Zum Hauptinhalt springen

Spitzenläufer aus LangnauNun muss Jonas Raess ganz allein «Kilometer fressen»

Mit der Klassezeit über 3000 m hat sich Jonas Raess in diesem Winter ins Rampenlicht gelaufen. Jetzt will der Sihltaler auf dem Erreichten aufbauen, wenn auch mit unbekannten Perspektiven.

Alleine statt mit Trainingskollegen unterwegs: Jonas Raess (hier am Wisacher Cross 2019) verzichtet meist auch auf die Velobegleitung durch seine Freundin.
Alleine statt mit Trainingskollegen unterwegs: Jonas Raess (hier am Wisacher Cross 2019) verzichtet meist auch auf die Velobegleitung durch seine Freundin.
Foto: Leo Wyden

Laufen, so wie es Jonas Raess in der aktuellen Periode geplant hatte, kann er. Beinahe zumindest. «Ich bin in einer privilegierten Situation, da trifft es andere in dieser Epidemie viel härter», sagt der 26-Jährige. Der Langnauer hat seine ursprüngliche Planung dennoch auf den Kopf gestellt gesehen. Allerdings nicht nur wegen des Coronavirus. Nach seinem formidablen 3000-m-Rennen in Düsseldorf von Anfang Februar – Raess war mit seinen 7:45,67 Minuten zwischenzeitlich schnellster Europäer – machte die Absage der Hallen-WM im chinesischen Nanjing einen weiteren Karriereschritt zunichte. «Diese WM-Premiere hätte sich gut gemacht in meinem Curriculum Vitae», sagt der Universiade-Sieger vom letzten Sommer und Cross-EM-Zehnte vom Dezember. Und zudem hätte er mit Sicherheit von der Erfahrung enorm profitiert.

Da ist aber auch ein anderer Punkt. Womöglich hätte Raess auch ohne Covid-19-Thematik auf die WM verzichten müssen. Muskuläre Probleme in der Wade bremsten ihn Mitte Februar. Schliesslich bewegten sie ihn zum verfrühten Saisonabbruch. Jetzt sieht er im Ganzen gar einen Vorteil: «Ich konnte sofort reagieren und bekam so die Situation innert dreier Wochen in den Griff.» Alternativtraining (Aquarunning, Stepper, Spinningbike) entwickelten sich zum Erfolgsrezept. Die dreieinhalb Wochen, in denen Raess nun wieder läuft, haben ihm Freude und Überraschendes bereitet. Er hat schnell wieder einen ordentlichen Rhythmus mit bis zu elf Laufeinheiten und zwei Kraftsequenzen gefunden – ohne körperliche Beschwerden. «Ich bin zurück im Fahrplan, und das fühlt sich enorm gut an», sagt der Sihltaler.

«Kilometerfressen» in der Heimat

Doch aufgrund der aktuellen Epidemie fragt sich: Wozu das alles? Von geraubten Perspektiven aber will Jonas Raess nichts wissen, auch nach der Verschiebung der Olympischen Spiele auf das nächste Jahr nicht. «Klar, eine anfängliche Enttäuschung kann ich nicht verleugnen, aber dieser Entscheid war das Vernünftigste. Und vor allem: Das ist auch eine Chance für mich.» Es zeigt sich, wie weitsichtig er denkt. Er spricht bereits wieder von Olympia, obwohl dafür noch nicht einmal ein Termin festgelegt worden ist. Raess sagt: «Ich haben sechs bis zwölf zusätzliche Monate zur Verfügung.» Und er fügt an: «Mit der zusätzlichen Zeit kann ich auch den Big Boys näherkommen.» Von den ganz schnellen Spezialisten spricht er, jenen, die auf den Langstrecken für die dicken Schlagzeilen sorgen.

Aus diesem Grund fehlt es ihm auch jetzt nicht an Motivation. In der nun folgenden langen und wettkampffreien Periode will er besonders gezielt an sich zu arbeiten. «Ich steuere die EM an und gehe gedanklich davon aus, dass diese Ende August stattfinden wird», sagt er. Im Trainingsplan von Coach Steve Vernon steht nun eine Übergangsphase an. Um einen Grundlagenblock handelt es sich. Viele Dauerläufe figurieren auf seinem Programm – «Kilometerfressen» nennt Raess das. Durchschnittlich 160 km legt er pro Woche zurück. Nicht wie ursprünglich geplant in Manchester (GB), zusammen mit seiner internationalen Trainingsgruppe, tut er dies, sondern alleine in Langnau und Umgebung. «Ich will nicht reisen, will den ÖV möglichst meiden», sagt er. Daher verzichtet er auch auf die Velobegleitung durch seinen früheren Trainer Ruedi Meier vom LC Regensdorf oder die Freundin. «Um mir das Fundament weiter aufzubauen, geht es so vorzüglich», sagt er.

Als nächster Termin steht für den Aufsteiger der letzten acht Monate das Trainingslager im Mai an. Im Engadin sollte dieses zusammen mit seinen neuen Trainingscompagnons stattfinden. «Ob realistisch oder nicht, das beschäftigt mich derzeit nicht», sagt er. Die Konzentration hat er auf das Hier und Jetzt gerichtet.