Gymnasium

Die Mittelschule ist weiblich

Der neue Informatiklehrgang ist beliebt – aber nicht überall. Und die Lateiner sterben aus. Die Zahlen zu den Aufnahme­prüfungen an den Mittelschulen liegen vor.

62 Prozent der angehenden Mittelschüler im Kanton St. Gallen sind Schülerinnen.

62 Prozent der angehenden Mittelschüler im Kanton St. Gallen sind Schülerinnen. Bild: Keystone

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Es waren etwas mehr als 1500 Schülerinnen und Schüler, die im März ein paar Tag lang schwitzige Hände hatten: Sie waren zur Aufnahmeprüfung an einer der sechs kantonalen Mittelschulen angetreten. Für jene 1229, welche die Prüfung bestanden haben, geht das Abenteuer im August weiter. Der grösste Teil wird ans Gymnasium gehen: 831 Schülerinnen und Schüler peilen eine gymnasiale Matur an. 81 wollen an die Wirtschaftsmittelschule, 297 an die Fachmittelschule und 35 an die Informatikmittelschule.Besonders auffällig ist aber eine Prozentzahl: 62 Prozent der angehenden Mittelschüler sind Schülerinnen. Wie Tina Cassidy, Leiterin des kantonalen Amtes für Mittelschulen meint, sei das schon seit Jahren eine Tendenz: «Die Lehrgänge sind sprachlastiger geworden, das zieht vermutlich eher junge Frauen an.»

Unter den jungen Männer hingegen wählen viele nach der obligatorischen Schule eine Lehrstelle, bei der sie schnell aufsteigen können – vielleicht auch, weil sie schulmüde sind. Frauen zieht es eher an die Schule: An der Fachmittelschule, die auf pflegerische, soziale und erzieherische Studien vorbereitet, werden im Herbst 85 Prozent des ersten Jahrgangs weiblich sein. In der ersten Gymnasiumklasse sind es immerhin noch 57 Prozent.

Eine mögliche Neuerung könnte hier bereits gegriffen haben, denn im Vorjahr lag der Frauenanteil an der Kanti noch bei 61 Prozent: «Ab 2018/19 wird der Stundenplan wieder etwas technischer, weil der Informatikunterricht obligatorisch wird», sagt Tina Cassidy.

Viele Informatiker

Dass junge Männer sich von einer technischeren Ausbildung locken lassen, zeigt die neue Informatikmittelschule, die seit letztem Jahr an der Kantonsschule am Brühl und in Wattwil angeboten wird. Von den 35 Kandidaten, welche die Prüfung bestanden haben, ist nur eine weiblich.

Eine Auffälligkeit gibt es aber auch hier: Während sich die Zahlen der Interessierten in der Stadt St. Gallen fast verdoppelt haben, haben sie sich in Sargans wieder halbiert. Nur weil die Aufnahmequote dort (92 Prozent) viel höher ist als im Vorjahr (70 Prozent), kann trotzdem eine Klasse von zwölf Schülern gebildet werden.

Der Sarganser Prorektor Daniel Käser meint, die Jugendlichen seien vermutlich besser vorbereitet gewesen, die Schule beeinflusse die Quote jedenfalls nicht: «Die Prüfungen und die Aufnahmekriterien sind im ganzen Kanton standardisiert, wir können nicht nach unseren Bedürfnissen mehr oder weniger Schüler aufnehmen.» Dass das Interesse in Sargans sinkt, kann laut Käser mit dem breiten Angebot an Informatik-Lehrstellen in der Region zu tun haben.

Konkurrenz für Gymnasien

Und auch die Informatikmittelschule (IMS) an der Berufsschule Rapperswil-Jona ist eine Konkurrenz. Sie hat einen technischen statt wirtschaftlichen Fokus und ist im Unterschied zu den übrigen Mittelschulen dem Amt für Berufsbildung unterstellt. Tatsächlich hätten die Anmeldezahlen zugenommen, bestätigt IMS-Leiter Fabio Cangini. «Im Vorjahr waren es noch 15 Anmeldungen und schliesslich 8 Lernende. Dieses Jahr haben 29 Schüler die Prüfung gemacht, darunter vier junge Frauen. 24 Lernende werden im Sommer beginnen.»

«Die Lehrgänge sind sprachlastiger  geworden. Das zieht vermutlich eher junge Frauen an.»

Tina Cassidy,  Leiterin des kantonalen Amtes für Mittelschulen

Aus dem Sarganserland kommen sie aber nicht: Sie wohnen zum grössten Teil im Linthgebiet, drei sind aus dem Toggenburg und vier von ausserhalb des Kantons. Laut Tina Cassidy werden die Zahlen wohl noch so lange schwanken, bis die ersten Absolventen in drei Jahren ihre Berufsmatura in den Händen hielten: «Es braucht immer etwas Zeit, bis ein neuer Lehrgang sich etabliert.»

An den schon zwanzig Jahre bestehenden Maturarichtungen lassen sich Tendenzen zuverlässiger ablesen: Physik, Mathematik und Naturwissenschaften werden immer beliebter, das Interesse an Spanisch nimmt hingegen stark ab. In Wirtschaft und Recht sinkt die Schülerzahl nach einem Höhenflug wieder, es bleibt aber weiterhin stärkstes Schwerpunktfach. Italienisch, Musik und Bildnerisches Gestalten haben seit Jahren einen stabilen Anteil unter zehn Prozent.

