Horgen

«Churchill hat einen Narren gefressen an der Schweiz»

Zum 70-Jahr-Jubiläum von Winston Churchills Zürcher Rede hat die Lesegesellschaft den Publizisten Werner Vogt eingeladen. Der Kriegspremier ist für Vogt eine Inspirationsfigur.

Am 19. September 1946 wurde Winston Churchill von der Zürcher Bevölkerung triumphal empfangen. Zehntausende Menschen säumten die Strassen und füllten seine offene Limousine mit Blumen.

Am 19. September 1946 wurde Winston Churchill von der Zürcher Bevölkerung triumphal empfangen. Zehntausende Menschen säumten die Strassen und füllten seine offene Limousine mit Blumen. Bild: zvg/SIK-ISEA

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Werner Vogt, es gibt abertausdene Bücher von und zu Winston Churchill…
Werner Vogt: … das stimmt. Allein das Churchill-Archiv in Cambridge umfasst 20 Laufmeter Bücher von der Decke bis zum Boden. Insgesamt gibt es mehr, als ein Mensch in einem Leben lesen könnte.

Sie haben noch eins mehr geschrieben.
Es ist verrückt, welche Aura Churchill heute noch umgibt. Auf die Frage, mit wem sie am liebsten einmal essen gehen würden, wie die «Bilanz» sie regelmässig stellt, ist Churchill immer noch einer der meist genannten Namen.

Er gilt ja auch als sehr witzig und rhetorisch gewandt.
Churchill war einer der grössten Redner der Weltgeschichte. Gleichzeitig war er unglaublich schlagfertig. Da gibt es zahllose Anekdoten. Beispielsweise soll ihm einmal eine Dame, bei der er zum Essen eingeladen war, gesagt haben, wenn er ihr Mann wäre, würde sie seinen Kaffee vergiften. Worauf er geantwortet haben soll, wenn er ihr Mann wäre, würde er den Kaffee trinken.

Das ist köstlich – aber nicht neu. Welche neuen Aspekte haben Sie ausgegraben?
Es gibt vor allem in der englischsprachigen Welt viele Churchill-Publikationen. Ich habe dagegen auf Churchill und die Schweiz fokussiert, der er freundschaftlich verbunden war.

Wie kam das?
Churchills allererste Auslandreise hat ihn in die Schweiz geführt. Als junger Mann war er überwältigt von der Naturschönheit. Später kam er häufig wegen seines Mentors Sir Ernest Cassel in die Schweiz, der hatte auf der Riederalp eine Villa bauen lassen. Und sein Mallehrer, Charles Montag, stammte aus Winterthur. Der spielte eine Schlüsselrolle bei Churchills Passion, der Landschaftsmalerei. Churchill hat ja nicht nur den Literaturnobelpreis erhalten und mehr Bücher geschrieben als Shakespeare und Dickens zusammen. Er hat auch gemalt. Schliesslich sind als emotionaler Grund auch die «Swiss girls» zu nennen. Churchill schätzte ihre Dienstfertigkeit und Kochkenntnisse schätzte er auch deren Ehrlichkeit, aber auch ihre kleinen Gesten. So war er beispielsweise gerührt, als ihm zwei «Swiss girls» an Ostern zum Morgenessen zusätzlich ein Körbchen mit selbstgefärbten Eiern brachten. Man kann sagen: Churchill hat einen Narren gefressen an der Schweiz.

Wie hat er die neutrale Haltung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg beurteilt?
Churchill war da sehr pragmatisch. Er wusste wohl, dass die Schweiz mehr Waffen an Deutschland geliefert hatte als an Grossbritannien. Er fand das zwar nicht glorios, seiner Einschätzung nach war es aber wichtiger, im Herzen Europas wenigstens noch eine funktionierende Demokratie zu haben, als die Schweiz für ihr Verhalten zu geisseln.

