Jona

Alles nur Maskerade

Am Donnerstag feierte das Theater Weissglut Premiere mit «Der Menschenfeind» von Molière. Falsche Anteilnahme und geheuchelte Gefühle stehen im Zen­trum der modern inszenierten ­Komödie.

Die Situation eskaliert: Alceste (Jörg Hug, rechts) gerät wegen seiner direkten Art mit dem gekränkten Oronte (Moritz Kälin, links) aneinander. Freund Philinte (Michel Fest) versucht 
zu schlichten.

Die Situation eskaliert: Alceste (Jörg Hug, rechts) gerät wegen seiner direkten Art mit dem gekränkten Oronte (Moritz Kälin, links) aneinander. Freund Philinte (Michel Fest) versucht zu schlichten. Bild: Manuela Matt

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Zwischen Müllcontainern, leeren Kartons und Harassen läuft eine Geschichte vom Lieben und Lügen aus dem Ruder. Das Theater Weissglut feierte am Donnerstag Premiere mit einem philosophisch zeitlosen Stück von Mo­lière, das die Frage in den Raum stellt, ob die Lüge nicht wesenhafter und vitaler Bestandteil des ­gesellschaftlichen Lebens sei.

Für den Menschenfeind Alceste (Jörg Hug) sind die Sitten der vermeintlich Schönen und Klugen ein Graus. Und so sagt er seinen Mitmenschen bei jeder Gelegenheit die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht. «Ihr nennt es ­Gesellschaft, ich nenne es Metzgerei.» Doch durch die Liebe zur schönen Celimene (Patricia Keller), welche das Heucheln und Kokettieren wie keine andere beherrscht, gerät Alceste in einen Konflikt mit seinem Gewissen.

Das Plenum bestimmt

Das Theater Weissglut präsentiert das Satirestück nach der deutschen Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1979. «Wir haben bewusst einen Klassiker ausgewählt dieses Jahr», sagt Katja Buser, die bereits zum zehnten Mal Regie führt. Nachdem das En­sem­ble letztes Jahr ein sehr modernes und zeitgenössisches Stück aufgeführt hat, wollte man den Zuschauern dieses Jahr etwas völlig anderes präsentieren. «Dar­um haben wir die Reime nur minim angepasst.» Politische Seitenhiebe etwa entsprechen aber der heutigen Zeit. «Die Rollenverteilung haben die Schauspieler selber vorgenommen», erzählt die Regisseurin. Jeder wisse selber am besten, was er zu leisten imstande sei. Auch den Ort der Handlung habe man gemeinsam festgelegt, sagt sie. Ein Salon, wie im Original, erschien der Truppe nicht zeitgemäss genug. «Aber die Welt der Partyszene ist ideal, um so verschiedene Charaktere aufeinandertreffen zu lassen».

So werden die Zuschauer, der Saal ist nur zur Hälfte gefüllt, während zweier Stunden in den tristen Hinterhof eines Clubs entführt. Bassmusik dringt beständig durch die Mauern, während die Geschichte ihren Lauf nimmt.

Hinterlist als Takt

Zunächst scheint die Welt der Partygäste noch in Ordnung. Celimene, die selbstbewusste Gastgeberin, versteht es hervorragend, sich jeden Verehrer zunutze zu machen. Gekonnt flirtet und schmeichelt sie den anwesenden Herren. Auch ihre Gäste, wie etwa die zwei schrillen Grafen (Marcel Hodel und Michael Vetterli) scheinen Hinterlist mit Takt zu vertauschen. Nur schwer und mit viel Alkohol ist die Si­tua­tion für Alceste zu ertragen. Im persönlichen Gespräch versucht er Celimene die Augen zu öffnen. Die junge Frau hat jedoch kein Gehör dafür, und so nimmt das Desaster seinen Lauf.

Die teilweise langen Textepisoden der einzelnen Darsteller wirken hin und wieder etwas holprig. Besonders in der ersten Hälfte ist die Nervosität der Schauspieler, die alles Laien sind, noch deutlich spürbar. Je länger die Nacht und verworrener die Si­tua­tion, desto eingespielter die Akteure. Zuletzt bringen versehentlich vertauschte SMS das Lügengebilde der Partygemeinde zum Einstürzen.

Weder Einsicht noch Reue

Wer nun aber Einsicht erwartet, der liegt falsch. Die Gesellschaft zieht zwar gekränkt von dannen, jedoch ohne erkenntlich Reue über das eigene Betragen zu zeigen. Alceste vergibt Celimene einmal mehr aus Liebe ihr Benehmen. Er fordert sie aber auf, mit ihm auszuwandern und die, aus seiner Sicht, verdorbene Gesellschaft hinter sich zu lassen. Celimene sieht jedoch keinen Anlass dafür, und so bleibt sie nach einer durchzechten Nacht alleine im Hinterhof zurück. Das Licht erlischt, und der Applaus des Publikums setzt ein.

Weitere Aufführungen: 22. bis 24. Oktober und 28. bis 31. Oktober, jeweils 20.15 Uhr.

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Erstellt: 24.10.2015, 08:46 Uhr

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