Zum Hauptinhalt springen

«Ein Rausch lässt die Gedanken fliegen»

Ein Franke und ein Wiener kommen nach Zürich . . . Kein Witz! Dennoch rabenschwarzer Humor: Die zwei Kabarettisten kuratieren das Spektakuli. Wohl bekomms!

Die beiden Kuratoren des diesjährigen Spektakuli: Matthias Egersdörfer (links) und Martin Puntigamn, hier in «Erlösung».
Die beiden Kuratoren des diesjährigen Spektakuli: Matthias Egersdörfer (links) und Martin Puntigamn, hier in «Erlösung».
zvg / Lukas Beck

Matthias Egersdörfer und Martin Puntigam, Franke der eine und Wahlwiener der andere, kuratieren und moderieren das diesjährige Kabarett- und Kleinkunstfestival Spektakuli. Mit einer klitzekleinen Prise Pathos sprechen die beiden Meister des rabenschwarzen Humors über die dabei erduldeten Leiden.

Sie bringen uns Eidgenossen also die «Erlösung». Wovon eigentlich genau?Matthias Egersdörfer (ME): Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Kinderangel in Finnland einen Hecht gefangen. Anschliessend habe ich ihn mit einem Stein erschlagen, entschuppt und nach dem Kochen aufgegessen. In der «Erlösung» wird unter anderem der Versuch unternommen, dieses Trauma aufzuarbeiten. Unerwähnt möchte ich auch nicht lassen, dass wir auf die im Kabarett üblichen Rufe nach Revolution in dem Programm reagieren, die Geschichte zu Ende denken und das Thema damit vollständig aufgearbeitet haben.

Das versprechen nun ausgerechnet ein Ermittler des Franken- «Tatorts» und ein studierter Mediziner, der lieber in den dunklen Tiefen des gesellschaftlichen Weltschmerzes grübelt, als sich mit den physischen Schmerzen der Menschen zu befassen. Wie kommt denn so was?Martin Puntigam (MP): Eine Unverschämtheit. Ich habe zwar nur wenige Semester studiert, aber wenn es sein muss, kann ich mich schon kundig mit physischen Schmerzen befassen. Mehr sage ich gar nicht . . .ME: Der Puntigam ist ein vollkommen durchtriebener und hinterlistiger Mensch, der es zu allem Übel auch gut versteht, Schweinebraten und Klösse exzellent zuzubereiten. Er hat für mich leider auch vorzüglich gekocht und sofort danach war ich dem Dämon ausgeliefert. Das hat Puntigam ausgenutzt und mich in seine dunklen Machenschaften hineingezogen.

Nun fragt man sich aber: Wie ernsthaft kann denn die Erlösung sein, wenn man dabei Austern schlürft und Crémant nippt?MP: Das kann sich einerseits nur jemand fragen, der Erlösung nicht kennt, andererseits des Wohlgeschmacks von Austern und Crémant bislang entraten musste. Erlösung ist eine schwierige Angelegenheit, und wenn man nicht routiniert genug ist, dann kommt man nicht mit Austern und Crémant davon, dann wird man schlimmstenfalls gekreuzigt. ME: Wenn zwei dickliche, weisse Männer, die knapp 50 Jahre alt sind, über Erlösung von den Qualen des Kapitalismus sprechen, führt kein Weg daran vorbei, dass sie dabei Austern essen und zwei Flaschen Crémant dazu trinken.

Dekadenz ist also erlösend?ME: Ein Rausch, herbeigeführt durch den Abusus von qualitativ hochwertigem Alkohol und einer Delikatesse aus dem Meer, löst die Zunge und lässt die Gedanken fliegen wie Schwalben im Sommer. Sackgassen des Denkens werden damit durchbrochen und obendrein spricht es sich auf der Veranstalterseite schnell herum, dass es da einen Kasper aus Österreich und einen aus Deutschland gibt, die nur auftreten, wenn vorher hochpreisige Delikatessen beschafft wurden.MP: Wie man Erlösung tatsächlich und reproduzierbar herstellt, werde ich hier sicher nicht erklären; wer es wissen will, findet auch den Link zum Vorverkauf. Mehr sage ich nun wirklich nicht mehr.

Sie sind beide nicht nur auf der Bühne zu sehen, sondern ebenso für die Programmgestaltung des Festivals verantwortlich. Hats Spass gemacht, das ­Spektakuli zu kuratieren?ME: Die Frau Ellenberger, die Intendantin des Theaters, hat mich nach einem Auftritt in Zürich tief in ihr Herz geschlossen. Sie schätzt meine Bühnenkunst hoch und es schmerzt sie zu sehen, wie ich unter dem Kollegen Puntigam leiden muss. Sie wollte mir Gutes tun und konnte es leider nicht verhindern, den sinisteren Rabauz abzuschütteln, und hat die ganze schmerzhafte Situation mit dem Spektakuli eigentlich noch schlimmer gemacht. Die Verhandlungen mit dem Mann waren, beschönigend gesagt, enervierend. Frau Ellenberger hat mir regelmässig Schokolade und Käse zukommen lassen, damit hat sie das Festival letztendlich ermöglicht.MP: Ich habe zwar angekündigt, nichts mehr zu sagen, aber noch so viel: Grundsätzlich hätten wir uns natürlich lieber Geld überweisen und 14 Tage in Zürich ohne weitere Verpflichtungen freihalten lassen. Aber nachdem nicht zuletzt die Fifa diesbezüglich die Schweizer Erde verbrannt hat, haben wir diesmal noch so getan, als ob wir kuratieren würden. Was allerdings babyleicht ist.

