Wochengespräch

«Es blieb nicht anderes übrig als zu beten»

Hinter Roger Meier liegen Wochen des Bangens und Hoffens. Der Geschäftsführer der Sportbahnen Atzmännig hatte schon die Antragsformulare für Kurzarbeit auf dem Tisch. Dann begann es zu schneien.

Roger Meier steht endlich im Schnee, alles ist bereit für den Pistenzauber im Atzmännig.

Roger Meier steht endlich im Schnee, alles ist bereit für den Pistenzauber im Atzmännig. Bild: Manuela Matt

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Der erste Schnee kam erst Mitte Januar: Haben Sie schon begonnen, mit Petrus zu hadern?

Roger Meier: Ja, obwohl wir vom letzten Jahr das Warten auf den Schnee noch gut kannten. Er kam kurz nach Weihnachten und es wurde ein sehr guter Winter. Deshalb blieben wir lange ruhig. Das hat sich geändert als Weihnachten näher rückte, die Prognosen keinen Schnee verhiessen und es immer wärmer wurde.

Hatten Sie schlaflose Nächte?

Die hatte ich, man macht sich halt Gedanken. Wir standen vor der Situation, ob wir Kurzarbeit beantragen müssen. Als über Weihnachten alles grün war, haben wir die Sommerrodelbahn wiederöffnet. Das hat auch zu einer guten Stimmung im Team geführt.

Sommerrodeln im Winter: Das sieht nach einer Verzweiflungstat aus. Oder steckte dahinter wirtschaftliches Kalkül?

Das Wiedereröffnen der Sommerrodelbahn zeigt unsere Flexibilität. Denn weil vor allem Familien die warmen und trockenen Weihnachtstage draussen geniessen wollten, hofften wir auf Gäste. Am 28. Dezember zählten wir 1800 Bergfahrten, das entspricht einem sehr guten Sommertag. Auch den Seilpark haben wir geöffnet. Dort waren wir uns nicht sicher, ob sich das rentiert. Erst ab 30 Besuchern pro Tag sind die Kosten gedeckt. Und dann kamen an zwei Tagen je über 100 Leute.

Aber die Greifvogelwanderung, eine weitere Sommerattraktion im Atzmännig, haben Sie doch nicht angeboten?

Doch, sogar dreimal! Der Falkner hat dazu den Anstoss gegeben. So haben wir die Greifvogelwanderung an drei Tagen angeboten. Zweimal hatten wir über 60 Teilnehmer, einmal 40. Das waren mehr Anmeldungen für die Wanderung als im Sommer.

Sie hätten aber lieber gegen weisse Pisten getauscht?

Natürlich, vor allem auch, weil nach den Weihnachtsferien die Nullertage kamen: Keine Gäste, keine Einnahmen. Da fühlt man sich machtlos. Im Kopf fängt es an sich zu drehen. Man probiert mühsam Ideen und Angebote zu kreieren. Was könnte man auf die Beine stellen um wenigstens ein paar Gäste anzulocken? Und sei es auch nur für die Gastronomie. Aber wenn die Einnahmen fehlen, kann man auch nicht gross kommunizieren und Neues kreieren.

Haben Sie Kurzarbeit für Ihr Personal beantragt?

Nein, aber die Formulare lagen bereit und ich habe begonnen eine Liste aufzustellen. Wir arbeiten nur mit zwölf Festangestellten. Dazu kommen 120 Personen in einem Abruf-Pool. Diese Leute halten sich die Zeit frei, damit sie für uns arbeiten könnten. Wenn wir sie aber einen Monat lang nicht aufbieten ist die Gefahr gross, dass sie im nächsten Jahr nicht mehr zur Verfügung stehen. Für diese Leute suchten wir mit einem Antrag für Kurzarbeit einen Weg zur Entschädigung.

Ein Skigebiet ist sprichwörtlich vom Himmel abhängig: Haben Sie um Schnee gebetet?

Das habe ich! Es blieb uns nichts mehr anderes übrig, als um Schnee zu beten.

Mitte Januar hat sich der Schnee angekündigt. Wie sah da Ihr Gefühlsleben aus?

Als der Schneefall innerhalb einer Dreitagesprognose immer näher rückte, kamen Spannung und Hoffnung enorm auf. Konkret war es eine Angsthoffnung. Denn gleichzeitig war starker Wind angekündigt. Weil auch der Boden zu warm war, hatten wir null Anhaltspunkte, ob es endlich besser wird. Bis zuletzt waren wir im Ungewissen: Kommt genug Schnee? Wird er verblasen? Am Freitag begann es zu schneien – und zu stürmen. An der Talstation hatten wir am Samstagmorgen mehr Schnee als oben am Berg. Unsere Pistencrew hat es aber geschafft. Am Samstagvormittag konnten wir den ersten Schneesporttag anbieten. Meinen Leuten muss ich ein Riesenkränzchen winden. Haben Sie vor Freude gejauchzt?

