«Das ist die totale Identitätskrise!»

Cecilia Bartoli hat eine neue CD. Sie ist dem Kastraten Farinelli gewidmet – und zeigt die Sängerin mit Bart.

«Es ist ein theatralisches Spiel»: Cecilia Bartolis Fotos fürs Farinelli-Album polarisieren. Foto: Uli Weber

«Es ist ein theatralisches Spiel»: Cecilia Bartolis Fotos fürs Farinelli-Album polarisieren. Foto: Uli Weber

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Haben Sie schon schockierte Reaktionen erhalten wegen Ihrer Fotos mit Bart?
Ja, das CD-Cover polarisiert … Für mich war es keine Premiere, ich trug schon einmal Bart, als ich die Titelrolle in Händels «Ariodante» sang in Salzburg; da hat mich der Regisseur Christof Loy gefragt, ob das drinliegen würde. Es ist ein theatralisches Spiel. Aber eines, das zur Sache passt.

Hatten Kastraten denn Bärte?
Nein! Die wurden ja als Knaben kastriert, mit acht oder neun Jahren. So entwickelten sie weder eine männliche Stimme noch Bartwuchs. Wenn Farinelli einen König oder sonst eine imposante Figur darstellen sollte, musste er sich einen Bart ankleben, genau wie ich.

Eine traurige Geschichte.
Ja, grauenhaft. Allein in Neapel, wo Farinelli aufwuchs, wurden pro Jahr rund 4000 Knaben kastriert. Anders als er selbst stammten die meisten aus armen Familien; die hatten vielleicht zehn oder zwölf Kinder, da hat man dann eines geopfert für die Kunst, in der Hoffnung, dass es Karriere mache.

Was nur den wenigsten gelang.
Die meisten landeten in einem Kirchenchor. Und sie hatten ein schreckliches Leben: Sie waren keine Männer, keine Frauen, sie wurden gesellschaftlich ausgegrenzt. Das einzig Gute, was man an dieser Geschichte finden kann, ist dies: Dass die Komponisten damals Musik schrieben, die ohne diese unglaublichen Stimmen kaum vorstellbar gewesen wäre.

Gibt es denn Unterschiede zwischen Werken, die für Frauen geschrieben wurden, und solchen für Kastraten?
Auf jeden Fall. Es gibt sogar bei den Werken für einzelne Kastraten Unterschiede. Farinelli zum Beispiel hatte einen sehr grossen Stimmumfang, und er sang enorm virtuos. Aber er hatte offenbar auch eine gefühlvolle, melancholische Seite. Er konnte die Menschen berühren mit einer einzigen Note, die er ganz schlicht endlos aushielt.

Das Publikum drehte durch, wenn sie diese endlosen Linien sangen.

Das fällt auf bei der Arie «Chi non sente al mio dolore» auf Ihrer CD, die Farinellis Bruder Riccardo Broschi für ihn komponiert hat: Er muss einen enorm langen Atem gehabt haben.
Das war ja das Besondere an den Kastraten: Sie hatten hohe Stimmen, aber das Lungenvolumen von erwachsenen Männern. Das Publikum drehte durch, wenn sie diese endlosen Linien sangen.

Wie trainieren Sie das? Mit Treppensteigen?
Das würde nicht viel bringen. Es braucht eine sehr gute Technik für dieses Repertoire. Man muss den Atem ganz präzis dosieren können, kein bisschen Luft verschwenden, damit man den Ton wie an einem Faden aufspannen kann. Wobei die Technik nur die Grundlage ist: Dann geht es darum, die Seele hören zu lassen, ganz zu der Figur zu werden, die man darstellt. Manchmal denke ich beim Singen auch tatsächlich, ich sei jetzt Farinelli.

Und?
Das ist die totale Identitätskrise!

Sie lachen.
Es macht schon Spass, in diese verrückte Welt einzutauchen.

Das Spiel mit den Geschlechtern wurde da ja auch sehr genüsslich auf die Spitze getrieben. Sie singen auf der CD Arien aus Hasses «Marc’Antonio e Cleopatra»: Da wurde der Marc’Antonio von einer Altistin gesungen, Farinelli gab die Cleopatra.
Das Publikum hat sich zweifellos sehr amüsiert über solche Verwirrungen. Auch die Geschichten der damaligen Opern spielen ja oft mit diesen Themen, da verkleiden sich Männer als Frauen und umgekehrt. Und die Kastraten standen im Zentrum, sie stellten einmal einen König dar, dann wieder eine Königin.

Und dies Hunderte von Jahren, bevor etwa David Bowie die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischte ...
Ich finde David Bowie ja grossartig, aber da hat er tatsächlich nichts erfunden. Ich denke oft, dass man die wirklich modernen Dinge findet, wenn man zurückschaut. Auch musikalisch: Die hohen Männerstimmen, das starke rhythmische Element – das sind alles Dinge, die der Pop mit der Barockmusik gemeinsam hat.

Nicht zu vergessen den Starkult!
Genau – und damit sind wir wieder bei Farinelli, der ja wirklich der grösste Star seiner Zeit war. Aber er scheint sich ein gewisses inneres Gleichgewicht erhalten zu haben. Andere Kastraten pflegten einen extremen Narzissmus, er nicht. 1737 holte ihn die Frau des spanischen Königs Philipp V. nach Madrid, weil der König eine schwere Depression hatte; Farinelli soll ihm dann jahrelang jeden Abend dieselben Arien vorgesungen haben. Er wurde zu einem Freund des Königs, zu seinem Berater; er hatte die Macht eines Premierministers. Er scheint ein sehr weiser, intelligenter, sensibler Mensch gewesen zu sein.

