Winterthur

Nur nicht ausrutschen!

Der «höchste Zürcher» Dieter Kläy (FDP) wollte dem Kantonsrat versteckte Seiten Winterthurs zeigen und entdeckte dabei einen Teil seiner Heimatstadt, den er selbst noch nicht gekannt hatte.

Der «höchste Zürcher» Dieter Kläy (FDP) führte das «Kantonsratsreilsi» durch den Winterthurer Untergrund.

Der «höchste Zürcher» Dieter Kläy (FDP) führte das «Kantonsratsreilsi» durch den Winterthurer Untergrund. Bild: Marc Dahinden

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So viele Krawatten an einem so modrigen Ort. Eine Gruppe von rund 50 Herren und Damen, teils in feinem Tuch und teils in Lackschuhen, spazierten gestern durch den Eulachkanal. Und zwar durch jenen rund 700 Meter langen Abschnitt des Flüsschens, der zuerst im tiefen Schacht und dann im stockfinsteren Tunnel vom Technikum unter den Gleisen des Hauptbahnhofs hindurch zum Sulzerhochhaus rauscht.

Wegen des morgendlichen Regens war es rutschig auf dem gepflästerten Flussbort. Zur Sicherheit eskortierten Kantonspolizisten und ein Rettungssanitäter die Touristengruppe. Es musste aber niemand aus dem Fluss gefischt werden. Politikerinnen und Politiker sind sich schliesslich gewohnt, mit Bedacht über glitschiges Parkett zu gehen.

«Winterthur, en guete Bode!»Kantonsratspräsident Dieter Kläy (FDP)

Zum ungewöhnlichen Ausflug eingeladen hatte Dieter Kläy (FDP), in diesem Amtsjahr Kantonsratspräsident und damit «höchster Zürcher». Die Tradition will es, dass der jährliche «Gesellschaftliche Anlass» des Kantonsparlaments in die Heimatgemeinde des Präsidenten geht. Also stellte Kläy sieben Touren zusammen: in die Brauerei Doppelleu, in den Skills Park, ins Stadthaus, ins Fotomuseum, ins Technorama, in die Nagelfabrik und an die Eulach. Er selbst ging auf die Eulachführung, weil «ich davon schon oft gehört, sie aber noch nie gemacht habe».

Politpromis als dunkle Gestalten im rauschenden Eulachkanal unter Winterthur. Bild: Marc Dahinden

Kläy betrat auch mit seiner Einladungspolitik ein bisschen Neuland: Erstmals lud er den Vorstand des Jugendparlaments zum Traditionsanlass ein. Sonst war am Festanlass im Casinotheater dann alles ganz traditionell. Der Ratspräsident machte Werbung für Winterthur und Region (mit dem uralten Spruch: «En guete Bode!»), lobte das reiche Kulturleben der Stadt.

«Der Winterthurer Politikbetrieb nimmt keine Rücksicht auf Festanlässe des Kantons.»Stadtpräsident Michael Künzle (CVP)

Für frischen Wind sorgte Conferencier und Komiker Michael Elsener. Er stellte beispielsweise fest, dass Bezriksratspräsidentin Karin Egli Zimmermann (SVP) ein sehr sympathisches Lachen habe. Oder dass Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) in der Eröffnungsrede zwar schon begrüsst worden, aber noch gar nicht im Saal war. Kurz nach der Vorspeise (Marronischaumsuppe mit Croûtons) kam dann aber auch Künzle und erklärte auf Nachfrage, er habe noch an einer Kommissionssitzung des Gemeinderats teilnehmen müssen: «Der Winterthurer Politikbetrieb nimmt keine Rücksicht auf Festanlässe des Kantons.»

Vor dem Hauptgang knurrten nicht nur die Mägen

Vor dem Hauptgang (Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti, von Kläy bewusst kantonal ausgewählt) hielt dann Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh (FDP) eine Rede über die «zwinglianische Manier» des Kantonsrats, das richtige Verhalten für Parlamentarier während der Budgetdebatte (was an einigen Bänken Gemurre auslöste) und über die hohe Kultur des Zusammenarbeitens über die Parteigrenzen hinweg. Diese gutschweizerische Tradition wird mit derartigen Anlässen wohl tatsächlich gefördert.

Als Beispiel seien hier der Hettlinger SVP-Kantonsrat Tobias Weidmann und die Dietliker GLP-Kantonsrätin Cristina Wyss-Cortelini erwähnt, die quer über den Banketttisch hinweg ins Gespräch kamen und über Doppelnamen und Politik diskutierten. Vielleicht fällt es da ja tatsächlich leichter, später einmal einen Kompromiss zu schmieden.

Ein Balanceakt als letzte Herausforderung – bevor es zum Festbankett ins Casinotheater geht. Video: Jakob Bächtold

Trotz Moccaparfait zum Dessert blieb der Höhepunkt des Anlasses aber der Gang durch den dunklen Eulachkanal. Wegen der Spannung, denn dort mussten am Schluss alle Herren und Damen in Krawatten und Foulards über eine an die Wand montierte Stange balancieren. Und wegen der schönen Musik, denn Theres Agosti Monn, Sängerin und SP-Kantonsrätin aus Turbenthal, und ihr Mann Xavier Monn überraschten die Polit-Touristen mit einem Jodel, der in dem Wassertunnel mit überraschender Akustik hallte wie ein Choralgesang. (bä)

Erstellt: 23.09.2019, 21:26 Uhr

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