Küsnacht

20 Milliarden verstecken sich im Wald

Der Wald ist ­mehr als eine Erholungszone. Das Holz aus dem ­Küsnachter Wald wird für den Bau ­ von Wohnsiedlungen genutzt – ein Leuchtturmprojekt ­ in der Schweiz.

Im Kreise von Holzexperten erzählt der Küsnachter Gemeinderat Ueli Schlumpf (ganz rechts) von der Entstehung der Siedlung Hüttengraben

Im Kreise von Holzexperten erzählt der Küsnachter Gemeinderat Ueli Schlumpf (ganz rechts) von der Entstehung der Siedlung Hüttengraben Bild: Sabine Rock

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In den Wald zieht es manch ­ einen, um den Niederungen des All­tags zu entfliehen – und im Küsnachter Wald dann vielleicht ­Roger Köppel zu begegnen. Dieser dreht hier seine Jogging­runden, weiss sein ehemaliger Schul­kollege und Geschäftsführer des Waldwirtschaftsverbandes Zürich, Felix Keller.

Ein belustigtes Raunen geht durch die Runde der «Hölzigen», wie die Anwesenden sich bezeichnen – alle arbeiten sie für und ­ im Wald oder verarbeiten dessen Holz.

Ein Wald – viele Aufgaben

Lignum Zürich, ein Verband, der sich für die Nutzung von einheimischem Holz einsetzt, lud zur Waldbegehung in Küsnacht ein. Der Wald von Förster Manuel Peter­hans ist ein «muster­gül­tiges Beispiel für die Wertschöpfungskette von Schweizer Holz».

Der Küsnachter Wald ist nicht nur naturnah, sondern er wird auch effizient genutzt. Ausserdem erfüllt er viele Aufgaben für teils im Widerspruch stehende Interessengruppen. Was das konkret heisst, erklären die Vortragenden direkt vor Ort: an Posten zwischen Baumstämmen und auf der Baustelle Hüttengraben.

Der Küsnachter Gemeinderat und Zimmermann Ueli Schlumpf tritt auf der Baustelle Hütten­graben in seiner traditionellen Gesellen-Kluft auf, um seine berufliche Nähe zur Holzwirtschaft auch visuell zu verdeutlichen. Schlumpf knüpfte die Kontakte, die es möglich machten, örtliches Holz für die Siedlung Hütten­graben zu verwenden. «Die Holzfassadenschalung war ratzfatz aufgebaut», erzählt Bauleiter Marc Laternser. Aus 1000 Kubikmetern Küsnachter Fichte entstehen hier 70 Wohnungen. Obwohl buchstäblich nahe liegend, bleibt es eine Seltenheit. Schweiz­weit arbeitet man meistens ­ mit ausländischem Holz, weil es ­minim günstiger ist.

Prix Lignum für Scheiterturm

Der grösste Teil des Holzes, das ­ in den Schweizer Wäldern gefällt wird, wird direkt verbrannt. Klüger wäre es, das Holz zuerst als Baumaterial oder Ähnliches zu nutzen – und es erst als Ultimo Ratio als Brennstoff zu verwenden.

«Hüttengraben ist ein Leuchtturmprojekt für die Zukunft», sagt Res Guggisberg, der Kreisforstmeister Zürich, doch es ­müsse noch mehr geschehen, insbesondere bei der Weiterverarbeitung von Laubbäumen. Kürzlich zeichnete Lignum einen Buchenbau mit dem Prix Lignum aus. Und zwar den Scheiterturm, ein Kunst­projekt im Thurgau, bei wel­chem eine Jahresernte Brennholz zu einem Turm gestapelt wurde.

Im Küsnachter Wald wachsen hauptsächlich Buchen und Waldmeister, aber auch Fichten und andere Nadelbäume. Ein typischer Mischwald. «Was wir hier sehen, ist ein Musterbeispiel ­ für naturnahen Waldbau», beschreibt Guggisberg.

Er empfehle immer eine Durchmischung der Baumsorten. Auch Kooperationen, die am liebsten nur Fichte anpflanzen würden, ­ da sich diese am besten verkaufen lässt, sollten davon abweichen. Denn mit einer Durchmischung reduziere man das Risiko für einen Kahlschlag wie bei Lothar 1999, eine Übersäuerung des ­Bodens oder die Gefahr des Borkenkäfers. «Man möchte ja auch nicht nur UBS-Aktien im Port­folio», vergleicht Guggisberg.

24-Stunden-Betrieb

«Der Wald ist von Gesetzes ­wegen multifunktional», sagt Keller, das heisst, er muss unter anderem Bioressourcen wie Holz und Quellwasser liefern und Raum für verschiedene Anspruchsgruppen bieten. Biker, Hün­deler, Reiter, Spa­zier­gänger, Jäger und neuerdings «Geo­ca­sher», eine moderne Form der Schatzsucher, tummeln sich von morgens bis abends im Wald. «Was der Zürcher Wald an Freizeit und Erholung bietet, entspricht einem Wert von etwa 200 bis 300 Millionen Franken jährlich», errechnet Keller. Für die ­Zukunft stelle sich da die Frage, wie viel es der Regierung wert sei, dass die Leute jederzeit ein Gratis-Naherholungsgebiet zur Verfügung hàtten? Das sei eine Diskussion, die in nächster Zeit bald auf uns zukomme.

Für 20 Milliarden Franken könnte man den Zürcher Wald verkaufen, so viel ist er laut ­ UNO-Berechnungsschlüssel wert. «Doch», schliesst Keller seinen Vortrag, «ich würde ihn auch für 20 Milliarden nicht hergeben.»

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Erstellt: 24.10.2015, 08:54 Uhr

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