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Kolumne Ben MooreNeues aus dem All

Da draussen gibt es Welten, die dunkler sind als unser dunkelstes Schwarz, Welten mit der Dichte von Zuckerwatte und mit einer höheren Dichte als Eisen. Und es gibt Planeten ohne Stern. Warum uns das zu denken geben sollte.

Astronomen haben kürzlich bestätigt, dass es in unserem Universum mehr Planeten als Sterne gibt. Das allein ist schon unglaublich. Was die Forscher aber am meisten überrascht hat, war die Vielfalt der Welten da draussen. Zu den neuesten Entdeckungen gehören Welten, die dunkler sind als unser dunkelstes Schwarz, Welten mit der Dichte von Zuckerwatte und Welten mit einer höheren Dichte als Eisen. Es gibt Planeten, die die Überreste toter Sterne umkreisen, Planeten, die Doppelsterne umkreisen, und Planeten ohne Stern.

Planeten ohne Stern?! Das ist doch Science-Fiction, denkt man im ersten Moment. Aber im letzten Monat fanden Astronomen Beweise dafür, dass es in unserer Galaxie Milliarden sogenannter vagabundierender Planeten gibt – Welten, die sich allein durch die kalte Leere des Alls bewegen.

Wir können diese Planeten nicht sehen, da sie nicht leuchten – weder von selbst noch durch die Reflexion von Sternenlicht. Ab und zu zieht jedoch einer vor einem fernen Stern vorbei. Dadurch nimmt die Helligkeit des Sterns auf charakteristische Weise zu und dann wieder ab. Der Planet fungiert als Gravitationslinse, die das Licht des weiter entfernten Sterns etwa eine Stunde lang bündelt und verstärkt, bis der Planet vorbeigezogen ist. So etwas passiert sehr selten, daher müssen Astronomen Hunderte Millionen von Sternen überwachen.

Mit dieser Technik wurden viele Exoplaneten – also Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems - entdeckt, aber all diese Planeten umkreisten einen Stern. Die neueste Beobachtung ist dagegen ein erdgrosser Planet, dem sein Stern fehlt –was die Existenz unzähliger weiterer solcher Planeten impliziert.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Erde aus unserem Sonnensystem geworfen wird?

Vagabundierende Planeten tauchen seit mindestens den 1930er-Jahren in Romanen und Filmen auf. Zum Beispiel basieren das Buch «When Worlds Collide» von 1933 und der Film «Melancholia» (2011) auf der Prämisse, dass das Leben auf der Erde durch den Eintritt eines vagabundierenden Planeten in unser Sonnensystem zum Untergang verurteilt ist. Die Kurzgeschichte «A Pail of Air» von Fritz Leiber aus dem Jahr 1951 erzählt die Geschichte eines Sterns, der in unser Sonnensystem eindringt und die Erde selbst zu einem vagabundierenden Planeten macht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein vagabundierender Planet der Erde ganz nahe kommt, ist zwar nicht null, aber doch unglaublich klein. Wie gross ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Erde selbst aus unserem Sonnensystem geworfen wird? Fritz Leibers Szenario einer engen Begegnung zwischen Sternen gilt heute als wahrscheinlichste Erklärung für den Ursprung vagabundierender Planeten. Solche apokalyptischen Begegnungen treten jedoch meist in Sternhaufen auf, in denen die meisten Sterne geboren werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Stern heute unser Sonnensystem durchquert und die Erdumlaufbahn drastisch verändert, lässt sich leicht berechnen – über vier Milliarden Jahre beträgt die Wahrscheinlichkeit etwa eins zu hunderttausend. Klein, aber nicht unglaublich klein.

Astronomen könnten eine solche Gefahr Zehntausende von Jahren im Voraus erkennen – genug Zeit also, um massive unterirdische Komplexe und Städte unter Kuppeldächern zu errichten, in denen das Leben weitergehen könnte. Die Ozeane würden schnell gefrieren, die Atmosphäre würde verschwinden, und alles Leben auf der Erdoberfläche würde sterben, aber die Aussicht auf unsere verschwindende Sonne und das Universum dahinter wäre einmalig!

Während es unwahrscheinlich ist, dass ein solches Szenario eintritt, gibt es ein anderes Ereignis, dem wir tatsächlich entkommen müssen – das Ende unserer Sonne, wenn sie sich in einen roten Riesenstern verwandelt und die Erde verschlingt. Liu Cixins Erzählung «Die wandernde Erde» spielt in ferner Zukunft und beschreibt, wie unsere Nachkommen unseren Planeten in ein riesiges Raumschiff verwandeln, das seinem bevorstehenden Untergang entkommt. Manchmal bin ich froh, in diesem 21. Jahrhundert am Leben zu sein und nicht im 70-millionsten Jahrhundert, wenn das Verlassen unseres Sonnensystems zur Notwendigkeit wird.

Ben Moore ist Professor für Astrophysik an der Universität Zürich.

22 Kommentare
    Hermann Ostermayer

    mich nimmt noch wunder, mit welcher Emotion oder Absicht der Professor Ben Moore bez. die Redaktion vom Tages-Anzeiger diesen Beitrag herausgibt:

    Im Kontext mit Forschung oder allgemeinem Interesse an Astrophysik und damit verwandten Gebieten finde ich es gut und lehrreich und interessant und freue mich, dass der Tagi auch über solche Themen überhaupt berichtet.

    ist die Absicht eher: Mensch du bist nicht gut genug! Dieser Denkanstoss würde ich für mich als sinnfrei empfinden. Weil bevor irgend ein höchst unwahrscheinliches Ereignis eintritt, oder gleichbedeutend was zwar 100% mal passieren wird, aber Äonen später, dass soll einem keine Angst bereiten.

    Wir Menschen sind Weltmeister im Angst haben, was alles Schlimmes passieren könnte. Anstatt in vernünftigem Rahmen das Leben zu leben, im Jetzt und solange man Zeit hat. Einerseits gibt es Covidioten, Corona Leugner Verschwörer & Co und anderseits Menschen welche sich sorgen, wenn in Milliarden Jahren die Erde wörtlich verdampft wird.

    In der Zwischenzeit kann man (bei günstigen Voraussetzungen) auch "nur" auf das weltliche Bishorn oder sonst einen rechten Hügel steigen und Vertrauen tanken. Statt auf Vorrat Angst haben wollen.

    Besser und lieber nicht die Lebensfreude verlieren. Die vorangegangenen Generationen haben mit viel weniger Möglichkeiten erstaunlich gut und schnell ihre jeweiligen Krisen hinter sich gelassen, bis neue Desaster und Kriege kamen. Aber der Weltuntergang gab es bisher nur im Kino.