Sie verfolgen bei der Programmgestaltung das hohe Ziel des kultivierten Bashings. Kommt da eine Liebe zum Oxymoron zutage?MP: Jetzt breche ich noch ein letztes Mal mein Schweigen, aber dann ist wirklich Sense: Es handelt sich, was das Programm betrifft, von meiner Seite ausschliesslich um Sachverhaltsdarstellungen, «peer reviewed». Was der laute Franke sagt, entzieht sich meiner Kenntnis. Dem höre ich doch nicht zu. So, das wars von mir.ME: Wir leben in Zeiten, in denen von uns verlangt wird, zu glauben und zu sagen, dass zwei und zwei fünf ergibt. Als Ausgleich dafür sind nur Langeweile und Schlaftabletten vorgesehen. Als Ausweg aus der Not ist dieses Programm entstanden.

Doch wie kann denn Bashing, ein Begriff, der rundum negativ konnotiert ist, kultiviert sein? Ein knackiges Beispiel . . .ME: Wenn einer im Staatsfernsehen einen Witz machen darf, der damit anfängt, dass er gerne einen Witz erzählen möchte, aber das nicht darf, weil darin das Wort «Neger» vorkommt, gleich danach er aber diesen Witz erzählt und möglichst oft das Wort ­«Neger» verwendet, dann kann Bashing ein Medikament dagegen sein. Zum Beispiel, dass auf einem anderen Podium einer das reaktionäre Arschloch spielt, das fremdenfeindliche Sachen sagt.MP: «Knackiges Beispiel», tststs . . . Aber ich bleibe dabei und sage nichts mehr.

Es ist wahrlich keine einfache Zeit für Kabarett und Satire. Der (social-)mediale Aufschrei, so kultiviert das Bashing auch sein mag, grenzt manchmal ans ­Absurde. Beeinflusst dieses ­Verhalten Ihre Wahl oder gar die Inhalte Ihrer Programme?ME: Manchmal.MP: Ich lobe den fränkischen Schreihals ungern, aber seine Einsilbigkeit erheischt diesmal Anerkennung. Wobei es sich genau genommen aber um Zweisilbigkeit handelt, aber mehr kann man wohl von so einem nicht verlangen im 21. Jahrhundert.

Kann denn in Zeiten, in denen das herkömmliche Bashing spriesst und blüht, ein kultivierter Angriff überhaupt etwas ausrichten? Oder wollen Sie bloss unterhalten?ME: Der schlimme Puntigam schafft es immer wieder, mich mit dem Allerschlimmsten zu überraschen. Das möchte ich ihm freilich heimzahlen. Wenn wir es mit dieser Methode schaffen, das Publikum und uns selbst zu überraschen, ist schon viel erreicht.MP: Kaum lobt man, kommt schon wieder eine Satzwurst daher. Ich dagegen hülle mich in Schweigen wie ein motorisch ­ungeschickter Zeitgenosse sein Mobiltelefon in schmucken Kunststoff mit Glitzer.

Und eine letzte Frage: Worauf freuen Sie sich denn am ­meisten?ME: Bei der «Erlösung» gibt es einen Flirtsketch, in dem das ­Publikum miteinbezogen wird. Puntigam und ich haben diese Nummer schon häufig in Österreich und Deutschland gespielt, die Reaktionen sind daher einigermassen vorhersehbar. In der Schweiz und in Lichtenstein waren aber die Reaktionen darauf sehr überraschend. Insbesondere die Frauen in der Schweiz haben die Gabe, einen anzusehen, als käme man aus einer anderen Galaxis. Auf diese Blicke freue ich mich schon sehr.MP: Dass der Homer Simpson von rechts der Pegnitz nun Worte wie «Galaxis» verwendet, obwohl er bekanntlich kaum Stern und Planet, Weltraum und Weltall auseinanderhalten kann und Superhaufen nur nach dem grossen Geschäft kennt, zeigt einmal mehr, dass meine Kulturleistung, mit diesem Benjamin Blümchen aus dem Nürnberger Lebkuchenland ein «Festival» zu «kuratieren», gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Spektakuli7. bis 18. Juni. Miller’s, Seefeldstrasse 225, Zürich. Tickets und detailliertes Programm: www.millers.ch.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch