Verkehr

Ein Schicksalsschlag auf dem Hirzel

Rund ein Dutzend Personen sind in den letzen vier Jahren auf dem Hirzelpass verunfallt. Einer von ihnen ist Markus Portmann, der vor zwei Jahren mit seinem Motorrad schwer verunglückt ist.

Markus Portmann steht am Hirzelpass oberhalb der Hanegg in Horgen, wo er mit seinem Motorrad vor zwei Jahren verunglückte.

Markus Portmann steht am Hirzelpass oberhalb der Hanegg in Horgen, wo er mit seinem Motorrad vor zwei Jahren verunglückte. Bild: Manuela Matt

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Der 4. Juli 2017 war ein sonniger Tag und ein dunkler in Markus Portmanns Leben. Der damals 49-Jährige fährt an jenem Dienstagabend mit seinem Motorrad Triumph Speed Tripple auf der Zugerstrasse über den Hirzel in Richtung Horgen. Er wohnt in Obwalden und ist gerade auf dem Weg zu seinen Kindern, die in Uster zu Hause sind. Weil Rushhour ist, fährt Markus Portmann nicht über den Nordring, er will den grossen Verkehr umfahren. Um 16.30 Uhr erreicht er die kurvige Waldpassage oberhalb der Horgner Hanegg.

Auf der Tempo-80-Strecke tuckert ein Militärlastwagen mit rund 40 Kilometern pro Stunde vor sich hin. Vorsichtig prüft der ehemalige Lastwagenchauffeur die Gegenfahrbahn. Als alles frei scheint, zögert Portmann nicht lange und setzt mit seiner 1000-ccm-Maschine zum Überholmanöver an. Das entgegenkommende Auto sieht er nicht. Mit etwa 80 km/h knallt er frontal in den Wagen, fliegt mit dem Kopf in die Windschutzscheibe und bleibt anschliessend am Waldrand liegen.

Leben auf Messers Schneide

Portmanns Unfall ist nicht der einzige auf der Horgner Seite des Hirzelpasses. Anfang April dieses Jahres forderte die Strecke ein Todesopfer. In den letzten vier Jahren haben sich rund ein Dutzend Unfälle mit Verletzten ereignet. Häufig ist ein Fahrzeug, das auf die andere Strassenseite gerät, Grund für das Unglück. Der kaum 500 Meter lange Abschnitt zwischen Rotweidlikurve und der lang gezogenen Kurve beim Restaurant Hanegg wird von der Kantonspolizei seit Jahren als Unfallschwerpunkt bezeichnet.

Seit jenem Dienstagabend sind fast zwei Jahre vergangen. Nun spaziert Markus Portmann auf einem Weg unterhalb des Streckenabschnitts entlang, auf dem sich damals der Unfall ereignet hatte. Das leichte Hinken erkennt nur, wer Portmanns Geschichte kennt. Er blickt hinauf zur kurvigen Zugerstrasse. Ein mulmiges Gefühl, so nahe an der Unfallstelle zu sein, überkomme ihn nicht. An die Kollision selbst hat er keine Erinnerungen mehr, einzig an den Moment danach, als er am Waldrand lag.

Er habe an der Unfallstelle die beiden Insassen des Unfallwagens aussteigen sehen. «Ich habe kurz den Arm gehoben, um zu zeigen, dass ich noch da bin», erinnert er sich. Schmerzen verspürte er keine, zu gross war der Schock. «Alles schien so schnell zu gehen.» Es kamen die Polizei, die Ambulanz und ein Helikopter. Erst Wochen später erfuhr er, dass er ganze 45 Minuten am Boden lag, bis ein Krankenwagen aus dem Kanton Zug den Unfallort erreichte. Auch an die Sanitätssoldaten, die im Militärlastwagen sassen und ihn auf der Unfallstelle reanimieren mussten, kann er sich nicht erinnern. «Wie schwer der Unfall wirklich war, wurde mir erst bewusst, als ich im Helikopter lag und ins Unispital Zürich geflogen wurde», sagt er.

Markus Portmanns Leben stand auf Messers Schneide. Den ersten Tag verbrachte er auf dem Operationstisch. Verletzt waren Hand, Unterarm, Schulter, Ellbogen und Fuss. Das Becken war aufgebrochen, Darm, Milz und Leber beschädigt. Wegen innerer Verletzungen verlor er eine Menge Blut. Dem Helm und einem Rückenpanzer verdankt er wohl, dass er heute noch lebt.

Ein Tunnel zur Entlastung

14 Wochen verbrachte Markus Portmann in Spital und Reha. «Rückhalt gab mir vor allem mein jetziger Arbeitgeber und meine Familie», sagt er. Auch zu den beiden Insassen des Unfallautos hat er heute noch eine gute Beziehung. «Wir stehen regelmässig in Kontakt.» Es sei nie ein böses Wort oder ein Vorwurf gefallen. Letzten Februar habe Portmann gar seinen Geburtstag bei ihnen gefeiert. Heute arbeitet und lebt er wieder normal. Lediglich mit dem Oberschenkel hat er noch Probleme. Schmerzen verspürt er keine, aber auf sein einstiges Hobby, das Fussballspielen, muss er verzichten.

