Wochengespräch

«Pilz-Apps ersetzen den Kontrolleur nicht»

Hans-Peter Neukom ist Pilzkontrolleur am rechten Seeufer. Im Interview spricht er über Drogenpilze und verrät, wie er mit der grossen Verantwortung umgeht.

Auf der Suche nach Delikatessen: Pilzkontrolleur Hans-Peter Neukom kann im Wald abschalten.

Auf der Suche nach Delikatessen: Pilzkontrolleur Hans-Peter Neukom kann im Wald abschalten. Bild: Michael Trost

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Sie sind seit über 25 Jahren als Pilzkontrolleur tätig. Haben Sie selber schon einmal einen giftigen Pilz gegessen?
Hans-Peter Neukom: Nein, aber auf einer Pilzwanderung in jungen Jahren hatte meine damalige Freundin noch einige Pilze unbemerkt in den Korb gelegt. Sie war der Meinung, dass es sich um essbare Perlpilze handle. Zum Glück hat mein Vorgänger Max Lang sie entdeckt. Es waren nämlich giftige Pantherpilze.

Lassen Sie Ihr Sammelgut immer von jemand anderem kontrollieren?
Seit ich selber die Prüfung zum Pilzkontrolleur absolviert habe, nicht mehr. Ich esse aber nur Pilze, die ich wirklich zu 100 Prozent kenne. Schliesslich weiss ich, welche Folgen eine Pilzvergiftung haben kann. Das Schlimmste für die Vergifteten ist, im Unwissen zu sein, um welche Pilzart es sich handelt. Nicht alle Giftpilze verursachen nur Durchfall oder Erbrechen. Einige können sogar lebensbedrohliche Vergiftungen hervorrufen.

An welche Pilze denken Sie da?
Etwa an Knollenblätterpilze, die ähnlich aussehen können wie Champignons. Da kommen Symptome wie innere Blutungen, Zersetzung der Leberzellen und Nierenschäden hinzu. Halluzinogene Pilze können auch Wahnvorstellungen oder Störungen des Nervensystems verursachen.

Kommen bei Ihnen auch Leute vorbei, die bewusst nach Drogenpilzen suchen?
In all den Jahren waren da nur zwei Sammler, die dachten, sie hätten solche Magic Mushrooms gefunden. Hier in der Region wachsen diese eher selten. Was sie in ihrem Korb hatten, waren giftige Risspilze.

Haben Sie selbst mal Drogenpilze ausprobiert?
Ich würde diese Erfahrung gerne einmal machen. Aber nur begleitet, damit jemand dabei ist, der weiss, wie man reagieren muss, wenn man eventuell einen so­genannten Bad Trip hat.

Für wie gefährlich halten Sie solche Drogenpilze?
Sie machen wohl nicht körperlich abhängig. Die Symptome sind ähnlich wie bei LSD. Gefährlich wird es aber dann, wenn man zu viele einnimmt. Bis die Pilze wirken, dauert es eine Weile, und viele Leute meinen dann, es passiere gar nichts, und nehmen noch mehr dieser Pilze zu sich. Auf keinen Fall sollte man gleichzeitig Alkohol konsumieren.

Besteht die Gefahr, dass man nicht mehr in die Realität ­zurückkehrt oder dass sich die eigene Persönlichkeit verändert, wie beim Protagonisten in ­Martin Suters Roman «Die dunkle Seite des Mondes»?
Das nicht, aber es dauert eine gewisse Zeit, bis die Wirkung nachlässt. In der Regel klingt sie nach vier bis sechs Stunden ab, je nach Dosis.

Als Pilzkontrolleur tragen Sie eine grosse Verantwortung. Können Sie in der Nacht noch ruhig schlafen?
Am Anfang meiner Tätigkeit habe ich einmal meinen Vorgänger vertreten. Da kam jemand mit Stockschwämmchen vorbei, einem guten Speisepilz. Er kann aber mit seinem giftigen Doppelgänger – dem Gifthäubling – verwechselt werden. Weil dieser eher selten ist, war ich mir nicht ganz sicher, ob es wirklich Stockschwämmchen waren. Der Sammler erzählte dann, er habe versucht, sie vor zwei Jahren auf Holz zu züchten. Zunächst war ich beruhigt, aber irgendwann in der Nacht kam mir der Gedanke, dass es sich doch um den giftigen Nadelholzhäubling gehandelt haben könnte. Zum Glück war dem nicht so. Wenn ich mir nicht zu 100 Prozent sicher bin, dass es sich um einen Speisepilz handelt, sortiere ich ihn immer aus. Es kam aber auch schon vor, dass jemand bewusst einen Giftpilz gesucht hat.

