Meilen

«Ganz ehrlich: Ich würde auch abhauen»

Die Meilemerin Jessica Mor hilft syrischen Flüchtlingen im Libanon. Sie will einer Generation Perspektive geben und verhindern, dass noch mehr Flüchtlinge nach Europa reisen.

Jessica Mor unterstützt mit Swiss4Syria den Aufbau von Schulen und sanitären Anlagen im Libanon.

Jessica Mor unterstützt mit Swiss4Syria den Aufbau von Schulen und sanitären Anlagen im Libanon. Bild: Sabine Rockzur

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Sie waren im Frühling im Libanon und haben die Flüchtlingscamps besucht. Was haben Sie vor Ort erlebt? Jessica Mor: Bevor ich in den Libanon gereist bin, hatte ich etwas Angst. Ich wusste nicht, was auf mich zu kommt. Werde ich losheulen?, fragte ich mich. Als ich die beiden Flüchtlingscamps im Süden besuchte, wurde ich zuerst von den Kindern empfangen. Sie waren sehr herzlich und dankbar. Das hat meine Angst komplett beseitigt. Mein Schlüsselerlebnis war, dass die Kinder mich als Ausländerin aus einem reichen Land nicht angebettelt haben. Im Gegenteil: Sie haben nichts und geben alles. Für mich haben sie Blumen gepflückt. Das hat mich sehr berührt.

Wie haben die Älteren auf Sie reagiert? Die älteren Leute waren zurückhaltender, Syrer sind eher ruhige Leute. Sie haben sich bedankt für die Kleider und Öfen, die wir ihnen im letzten Herbst geschickt hatten. Bei den Älteren bemerkte ich aber auch, dass sie resigniert haben. Sie leben seit Jahren in den Camps, übernachten in Zelten, die nicht dicht sind und dem harten Winter kaum Stand hielten. Sie sind müde und wollen nur noch nach Hause.

In welchem Zustand kommen die Flüchtlinge aus Syrien im Libanon an? Vier Jahre nach Ausbruch des Syrien-Konflikts haben sich die Bedingungen auf alarmierende Weise verschlechtert. Die Syrer kommen ohne viel Hab und Gut. Sie haben vielleicht noch etwas Geld. Von den Vereinten Nationen (UN) erhalten sie einen Platz in einem Zelt zugewiesen. 20 Personen leben auf 20 Quadratmetern in ganz einfachen Zelten mit Pneus beschwert, damit sie nicht davon wehen. Sie bringen Teppiche mit, mit denen sie die Fenster abdecken, um sich gegen die Kälte zu schützen.

Sind die Hilfsorganisationen vor Ort präsent? Man hat Zelte aufgebaut. Das ist aber alles. Wir trafen in den beiden besuchten Camps in Südlibanon keine UN-Mitarbeiter an. Sie sind eher in Jordanien aktiv, der Libanon wurde scheinbar vergessen. Als wir vor Ort waren, sagten uns die Leute: Wir dachten, die ganze Welt hat uns vergessen.

Kommen die Libanesen mit den vielen Syrern klar? Pro Tag kommen über 1000 Flüchtlinge über die libanesische Grenze. Offiziell halten sich aktuell 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon auf, doch in der Realität dürften es weitaus mehr sein. Für ein Land mit 4 Millionen Einwohnern, das viermal kleiner ist als die Schweiz, ist das enorm. Noch gibt es keine offene Konflikte im Libanon. Aber es brodelt in der Gesellschaft, wie fast überall im Nahen Osten. Die Libanesen sagen: «Die Syrer nehmen uns die Arbeit weg, sie lungern herum, wir fühlen uns nicht mehr sicher.» So wie ich das einschätze, sind die Bevölkerungsgruppen getrennt. Die Flüchtlinge werden geduldet, mehr aber nicht.

Was hält Ihre Familie, die im Libanon lebt, von Ihrem Engagement für die Flüchtlinge? Sie hat kein grosses Verständnis dafür, dass ihre Verwandtschaft in der Schweiz den Syrern hilft. Sie fragen: «Warum helft ihr nicht uns, uns geht es auch nicht gut.»

Glauben die Syrer noch an den Frieden? Sie haben immer noch Hoffnung, aber diese ist weiter gesunken. Die Signale, die aus Europa kommen: wir nehmen euch auf, führt dazu, dass sich viele auf den gefährlichen Weg machen. Wer noch Geld hat macht sich auf den Weg. Diejenige, die in den libanesischen Camps bleiben, sind die Ärmsten der Armen. Gestern hörte ich, dass Väter neuerdings drei Schichten arbeiten, um Geld für die Reise nach Europa zu sparen. Ganz ehrlich: ich würde auch abhauen, wenn ich dort wäre.