Ich war im Engadin an der Mitgliederversammlung von Seilpark Schweiz. Ich wusste gar noch nicht, dass am Samstag schon die Piste geöffnet werden kann. Dann erhielt ich den Anruf vom Büro. Ich fragte ungläubig zurück: Ist das wirklich wahr? Ich habe mich unheimlich gefreut. Sofort habe ich den Laptop gestartet und Mitteilungen an Tourismusorganisationen geschickt und Newsletter verfasst – juhee, endlich Schnee! Zu Gute kommt uns, dass wir einen reinen Wiesenhang haben – ohne Steine. 30 bis 40 Zentimeter Schnee reichen schon für eine gute Piste. Jetzt haben wir oben 60, unten 45 bis 50 Zentimeter – alles Naturschnee.

Ist die Anschaffung einer Beschneiungsanlage kein Thema?

Definitiv nicht, wir haben oben kein Überlaufwasser aus Bergquellen und müssten alles Wasser erst raufpumpen. Das ist teuer. Laut einer Faustregel kostet die Pistenbeschneiung pro Kilometer eine halbe bis eine Million Franken Das hiesse für uns vier bis fünf Millionen Franken. Dafür generieren wir niemals genügend Eintritte um diese Investitionen aus eigener Kraft zu amortisieren.

Jetzt ist alles schön weiss: Waren Sie schon auf der Piste?

Am Sonntag habe ich ein paar Schwünge gemacht, ich wollte es auskosten. Ich fahre unglaublich gerne Ski. Wir wurden überrannt von Gästen. Schon vor dem Mittag war der grosse Parkplatz besetzt, wir mussten zusätzlichen Parkraum schaffen. Hut ab vor allen Mitarbeitern, die den Ansturm - auch in den Hütten - souverän bewältigt haben. Wir waren an diesem ersten Wochenende überall noch unterdotiert. Umso mehr hat mich die Einsatzbereitschaft unserer Leute gefreut.

Sie kommen aus Arosa, dort hätten Sie bei doppelter Meereshöhe weniger Angst vor braunen Pisten: Vergleichen Sie Atzmännig mit Arosa?

Nur bedingt, denn Ausflugstourismus und Ferientourismus sind zwei verschiedene Welten. Kommt dazu, dass unser Kerngeschäft im Frühling bis Herbst liegt. Wir dürfen nicht vom Winter abhängig sein. Die Bergbahnen Arosa machen 94 Prozent Umsatz im Winter. Nichtsdestotrotz ist der Winter, wenn er einmal da ist, für uns ein lukratives Geschäft. Unser Vorteil: Wir sind ein gesundes Unternehmen, dank allen, die diesen Betrieb aufgebaut haben mit langfristiger Planung und sukzessivem Ausbau. Heute setzen wir stark aufs Firmengeschäft. Bei uns können Meetings, Versammlungen und Seminare abgehalten werden.

Wie positionieren sich die Sportbahnen Atzmännig: Regionales Monopol oder Marktvorteil im Sinne von «Warum weit fahren zum Skilaufen»?

Es zählt erstens, ob das Produkt attraktiv und vielfältig ist, und zwar im Sommer noch stärker als im Winter. Zweitens gilt die Einfachheit: Schnell erreichbar, genügend Parkplätze – aussteigen und geniessen. Unsere Gäste müssen sich nie fragen, wo es zur Gondel geht, wo sie parkieren können – bei uns sogar kostenlos.

Wie viele Gäste benötigen die Sportbahnen Atzmännig?

Im Schnitt brauchen wir pro Tag. 250 bis 300 Gäste. Bei Nur-Skifahrer sind es circa 400.

Jetzt, wo der Winter gekommen ist: Was bieten Sie spontanen Besuchern?

Schneesport mit Ski, Snowboard, Schneeschuhrouten und Nachtskifahren am Mittwoch, Donnerstag und Freitagabend ab 19.15 Uhr. Die Nachtpiste ist hervorragend beleuchtet. Es ist ein Erlebnis, wenn man bei schwarzem Himmel in einer Grundstille am Lift rauffährt, von oben auf funkelnde Dörfer sieht, und dann über den Schnee runterschwingt. Das ist ein Hochgefühl sondergleichen. Und dann ab in die rustikale Hütte zum Fondue. Interview: Christian Dietz-Saluz

Zur Person Roger Meier (41) lebt mit Ehefrau Nadia und dem 8-jährigen Sohn Nerin in Eschenbach. Aufgewachsen in Arosa machte er die KV-Ausbildung in einer Bank. Dann folgte der Quereinstieg zu Arosa Tourismus, wo er sich zum Marketing-Fachmann weiterbildete. Weitere berufliche Stationen waren Bergbahnen Arosa (Leiter Marketing/Event, Ausbildung zum Sponsoringmanager), Direktor Toggenburg Tourismus. Seit Sommer 2013 ist Roger Meier Geschäftsführer der Sporbahnen Atzmännig. Als Hobbys zählt er Familie, Skifahren, Schlitteln und Kino in Verbindung mit einem guten Essen mit Freunden auf. Seine Passion ist das Eishockey – früher aktiv (Verteidiger), heute passiv (Präsident EHC Wetzikon). di www.atzmaennig.ch ()

Erstellt: 24.01.2016, 13:47 Uhr

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