Erzählen Sie.
Einmal kam eine Frau mit einem Korallenpilz zu mir. Als ich ihr ­erklärte, es handle sich um die giftige Bauchwehkoralle, war sie hocherfreut und erwiderte, dass sie genau diese gesucht habe. Ich antwortete ihr dann, dass dieser Pilz nicht essbar sei und ich ihn nicht freigeben könne. Sie sagte, wenn sie verstopft sei, esse sie ein kleines, getrocknetes Stückchen davon, und dann klappe es auch wieder mit dem Stuhlgang.

Sind solche Experimente empfehlenswert?
Da ich zum Glück nicht an Verstopfung leide, habe ich es noch nie ausprobiert. (lacht) Da die Frau aber jeweils nur kleine Mengen zu sich nimmt, kann wohl nichts Schlimmeres passieren. Ich habe ihr den Pilz dann auch mitgegeben.

Wenn jemand mit einer Pilz­vergiftung im Spital eingeliefert wird, helfen Sie als Pilzkontrolleur mit bei der Bestimmung des Pilzes, an dem er sich vergiftet hat. Mit welchen Fällen hatten Sie schon zu tun?
Häufig schlucken kleine Kinder beim Spielen auf dem Rasen rohe Pilze. Die Eltern sind dann be­unruhigt, weil sie nicht wissen, ob es sich vielleicht um einen Giftpilz handelt. In den meisten Fällen verläuft das aber harmlos. Wichtig bei jeder Pilzvergiftung ist das rasche und sichere Bestimmen des entsprechenden Giftpilzes. Sind Knollenblätterpilze in einem Jahr häufiger, ist auch die Gefahr grösser, dass man einen solchen sammelt. Dann steigt das Risiko, sich zu vergiften, wenn man nicht zum Pilzkontrolleur geht.

Kommt es häufig vor, dass Sammler ihre Pilze nicht kontrollieren lassen?
Im Kanton Zürich werden je nach Pilzvorkommen zwischen 100 und 150 Vergiftungsfälle pro Jahr gemeldet. In den meisten Fällen führen Unwissenheit, Selbstüberschätzung und Nachlässigkeit zu solchen Vergiftungen. Manche vertrauen auch einfach nur auf Pilz-Apps.

Solche Apps können den Pilzkontrolleur also nicht ersetzen?
Auf keinen Fall. Das Gleiche gilt für Bücher. Es gibt viele Speisepilze, die gefährliche Doppelgänger haben. Auch die Farbe einer Art kann sehr variieren, was eine sichere Bestimmung nach nur einem Bild erschwert. Deshalb gibt es uns Spezialisten, die solche Kontrollen machen.

Halbtags sind Sie Lebensmittelkontrolleur im Kantonalen Labor Zürich. Haben Sie dort auch mit Pilzen zu tun?
Pilze gehören ja auch zu den Lebensmitteln. Daher untersuchen wir Handelspilze wie Eierschwämme, Steinpilze, Herbsttrompeten und Trüffeln beispielsweise auf Schwermetalle, Radioaktivität, Pestizide und führen Qualitätskontrollen durch. In unserer Region gibt es praktisch keine Pilze, die belastet wären.

Viele der Pilze sind doch aber importiert.
Das stimmt. In der Schweiz werden rund drei Kilo Pilze pro Jahr und Kopf konsumiert. Hierzulande ist das Pilzvorkommen jedoch viel zu klein, um die grosse Nachfrage danach decken zu können.

Die Pilze bestimmen Ihr Leben. Woher stammt diese Faszination?
Schon als kleiner Bub hat mich die Sammeltätigkeit gereizt. Im Herbst, in der freien Natur, unter verschiedenen Bäumen nach den Delikatessen des Waldes zu ­suchen, abseits vom alltäglichen Stress – dabei kann ich gut abschalten. Finde ich einen seltenen Pilz, den ich zu Hause mit einschlägiger Literatur und Mi­kro­skop bestimmen konnte, ist meine Welt in Ordnung.

Was ist Ihr Lieblingspilzgericht?
Reizker, gut angebraten in Olivenöl, gewürzt mit Salz und Pfeffer. Dazu gibt man einen Schuss Whisky und überbäckt sie mit Parmesan.

Denken Sie nach all den Jahren als Pilzkontrolleur schon ans Aufhören?
Nein, es macht mir nach wie vor Spass, und die Leute wissen die Pilzkontrolle zu schätzen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.09.2017, 15:32 Uhr

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