Das erste Mal sei er die Strecke kurz nach dem Reha-Aufenthalt zusammen mit seiner Partnerin abgefahren. Allerdings mit dem Auto. Denn auf das Motorrad werde sich Portmann nie mehr setzen. «Ich fühle mich nicht mehr sicher und würde hinter jeder Ecke die Gefahr sehen», sagt er. «Zudem verzichte ich auch wegen meiner Angehörigen aufs Motorrad. Sie haben wohl mehr durchgemacht als ich.» Wenn Portmann heute von Obwalden nach Uster fährt, wählt er nach wie vor den Hirzelpass. «Ohne an den Unfall zu denken, kann ich die Passage aber nicht mehr durchfahren», sagt er.

Am 4. Juli 2017 verunglückte Markus Portmann mit diesem Motorrad. Bild: Kantonspolizei Zürich

Markus Portmann gibt der Strecke für seinen Unfall nicht die Schuld. «Der Unfall ereignete sich an einer übersichtlichen Stelle. Ich war lediglich für einen Moment zu wenig aufmerksam», sagt er. Grundsätzlich gelte für den Hirzelpass aber die gleiche Problematik wie bei vielen Strassen: zu kleine Spuren und zu viel Verkehr. Um den Hirzelpass zu entlasten, schlägt Portman eine alte Idee vor: «Ein Tunnel unter dem Hirzel könnte die Unfallgefahr verringern.» Seit über zwanzig Jahren wird ein solcher Tunnel immer wieder gefordert. Ein konkretes Projekt kam bis heute jedoch nie richtig in die Gänge.

Auf die Leidenschaft des Fahrens will Portmann trotz seines Unfalls nicht verzichten. Den Töff hat er gegen einen Camaro getauscht – ein Cabriolet. Der Fahrtwind bleibe, er sei jetzt aber besser gepolstert. Zudem übt Markus Portmann zurzeit für eine weitere Fahrlizenz: als Pilot für Heissluftballons.

Erstellt: 13.06.2019, 15:55 Uhr

Hirzel-Strassentunnel

Was aus den Plänen für den Tunnel geworden ist

Täglich fahren rund 17'000 Fahrzeuge über den Hirzel – Tendenz steigend. Bereits vor über dreissig Jahren wollten Politiker und Anwohner den Verkehr auf dem Hirzelpass reduzieren. Sie forderten zur Entlastung der Passstrasse einen zweispurigen, fünf Kilometer langen Tunnel, der von Wädenswil nach Sihlbrugg führt und die A3 mit der A4 verbindet.

Nicht nur ein 1983 gegründetes Komitee macht sich bis heute für den Tunnel stark, auch die Politik beschäftigt das Thema seit Jahren. Die Debatte um die Kantonsstrasse erreichte gar die Bundesebene. Walter Bosshard, ehemaliger Nationalrat und Alt-Gemeindepräsident von Horgen, forderte 1999 den Bundesrat mit einer Motion auf, ein entsprechendes Tunnel in Angriff zu nehmen. «Die Überwindung einer Höhendifferenz von über 150 Metern mit einer schmalen, kurvenreichen Strasse, um von einer Nationalstrasse zur anderen zu gelangen, ist wirtschaftlich und ökologisch unsinnig,» begründete er damals seinen Antrag.

Aus dem Tunnel wurde bis heute nichts. Der Bundesrat wollte damals zuerst das beschlossene Netz fertigstellen und sich noch keinem Ausbau annehmen. Der Regierungsrat hingegen sprach schon vor Jahren von einem «dringenden Ausbauvorhaben.» Seit 2007 ist die Verbindung denn auch im kantonalen Richtplan eingetragen. Ein konkretes Projekt wurde aus Kostengründen nie ausgearbeitet.

Hoffnung keimt auf

Dank der Annahme des Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds (NAF) im Jahr 2017 keimt für die Befürworter eines Tunnels wieder Hoffnung auf. Der Kanton tritt ab dem 1. Januar 2020 die Hirzelpassstrasse an den Bund ab. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dereinst ein Tunnel entstehen wird.

Der Besitzerwechsel hat vor wenigen Tagen die drei Kantonsräte Christina Zurfluh Fräfel (SVP, Wädenswil), Astrid Furrer (FDP, Wädenswil) und Hans-Peter Brunner (FDP, Horgen) dazu veranlasst, beim Regierungsrat eine Anfrage einzureichen. Sie wollen unter anderem wissen, was dieser in den vergangenen Jahren unternommen hat, um beim Bund und den angrenzenden Kantonen auf die Problematik aufmerksam zu machen. Das Komitee Pro Hirzel-Strassentunnel hat auf seiner Homepage bereits einen Vorstoss auf nationaler Ebene nach den Erneuerungswahlen im Herbst angekündigt. (hid)

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