Wochengespräch

«Wer über fünfzig ist, wird aussortiert»

Bruno Copelli war ein Leben lang Banker. Jetzt schreibt der Joner ein Buch über die Bankenwelt und wie ältere Mitarbeiter aufs Abstellgleis geraten.

Ex-Banker Bruno Copelli in seinem Haus in Rapperswil-Jona. Derzeit plant der 65-Jährige ein Buch über das Innenleben des Bankenmilieus und die Zustände in der Arbeitswelt.

Ex-Banker Bruno Copelli in seinem Haus in Rapperswil-Jona. Derzeit plant der 65-Jährige ein Buch über das Innenleben des Bankenmilieus und die Zustände in der Arbeitswelt. Bild: Patrick Gutenberg

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Wären Sie gerne noch einmal 50 Jahre alt in diesen Zeiten?

Bruno Copelli:Ich glaube nicht. Just in diesem Alter wurde ich entlassen. Der Verlust meiner Arbeitsstelle bedeutete einen wahren Einschnitt. Die Entlassung war ein harter Schlag in meinem Leben, auf den ich lieber verzichtet hätte. Von da an war kein Stein mehr auf dem anderen.

Auf welche Weise hat sich Ihr Leben von dieser Zäsur an gewandelt?

Mein Dasein war geprägt von Absagen. Als Antwort auf Hunderte von Bewerbungen hiess es meist, dass ich «nicht den Vorstellungen entsprach» oder dass mir ein Uni-Abschluss fehlte. Oder ich bekam überhaupt keine Antwort. Human Recycling statt Human Resources.

Wie nah daran waren Sie, vollends zu verzweifeln?

Ich bin glimpflich über die Runde gekommen. Nach einem Burnout musste ich in eine Klinik. Ich hab von Leuten aus der Bankenbranche gehört, die in Depressionen versanken, sich umgebracht haben. Geholfen hat mir schliesslich ein starkes Netzwerk, dank dem ich über Wasser blieb. Und der Wille, unter keinen Umständen aufzugeben. Nach eineinhalbjähriger Jobsuche klappte es dann zum Glück.

Wie würden Sie die Herausforderung beschreiben, wieder einen Job zu finden?

Als eine sehr grosse. Fünfzigjährige sind zu teuer. Jüngere Leute haben einen tieferen Lohn, und der Arbeitgeber muss weniger Pensionskassenbeträge einzahlen. Zudem sind ältere Angestellte für die Chefs unbequem, vor allem weil sie grosses Wissen und Erfahrung bringen. Man stellt lieber billige junge Leute an, die tun, was man ihnen sagt. Hinzu kommt: In der Finanzbranche werden über 50-Jährige überdurchschnittlich oft entlassen und finden dann keine Arbeit mehr, weil sie aus Sicht der Banken zu wenig Weiterbildungen besucht hätten. Das halte ich allerdings für eine Floskel, eine Ausrede.

«Ältere Angestellte sind für die Chefs unbequem. Man stellt lieber billige junge Leute an, die tun, was man ihnen sagt.»Source

Haben Sie selbst Weiterbildungen besucht?

Und wie! Ich habe immer wieder Kurse gemacht, oft auch im Ausland. Ich habe mich beruflich immer wieder neu orientiert. Aber all meine Erfahrung war jenseits der fünfzig plötzlich nichts mehr wert. Dass Erfahrung und Wissen nicht mehr gefragt sind, kann ich nicht nachvollziehen.

Was hat Sie motiviert, ein Buch darüber zu schreiben?

Es ist an der Zeit, dass ich mit meiner Geschichte, mit meinem persönlichen Erlebnis an die Öffentlichkeit gehe, um über das Innenleben der Bankenbranche aufzuklären. Ich will meine Erfahrungen weitergeben. Es ist wichtig, bekannt zu machen, was in Banken vor sich geht.

Betrachten Sie Ihr Buch als ein Werk der Aufklärung?

Ich verstehe das Buch als einen Weckruf, um die Menschen aufzurütteln. Es kann doch nicht sein, dass Managerlöhne immerzu steigen und der Rest der Mitarbeiter auf der Strecke bleibt. Dieses System ist voll daneben und in höchstem Mass krank. Es führt dazu, dass 3 Prozent in Saus und Braus leben und 97 Prozent schauen müssen, wo sie bleiben.

Was sollte sich vor allem ändern am System?