Wo setzt Ihre Arbeit an? Wir helfen, sanitäre Anlagen und Schulen zu bauen. Damit geben wir den Menschen eine Perspektive und helfen ihnen, wieder hoffnungsvoller in die Zukunft blicken zu können. Die heutigen Kinder sind bald Teenager und stehen dann vor dem Nichts: Sie können weder lesen noch schreiben. Es ist eine vergessene Generation. Sanitäre Anlagen sind wichtig, um die Hygiene zu verbessern. Für 800 Flüchtlinge gibt es nur zwei Toiletten aus Plachen. Da müssen wir ansetzen, damit das knappe Grundwasser nicht verschmutzt wird. Wir sagen schon seit zwei Jahren, dass man vor Ort aktiv werden muss.

Was hat bei Ihnen das Bild des kleinen Aylan Kurdi ausgelöst, der auf der Fahrt über das Mittelmeer ertrunken ist? Ich habe mir einmal mehr gesagt, dass wir vor Ort viel mehr machen müssen, damit nicht noch weitere Menschen sterben. Der Westen blieb viel zu lange untätig. Er muss die Nachbarländer bei der Bewältigung der humanitären Krise viel stärker unterstützen. Besonders den Libanon, er ist das ärmste Land in der Region.

Wollen Sie mit der Hilfe vor Ort verhindern, dass die Syrer nach Europa gehen? Ja. Wir wollen den Menschen vor Ort helfen, damit sie die gefährliche Überfahrt nicht auf sich nehmen müssen. Doch es wird immer solche geben, die nach Europa kommen. Sie sind über Social Media sehr gut informiert. Das hat riesigen Wellen ausgelöst. Tausende sind auf der Flucht und es ist unwahrscheinlich, dass sie 10 000 Kilometer zurückgehen, wenn Europa seine Grenzen wieder schliesst. Aber ich bin überzeugt, sobald Frieden ist, wollen die Syrer wieder zurück in ihr Land. Es sind keine Wirtschaftsflüchtlinge, sondern Kriegsflüchtlinge, die ihr Leben retten.

Mit wem arbeiten Sie vor Ort zusammen? Wir arbeiten mit der Amerikanischen Universität von Beirut (AUB) zusammen. Diese Leute wissen genau, wer was braucht und koordinieren die Hilfe. Die AUB macht uns Vorschläge, wie wir unterstützen können. Zu ihnen haben wir allergrösstes Vertrauen. Unser Präsident, Tamer Amr, war bei der AUB selber als Professor angestellt.

Wie hat die Hilfe begonnen? Angefangen hat alles mit einem Koffer. Amr reiste vor einigen Jahren privat in den Libanon und brachte in einem Koffer Kleider mit für die Flüchtlinge. Vor zwei Jahren haben wir in der Schweiz 3 Tonnen Kleider gesammelt, letztes Jahr gar 40 Tonnen. Wir wurden überrannt und haben den Transport aus der eigenen Tasche bezahlt. Jetzt wissen wir: Kleider haben sie, sie erfrieren nicht.

Wie reagieren die Leute auf Ihre Tätigkeit? Durchwegs positiv. Stiftungen kommen auf uns zu, Firmen, die sehr viel Geld gesammelt haben, wollen uns spenden. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, unseren Kontostand zu prüfen. Viele sagen, dass wir es richtig machen, indem wir vor Ort helfen. Mit diesem Ansatz bewegen wir uns politisch auf unumstrittenen Terrain. Wir sind sehr fokussiert auf die Situation vor Ort.

Was können wir in der Schweiz konkret für die Flüchtlinge tun? Das Bewusstsein sollte gestärkt werden, dass man vor Ort helfen muss. Diese Hilfe ist überlebenswichtig. Ich finde es falsch, wenn Europa Signale aussendet, dass sich die Flüchtlinge auf den gefährlichen Weg machen sollen.

Sie betreiben nebenbei ein libanesisches Catering, geben Kochkurse und schreiben Kolumnen. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut? Ich mache das einfach irgendwie. Gekocht habe ich mit meiner Mutter. Wir haben das Unternehmen zusammen aufgebaut. Leider ist sie letztes Jahr gestorben. Ich war immer faul. Meine Mutter hingegen war eine Powerfrau mit grossem Herz. Sie hat den Bürgerkrieg im Libanon selbst noch miterlebt. Es scheint, als hätte ich nach ihrem Tod ihre Kraft geerbt. Wir sind keine Familie mit Tradition beim Helfen. Aber für mich ist es einfach nur logisch, dass man etwas macht.

Erstellt: 19.09.2015, 08:27 Uhr

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Zur Person

Jessica Mor-Camenzind (46) ist in Zürich aufgewachsen als Tochter einer libanesischen Mutter und eines Schweizer Vaters. Bevor sie Mutter von zwei Söhnen wurde, studierte sie an der Hotelfachschule Luzern. Sie wohnt in Meilen und ist Mitglied des Vorstands von Swiss4Syria. Daneben bietet sie Kochkurse an und schreibt Kolumnen für das Businessmagazin Ladies Drive.

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