Hört man auch das in der Musik, die für ihn entstanden ist?
Ich finde schon. Deshalb bin ich froh, dass ich dieses Album erst jetzt mache. Virtuos singen kann man schon, wenn man jung ist; bei den melancholischen Stücken war es gut, dass ich so lange gewartet habe.

Da braucht es eine gewisse Reife?
Genau. Und mit der Reife kommt dann eben auch der Bart (lacht).

Also bisher sieht man nichts davon.
Nein, ich bin noch nicht so weit. Aber eine Urgrossmutter von mir, bei der hat es sich im Alter tatsächlich gekräuselt unter dem Kinn. Dank dem Cover bin ich jetzt schon mal vorbereitet darauf, wie das bei mir aussehen wird. Den Schock habe ich also schon hinter mir.

Cecilia Bartoli singt Nicola Porporas Arie «Nell'atendere mio bene». Video: Youtube/Decca




Die Sängerin wird Intendantin

Cecilia Bartoli verwandelt sich gern. Auf der Bühne hat man die 1966 in Rom geborene Wahlzürcherin schon in den unterschiedlichsten Rollen erlebt: liebend, leidend, zickend – und alles auf Hochtouren. Auch auf den Covers ihrer CDs zeigt sich die Lust am Sich-immer-wieder-Neuerfinden; da ist das Porträt mit Bart nur das jüngste in einer ziemlich spektakulären Reihe, in der sich Bartoli einmal mit Glatze und Priestertalar, dann wieder als Marmorstatue ablichten liess.

Cecilia Bartoli erfindet sich auf ihren CD-Covers immer wieder neu. Foto: Decca

Nun steht eine weitere Verwandlung bevor: Letzte Woche wurde bekannt, dass die Sängerin 2023 als erste Frau die Intendanz des Opernhauses in Monte-Carlo übernimmt. Dass sie ein Flair hat für originelle Programme, zeigt sie ja schon seit 2012 bei den Salzburger Pfingstfestspielen, an denen sie jedes Jahr Werke zu einem bestimmten Thema programmiert.

Aber warum Monte-Carlo? Die Geschichte, wie es dazu kam, ist eine typische Bartoli-Geschichte. Es begann mit einem Projekt zur Musik am Hof von St. Petersburg zur Zeit der Zarinnen Anna, Elisabeth und Katharina die Grosse (auf dem Cover zu jener CD trug sie dann eine weisse Pelzmütze). Während der Recherchen im Marinsky-Archiv fiel ihr auf, dass nicht nur die Komponisten zumeist aus Italien stammten, sondern auch die Musiker der Hofkapelle: «Und da habe ich gedacht, dass es doch schön wäre, an einem heutigen Hof ein Barockorchester zu gründen.»

Über Jean-Louis Grinda, den jetzigen Direktor der Oper Monte-Carlo, kam sie dann in Kontakt mit Caroline von Monaco, die Musik mag und so begeistert war von dem Vorschlag, dass er tatsächlich realisiert wurde. Seit 2016 gibt es das Ensemble «Les Musiciens du Prince – Monaco».

Und nun übernimmt Cecilia Bartoli also auch noch die Leitung des Opernhauses. Ein Juwel sei es, sagt sie, gebaut von Charles Garnier, «also eigentlich die Pariser Oper in klein». Knapp 600 Zuschauer finden Platz darin, auch die Saison plant man «en miniature»: Fünf Titel pro Jahr sind vorgesehen, gespielt wird von Mitte November bis Mitte April – was bedeutet, dass sie trotz des neuen Jobs ihren bis 2026 laufenden Salzburger Vertrag erfüllen kann.

Ideen habe sie genug, sagt sie, «und es freut mich sehr, nach 35 Jahren Karriere noch einmal ganz neue Perspektiven zu entwickeln.» Aber bleibt denn da überhaupt noch Zeit zum Singen? Cecilia Bartoli winkt ab: Sie werde wohl schon etwas weniger als bisher auf der Bühne stehen. Aber es bleibt die Hauptsache: «Ich werde singen, solange ich kann.»

Erstellt: 10.12.2019, 11:57 Uhr

Farinelli – das Album

Wie sang Carlo Broschi (1705–1782), der als Kastrat unter dem Namen Farinelli der grösste Opernstar seiner Zeit wurde? Auch die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli kann die Frage nicht beantworten; sie singt die für Farinelli geschriebenen Arien in ihrer Weise: Sehr stürmisch oder sehr still, atemberaubend flink in den Koloraturen, expressiv (und gern auch explosiv) in jedem einzelnen Ton. Dabei vermittelt sie allerdings dennoch zumindest eine Ahnung dessen, was Farinelli gekonnt haben muss; wie viel ihm die Komponisten zumuten konnten, wird jedenfalls rasch klar. Manche Arien sind zirkusreife Showstücke, andere verlangen einen langen Atem und subtile Gestaltungskunst. Bartoli wird beiden gerecht – in ebenso herzlichem wie reaktionsschnellem Einklang mit dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. (suk)

Cecilia Bartoli: Farinelli (Decca)

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