Wochengespräch

«Der Teufel hat weder Hörner noch Mistgabel»

Pfarrer Michael Pfiffner leitet die Seelsorgeeinheit Obersee und predigt im Schweizer Radio. Ausserdem tritt er für die Abschaffung des Zölibats ein.

Michael Pfiffner leitet fünf Pfarreien am Obersee und steht dem Dekanat Uznach vor. In seinem Amt als Priester salbt er Kranke, nimmt die Beichte ab und feiert Eucharistie – unter anderem auch in der Stadtkirche Uznach.

Michael Pfiffner leitet fünf Pfarreien am Obersee und steht dem Dekanat Uznach vor. In seinem Amt als Priester salbt er Kranke, nimmt die Beichte ab und feiert Eucharistie – unter anderem auch in der Stadtkirche Uznach. Bild: David Baer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Haben Sie Lampenfieber, wenn Sie im Schweizer Radio predigen?

Michael Pfiffner: Oh ja! Das habe ich auch, wenn ich an hohen Festtagen oder an einer Hochzeit oder Beerdigung in der Kirche predige. Das hat sich nie ganz gelegt, und vielleicht gehört es auch ganz einfach dazu, damit eine Rede gelingen mag.

Haben Sie als Kind bereits gerne gepredigt?

Ich fand Predigten in der Regel schrecklich langweilig und habe lieber Gottesdienste besucht, die ohne auskamen. Allerdings hat just der Pfarrer meiner Kindheit eindrücklich bildhaft gepredigt und mich damit fasziniert – auch weil ich ihn am Radio sprechen hörte.

War es Ihr Bubentraum, Priester zu werden?

Nein, vielmehr wollte ich Seklehrer werden. Bis mich ein Berufsberater auf die Idee brachte, es doch einmal mit Theologie zu versuchen. Bereut habe ich es nie: Ich werde im Priesterberuf mit der ganzen Bandbreite des Lebens von Geburt bis Tod konfrontiert und darf mich mit allen Altersklassen auseinandersetzen.

Hätten Sie sich auch vorstellen können, eine Familie zu gründen?

Naturgemäss wird dieses Thema aktuell, wenn man sich verliebt oder wenn ich etwa die Kinder meines Bruders sehe. Allerdings gab es nie eine konkrete Situation, aufgrund derer ich in Zweifel geraten wäre, ob der Priesterberuf das Richtige ist für mich. Ich habe grossen Respekt für Priester, welche die Grösse haben, ehrlich und konsequent ihren Beruf aufzugeben, wenn sie sich auf eine Beziehung eingelassen haben.

Was halten Sie vom Zölibat?

Es gibt gute Gründe, den Pflichtzölibat in der katholischen Kirche abzuschaffen. Es sollte die Möglichkeit geben, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Als eine mögliche Lebensform für Priester sollte der freiwillige Zölibat allerdings bestehen bleiben. Es gibt Geistliche, die sich ganz der Seelsorge widmen wollen und deswegen auf eine Partnerschaft verzichten.

Wäre es an der Zeit, das Frauenpriestertum in der katholischen Kirche einzuführen?

Die Kirche argumentiert hier biblisch: Weil Jesus keine Apostelinnen hatte, können Frauen nicht Priesterinnen werden. Dass daraus die Tradition entstanden ist, das Amt Männern zu überlassen, kann ich im weitesten Sinne nachvollziehen. Obwohl ich kein Verständnis dafür habe, den Frauen diese Berufung vorzuenthalten, kann ich mich trotzdem mit der Kirche als Ganzes identifizieren.

Was halten Sie vom Marsch der Frauen, die nach Rom aufbrechen wollen, um im Vatikan für ihre Rechte einzustehen?

Ich halte das für eine spannende und kreative Idee: Statt einen weiteren Protestbrief zu schreiben, machen sich die Frauen auf den Weg zum Papst, um auf diese Weise mit Franziskus in Dialog zu treten. Ohne dass feststeht, ob dieses Unterfangen schliesslich vom Erfolg gekrönt sein wird.

In der katholischen Kirche herrscht Priestermangel. Wie kommen Sie als einziger Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Obersee mit der vielen Arbeit zurecht?

Einem Pfarrer in der heutigen Zeit muss bewusst sein, dass er nicht mehr alles allein machen kann. Der Priesterberuf ist nicht mehr derselbe wie vor 50 Jahren. Man muss Abstriche machen, um nicht auszubrennen. Was zwingend bleibt, sind die den Priestern vorbehaltenen Sakramente der Versöhnung, der Eucharistie und der Krankensalbung.

Dürfen bei Ihnen die Pastoralassistenten predigen?

