet den Holzgeruch ein und tritt hinaus in eine hektischere Welt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 29.08.2018, 15:28 Uhr

Stradivari - Krönung oder Hype?

Antonio Stradivari lebte vor 300 Jahren während der Hochblüte des Geigenbaus in Italien. Seine Werke sind heute Millionen wert.

Auf die Frage, ob diese Preise gerechtfertigt seien, antwortet Rüttimann: «Stradivari und seine Meister waren ihrer Zeit voraus, weil ihre Geigen im Klang sehr stark waren. Deshalb konnten sie solistisch gespielt werden.» Stücke mit Solos wurden erst später populär. Da jedoch ist der Klang der Sologeige zentral, denn sie muss gegen ein ganzes Orchester aufbegehren. «Das war Handwerk auf höchstem Niveau.», sagt Rüttimann.

Heute würden Violinen von gleicher Qualität hergestellt, ist er überzeugt. «In Blindtests schneiden zeitgenössische Geigen regelmässig besser ab.» Der Wert einer Stradivari-Geige lässt sich durch ihre Seltenheit erklären. Sie ist ein Prestigeobjekt. Spielt ein Musiker auf einer Stradivari, gehen die Leute allein schon deswegen zum Konzert. Zudem sind die Instrumente eine Wertanlage, ähnlich wie eine Immobilie. Man spekuliert darauf, dass der Preis steigt.

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