Das bewundern Sie an ihm?
Vor allem halte ich ihn für eine Inspirationsfigur, und zwar in dem Sinn, als er sich immer treu geblieben ist und auch als Aussenseiter für seine Überzeugungen gekämpft hat. Er ist beharrlich seinen Weg gegangen, auch wenn sein Vater ihn für einen Verlierer gehalten hat, weil er es nicht an die Uni Oxford geschafft hat. Später weigerte Churchill sich wie ein Fels in der Brandung, mit Nazi-Deutschland einen Deal einzugehen, obwohl viele Politiker anderer Meinung waren. Ich bewundere ihn für seinen Mut, sein Beharrungsvermögen und seine Zuversicht, die er aus sich selbst zu schöpfen vermochte. In einem Moment höchster Gefahr wuchs er über sich hinaus.

Er war aber bestimmt nicht einfach im Umgang.
Das ist die Kehrseite. Churchill war egomanisch. Er war gnadenlos im Führungsstil, überfuhr Leute wie ein Panzer. Entsprechend war es ein Schock für ihn, als er nach dem Krieg als Premier abgewählt wurde.

Wie aber sind Sie auf Churchill gekommen? Das ist doch alles recht lange her?
Ja und Nein. Mein Vater hatte Jahrgang 1910 und war im Zweiten Weltkrieg 700 Tage als Soldat an der deutschen Grenze stationiert. Dank seinen Erzählungen war mir diese Zeit immer sehr präsent. Später habe ich Geschichte studiert mit Fokus auf dem 20. Jahrhundert. Und ich bin überzeugt, dass der Zweite Weltkrieg anders herausgekommen wäre ohne Winston Churchill. Das Schicksal Europas hing an einem dünnen Faden. Ich gehe davon aus, dass England vor den Nazis kapituliert hätte, wenn im Mai 1940 Churchills Kontrahent Lord Halifax Premierminister geworden wäre.

Churchill wird besonders von Konservativen verehrt.
Das stimmt. Man sollte aber nicht vergessen, dass Churchill auch der Vater vieler sozialer Reformen ist, sich beispielsweise für Mindestlöhne eingesetzt hat und etwas wie eine Arbeitslosenversicherung eingeführt hat.

Dennoch: Es ist der bekannte Zürcher SVP-Exponent Walter Frey, der Ihren reich bebilderten Churchill-Band ermöglicht hat.
Ich habe ihn angefragt, weil ich wusste, dass er anglophil und ein Bewunderer Churchills ist. Er hat ja dessen Land Rover Oldtimer erstanden und wieder in Stand stellen lassen. Das Auto, das Churchill für seine Verdienste im Zweiten Weltkrieg von der Firma Rover zum 80. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Und mit dem er schon auf der Jungfernfahrt stecken geblieben ist, weil er seinem Fahrer befahl, trotz extrem schlammigem Terrain weiter zu fahren. Für Churchill war das ein Fahrgefühl wie in den Tagen nach der Landung in der Normandie.

Die Anekdote ist wohl symptomatisch für Churchill.
Das ist sie. Es war übrigens auch für mich ein schönes Gefühl, einmal mit dem Wagen mitfahren zu dürfen.

«Winston Churchill als Persönlichkeit, Staatsmann, Europäer und Freund der Schweiz»: Vortrag von Werner Vogt, Freitag, 22. Januar, 20 Uhr, grosser Saal des Katholischen Pfarreizentrums, Burghaldenstrasse 7, Horgen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.01.2016, 16:22 Uhr

Churchills Zürcher Rede

Winston Churchill (1874 bis 1965) ist die wohl prägendste Figur der Geschichte Grossbritanniens im 20.?Jahrhundert. Nachdem er für die Konservativen und zeitweise die Liberalen im Unterhaus gesessen und verschiedene Ministerien bekleidet hatte – unter anderem war er Innen-, Finanz- und Marineminister –, wurde er im Mai 1940 zum Premierminister gewählt. Er gilt als Kriegspremier.

Im August 1945 wurde Churchill abgewählt. Als Oppositionsführer kam er im Spätsommer 1946 für eine Rundreise in die Schweiz, wo er geradezu frenetisch gefeiert wurde. Am 19.?September hielt in Zürich seine berühmte «Let Europe arise»-Rede. In dieser entwarf er die Vision eines vereinten Europas. Wobei er zur Versöhnung aufrief: Es müsse mit der Vergeltung ein Ende haben, Frankreich und Deutschland müssten sich hierfür in einem ersten Schritt zu einer Partnerschaft zusammenraufen. (sis)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!