Sie predigen an vielen Orten im Bistum St. Gallen. Ich könnte ja unmöglich an verschiedenen Orten gleichzeitig predigen. In diesem Sinne bin ich überaus froh, dass es Pastoralassistenten gibt, und kann auch sagen, dass wir trotz teils unterschiedlichen Standpunkten am gleichen Strick ziehen. Das Problem ist nur, dass es der Kirche unterdessen auch an Pastoralassistenten mangelt und ebenso an Organisten.

Sollten Ihrer Meinung nach Kirche und Staat getrennt werden?

Das wäre sehr schade! Besser wäre es, wenn alles bleibt, wie es ist. Der Staat hat ja auch von der Kirche profitiert, etwa in der Bildung oder in der Krankenpflege. Von daher kann ich wenig mit der Forderung des Bistums Chur anfangen, Kirche und Staat auseinanderzudividieren.

Spüren Sie den Atem von Bischof Huonder und seines Generalvikars Martin Grichting?

Natürlich, die March und mit ihr die Bistumsgrenze sind schliesslich nah. Es gibt Leute, die kommen von der anderen Seite zu uns in den Gottesdienst, weil sie mit der kirchlichen Linie des Bistums Chur nicht einverstanden sind. Umgekehrt gibt es wohl Gläubige, die just wegen der konservativen Ausrichtung lieber dort statt bei uns in die Messe gehen.

Machen Ihnen die überhand nehmenden Kirchenaustritte Angst?

Sicherlich stehen wir vor einer grossen Herausforderung, einen Spagat zu machen, sowohl die treuen, älteren Gläubigen wie auch jüngere, kirchenferne Menschen abzuholen. Klar ist: Der Glaube ist ja nicht einfach verschwunden. Die Kirche ist nach wie vor eine Institution, die diesem Glauben eine Heimat geben kann. Naturgemäss wird es nicht einfach, wenn durch Missbrauchsfälle und Konservatismus die Kirche in ein schiefes Licht gerückt wird.

Was ist aus Ihrer Sicht der Grund, dass bei den Menschen das Religiöse zunehmend verdunstet?

Das Gesellschaftsbild wird immer individualistischer. Das Ego ist wichtiger als die Gemeinschaft. Das Individuum will alles machen können und sich nicht in seiner Freiheit einschränken lassen. Unter diesen Voraussetzungen haben Religion und Glauben es zunehmend schwer.

Glauben Sie an die Auferstehung?

Ja. Das Leben hier ist nicht alles. Ich glaube daran, dass unser Leiden im Diesseits, das, was sich schwer anfühlt, im Jenseits gewandelt werden kann. Die Auferstehung von Leib und Seele ist etwas Einmaliges und hebt sich dadurch von der Wiedergeburt ab.

Wie sieht Ihre Jenseitsvorstellung aus?

Das Jenseits lässt sich geografisch nicht verorten und ist ein lichtdurchfluteter, warmer Raum, in dem ich Menschen wieder begegne, die mir am Herzen liegen.

Glauben Sie an den Teufel, an das Fegefeuer und an die Hölle?

Mit dem Teufel ist viel Schindluderei und Missbrauch getrieben worden. Er dient zur Erklärung des Bösen und stellt das personifizierte Böse dar – allerdings ohne Hörner und Mistgabel. Gut möglich, dass er sich auch in konkreten Menschen zeigen mag, auch wenn es sich wohl bei anscheinend Besessenen zumeist um eine psychische Krankheit handelt. Der Idee des Fegefeuers liegt die Frage der Gerechtigkeit zugrunde, dass Fehlbare mit einer Art Zusatzschlaufe die Chance haben, einen Ausgleich zu finden. Was die Hölle betrifft, so gibt es diese wohl auch schon hier auf Erden, wenn man bedenkt, was die Juden mit dem Holocaust durchleben mussten.

Aus Ihrer Sicht: Wohin bewegt sich die Welt?

Radikalität und Polarisierung nehmen weltweit zu. Die Schere zwischen reich und arm, zwischen Norden und Süden, zwischen rechts und links öffnet sich immer mehr. Absehbar ist, dass bei sich verschärfenden Gegensätzen hier auf Erden das Dasein immer schwieriger wird. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 21.02.2016, 14:15 Uhr

Zur Person

Michael Pfiffner, geboren am 20. August 1971 und aufgewachsen in St.Margrethen, hat in Luzern und Innsbruck Theologie studiert. Nachdem er als Vikar in Niederuzwil und Buchs gewirkt hat, wechselte er nach Uznach, wo er seit 2007 Leiter der Seelsorgeeinheit Obersee ist. Seit 2015 ist Michael Pfiffner Dekan im Linthgebiet. Zu seinen Hobbys zählen grafisches Zeichnen und Kino.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!