Dass wieder die richtigen Leute am richtigen Ort sind. Wenn ich einen Unfall gehabt habe, möchte ich doch gerne von einem Chirurgen operiert werden und nicht von einem Maschineningenieur. Wie kann es sein, dass Tidjane Thiam die CS führt, obwohl er Ingenieur ist und vor der CS noch nie bei einer Bank gearbeitet hat? Dieses Beispiel zeigt auf, dass das System nicht mehr effizient funktioniert.

Kennen Sie auch Beispiele aus Ihrem persönlichen Werdegang?

Ein Freund von mir bekam einen Chef, der war Doktor der Geografie! Und das ist kein Einzelfall. Das muss sich ändern. Da er keine Erfahrung hatte, musste ihn jeder Mitarbeiter in die Arbeitswelt der Bank einführen, was sehr viel Zeit kostete und natürlich auch Kosten mit sich brachte. Abgesehen davon, dass es auch effizienter, besser und dadurch letztlich auch günstiger wäre, man würde auch wieder älteren, erfahrenen Mitarbeitern mehr Verantwortung geben.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem Buch auch die Mächtigen erreichen?

Ich hege nicht die Illusion, die Menschen ändern zu können. Doch wenn das herrschende System nicht verändert wird, kann der Mittelstand noch tiefer in die Bredouille geraten. Tiefpunkt meiner Erfahrungen mit Mächtigen war ein Antwortschreiben des damaligen Bundesrates Hans-Rudolf Merz, der mir als Rechtfertigung für seine Forderung, das Pensionsalter auf 67 Jahre zu erhöhen, schrieb, jeder sei für sich selbst verantwortlich – also auch für seine Arbeitssituation. Diese Art von Dummheit der Menschen möchte ich aufdecken.

Ihre Geschichte tönt sehr bitter. Wo orten Sie den Kern Ihrer grossen Enttäuschung?

Ich habe mein ganzes Leben in dieser Branche verbracht und mich mit dieser identifiziert. Und erkenne sie jetzt nicht wieder! Wenn ich enttäuscht bin, dann über die Entwicklung dieser Bankenwelt. Von den Mitarbeitern verlangen die Banken die passende Weiterbildung, in die Chefetagen holen sie aber oft Personen, die keine Bankausbildung haben. Hauptsache ist, dass sie einen Doktortitel haben.

Was hat zu dieser Entwicklung geführt?

An der Spitze der Banken, in den Verwaltungsräten, macht sich ein Filz breit, der nur noch eine kurzfristige Bilanzoptimierung im Kopf hat. Das System ist gestört. Es geht nur noch um die Frage, wie Steuern gesenkt und Kosten gespart werden können. Das Verhalten etlicher Banken ist irrational. Ich frage mich, wie lange das noch gut geht.

«Das System ist gestört. Es geht nur noch um die Frage, wie Steuern gesenkt und Kosten gespart werden können.»Source

Wie würden Sie Ihre Vision für unsere Gesellschaft beschreiben?

Ich hoffe, dass sich unser System der Arbeit ändern kann – ohne dass wir eines Tages gezwungen sein müssen, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Ich wünsche mir, dass statt des heutigen Minimalismus wieder Engagement und Leidenschaft in der Arbeitswelt Einzug halten. Und dass endlich wieder mehr erfahrene Leute angestellt werden.

Sie haben die Arbeitswelt nun hinter sich gelassen. Geniessen Sie Ihre Pension und können Sie auch mal Ihre Beine hochlagern?

Also jetzt schreibe ich ja erst mal dieses Buch. Und eigentlich hätte ich gerne weitergearbeitet, Pensionierung hin oder her. Und so richtig lässt mich die Bankenwelt auch als Pensionierter nicht los. Wenn ich mir so vorstelle, wie die Pensionskassen die Immobilien früher selber verwaltet haben und nun das Geschäft an die Banken ausgelagert haben: Da könnte einem angst und bange werden. Vielleicht wäre es das Beste für mich, das Haus zu verkaufen und mich ins Ausland abzusetzen – bevor die Gelder futsch sind. ()

Erstellt: 05.03.2017, 14:35 Uhr

Zur Person

Bruno Copelli kam am 17. Mai 1951 in Zürich zur Welt. Nach einer Banklehre arbeitete er unter anderem bei der Schweizerischen Volksbank und bei einer amerikanischen Bank. Im Jahr 2001 war Bruno Copelli stellvertretender Direktor in der Schweizer Niederlassung einer fernöstlichen Bank, als er aufgrund einer Fusion entlassen wurde. Ab 2003 bis zu seiner Pensionierung arbeitete er wieder als Banker. Bruno Copelli ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Rapperswil-Jona.

ml

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