Mordprozess Hochweid

Tötung war für die Richter Mord

13 beziehungsweise 10,5 Jahre müssen die beiden Beschuldigten im Prozess um den «Altersheim-Mord» nach dem Urteil des Gerichts ins Gefängnis. Ob der Fall weitergezogen wird, ist offen.

Mehrjährige Gefängnisstrafen sprach das Bezirksgericht gegen die Nachtschwester (links) und die Verkäuferin aus.

Mehrjährige Gefängnisstrafen sprach das Bezirksgericht gegen die Nachtschwester (links) und die Verkäuferin aus. Bild: Zeichnung Sibylle Heusser

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«Meiner Mandantin sind die Tränen heruntergelaufen, als das Urteil verkündet wurde», sagte Verteidiger Leo Sigg nach der gestrigen Verhandlung. Seine Mandantin, von Prozessbeobachtern als «eiskalt» bezeichnet, gab am Bezirksgericht Horgen stets an, mit der Tötung einer 88-jährigen Bewohnerin des Alterszentrums Hochweid nichts zu tun zu haben. Die Richter sahen das anders und verurteilten die 30-Jährige zu 13 Jahren Gefängnis wegen Mord, Raub und gewerbsmässigen Diebstahls.

Gerichtspräsident Reto Nadig bezeichnete die ehemalige Nachtschwester als Anführerin und Planerin der Tat. «Die Drecksarbeit haben Sie delegiert», hielt ihr der Gerichtspräsident vor. Den Tod des Opfers habe ihre Komplizin herbeigeführt, die für das Gericht eine Mitläuferin war. Die 26-jährige Verkäuferin wurde zu zehneinhalb Jahren Gefängnis wegen Mord, Raub und mehrfachen Fahrens in fahrunfähigem Zustand verurteilt. Sie hatte gestanden, in die Wohnung der 88-Jährigen eingedrungen zu sein und ihr ein in Salmiakgeist getränktes Tuch auf das Gesicht gehalten zu haben.

Unvollständiges Geständnis

Das Geständnis und die gezeigte Reue werteten die Richter als strafmildernd. Auch wenn das Geständnis nicht vollumfänglich sei, wie Reto Nadig betonte. So sagte die Verkäuferin, dass sie nicht stark zugedrückt habe. Die Rechtsmediziner sprachen hingegen von einem mindestens dreiminütigen, heftigen Zudrücken. Zudem müsse das Opfer aufgrund des beissenden Ammoniakgeruchs aufgewacht sein und sich gewehrt haben.

Da die beiden Frauen die Tat gemeinschaftlich begangen haben, werde auch die Nachtschwester für Mord belangt, erklärte der Gerichtspräsident. Das Gericht stützte sich dabei auch auf das widerrufene Geständnis der Nachtschwester. Das Geständnis sei allerdings unter Druck entstanden, war ihre Version. Es sei nicht klar, welchen Druck sie meine, sagte Nadig, worauf ihn ihr Vater mit dem Zwischenruf «der Staatsanwalt» unterbrach. Es blieb die einzige Störung der Urteilsverkündung. Offen sei, warum die 30-Jährige ihr Geständnis nach vier Monaten widerrufen hat, fuhr Nadig fort.

Nicht wie im Film

Das relativ tiefe Strafmass, Mord wird mit zehn Jahren bis lebenslänglich bestraft, erklärt sich auch dadurch, dass die Tötung nicht geplant war. Das Motiv sei jedoch reine Habgier gewesen, es sei nur darum gegangen, die Frau auszurauben. Die Tötung geschah zwar «spontan». Allerdings hätten die Frauen merken müssen, dass ihr Opfer sterben könnte. Und, da die Bewohnerin gezielt hätte betäubt werden sollen, «wie im Film», sei der Schritt bis zum Ersticken nicht weit gewesen, so der Gerichtspräsident. Jedermann wisse, dass ein Mensch sterben könne, wenn man ihm die Atemwege drei Minuten lang verschliesse. «Es ist äusserst tragisch, dass eine unschuldige Person wegen weniger Tausend Franken sterben musste. Das Leiden wird für die Angehörigen und die Beschuldigten weitergehen», sagte Reto Nadig zum Schluss der Verhandlung.

Ob es zu einem Weiterzug ans Obergericht kommen wird, ist offen. Staatsanwalt Matthias Stammbach zeigte sich zufrieden, dass das Bezirksgericht die Tat als Mord und nicht als fahrlässige Tötung eingestuft hat. Das Strafmass schätzt er aber als eher tief ein. Er forderte Strafen von 18 beziehungsweise 15 Jahren Gefängnis. Leo Sigg, Verteidiger der Nachtschwester, sagte, es sei noch zu früh, um über einen Weiterzug zu entscheiden. Sigg hatte einen Freispruch gefordert.

Sicher nicht rekurrieren wird Roland Egli. «Meine Mandantin akzeptiert das Urteil», sagte der Verteidiger der 26-jährigen Verkäuferin kurz nach der Verhandlung. Dies, obwohl er nur sechs Jahre Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung gefordert hatte.

Erstellt: 27.11.2015, 09:14 Uhr

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