Die rapide sinkende Kurve in einem anderen Fach ist aber auffällig: Im ganzen Kanton haben nur noch 31 Sekschülerinnen und -schüler Interesse an der Lateinmatura, sprich weniger als 4 Prozent. Zu diesen stossen im August noch 13 ehemalige Untergymnasiasten, die keine Aufnahmeprüfung machen müssen.

Zum Vergleich: Im Jahr 1997 gab pro Jahrgang noch 224 Lateingymnasiasten. Dann kam die neue Maturitätsordnung und damit die Konkurrenz der modernen Sprachen. Martin Gauer, Rektor der Kanti Wattwil, stellt denn auch fest, dass die bilinguale Ausbildung – also gewisse Fächer in Englisch – immer häufiger gewünscht wird. Ob dies auf Kosten des Lateins geschieht, kann er nicht abschätzen. Eines ist aber für Gauer klar: «Das sinkende Interesse an Latein hängt mit den Universitäten zusammen.» Die Lateinpflicht geht an Hochschulen zurück.

Keine Lateinklassen mehr

Eine Folge des negativen Lateintrends ist, dass die Kantonsschule Wil schon seit vielen Jahren keine Lateinklassen mehr anbieten kann, trotz grosser Bemühungen, schon Sekundarschüler für das Fach zu begeistern, wie der Wiler Prorektor Peter Aerne erklärt: «Wer an der Sek Latein nimmt, darf die Kantischüler auf Ausflügen zu römischen Grabungen begleiten.»

Vielleicht kam auch jene Schülerin in diesen Genuss, die in Wil als Einzige eine Aufnahmeprüfung mit Latein bestanden hat. Ihre Matur wird sie aber anderswo machen müssen: Bei der Anmeldung können die Schülerinnen und Schüler nur Präferenzen für eine Schule angeben, die definitive Einteilung wird durch das Amt für Mittelschulen vorgenommen. Ein Punkt spricht übrigens klar fürs Latein: Wer die Aufnahmeprüfung mit Latein macht, schafft sie auch. 100 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten haben bestanden.

Erstellt: 06.05.2018, 16:57 Uhr

Stadt stellt erstmals 40 Prozent der Wattwiler Kantischüler

Je städtischer das Gebiet, desto grösser ist das Interesse an einer Matur. Das zeigen die jüngsten Zahlen zu den Aufnahmeprüfungen der Kanti Wattwil.

Der Trend reisst nicht ab: Drei Vier­tel aller Kantischüler in Watt­wil stammen aus dem Linthgebiet. Die neusten Zahlen nach den Aufnahmeprüfungen 2018 zei­gen: Von den 219 Schülerinnen und Schülern, die nach den Sommerferien mit dem Gymnasium oder der Fachmittelschule starten, stammen ganze 41 Prozent aus Rapperswil-Jona. Das ist ein neuer Rekord. Bezogen auf alle­ Jahrgangsstufen lag der bisherige Höchstwert bei 39 Prozent im vergangenen Herbst. Gleich geblieben ist der Anteil bei den Neueintretenden an Schülern aus dem Toggenburg (26 Prozent), leicht rückläufig ist die Zahl bei den Schülern aus dem übrigen Linthgebiet (33 Prozent).

Intellektuelle Städter
Martin Gauer, Rektor der Kantonsschule Wattwil, hat für die unterschiedlichen Quoten gleich mehrere Erklärungen. Dass der Anteil von Toggenburger Schülern in Wattwil seit 2007 deutlich rückläufig ist, hänge mit der Demo­grafie in der Region zusammen, aber auch der verstärkten Konkurrenz durch die Kanti Wil, die ebenfalls im Toggenburger Einzugsgebiet liegt. Zum Vergleich: 2007 waren in Wattwil noch 41 Prozent der Schüler aus dem Toggenburg selbst.
Nicht überrascht ist Gauer über die Tatsache, dass die Stadt Rapperswil-Jona anteilsmässig immer mehr Schüler stellt: «Je städtischer das Gebiet, desto höher­ ist das Interesse an einer gymnasialen Ausbildung.»

Abstimmung 2019
Die jüngsten Zahlen sind einmal mehr Wasser auf die Mühlen jener­ Politiker, die sich eine Kan­tons­schule im Linthgebiet wünschen. Sie haben den Standortentscheid der Regierung 2014 gegen Rapperswil-Jona und Uznach nie verdaut. Der rund 80 Millionen Franken teure Neubau soll stattdessen am bisherigen Standort in Wattwil realisiert werden.
Die St. Galler Regierung arbeitet derzeit an der soge­nann­ten Projektdefinition für den Ersatz­neubau. Diese soll im ersten Halbjahr 2018 festgestellt werden.
Im zweiten Halbjahr dürfte dann der Kantonsrat darüber disku­tieren – hitzige Voten zwischen Toggenburgern und Linthgebietlern sind vorprogrammiert. Das letzte Wort hat aber ohne­hin das St. Galler Volk: Voraussichtlich 2019 wird die Volksabstimmung über den Wattwiler Campus stattfinden. Conradin Knabenhans

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