Neuer schwerer Schlag für die SDA

Der CH-Media-Konzern baut eine Konkurrenzagentur auf. Das bringt kleine Zeitungen und sprachliche Minderheiten in Gefahr.

Der Stellenabbau könnte heftiger ausfallen als geplant: Redaktion von Keystone-SDA in Bern-Wankdorf. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Stellenabbau könnte heftiger ausfallen als geplant: Redaktion von Keystone-SDA in Bern-Wankdorf. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Vor noch nicht einmal zwei Jahren kam es bei der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zum grössten Stellenabbau ihrer Geschichte und zu einem Streik. Jetzt wird die Agentur vom nächsten Schlag getroffen. Das viertgrösste Schweizer Medienunternehmen will den Basisdienst der SDA ganz oder teilweise kündigen. CH Media ist dabei, eine Konkurrenzagentur aufzubauen, wie Radio SRF vermeldet. 

Zwar wird CH Media von Keystone-SDA weiterhin Fotos und Sportnachrichten beziehen. Die Inlandmeldungen will der Konzern aber künftig in Aarau selber herstellen. Für die SDA könnte dies zu weiteren Ertragsausfällen von rund 1,5 Millionen Franken führen, schätzt Radio SRF. Ein Insider bezeichnet die Grössenordnung als plausibel. CH Media gibt mehrere wichtige Tageszeitungen heraus, unter anderem die «Aargauer Zeitung», das «St. Galler Tagblatt» und die «Luzerner Zeitung».

Die neue Hiobsbotschaft verschärft den Spardruck bei Keystone-SDA – dies, nachdem die Redaktion schon 2018 um rund ein Viertel verkleinert wurde. Dass es 2020 zum nächsten Sparprogramm von 800'000 Franken kommt, hatte die Agentur bereits kommuniziert. Um wie viel grösser der Stellenabbau jetzt ausfällt, konnte Keystone-SDA nicht beziffern, weil die Verhandlungen mit CH Media und anderen Kunden noch laufen würden. «Aber es ist klar: CH Media ist ein Ankerkunde von Keystone-SDA, und jede Reduktion von Leistungsbezügen ist für die Nachrichtenagentur schmerzhaft», sagt Firmensprecher Iso Rechsteiner.

SRG reagiert alarmiert

Weitere Grosskunden reagieren denn auch alarmiert. «Wir befürchten, dass Keystone-SDA wegen des erneuten Stellenabbaus ihre Leistungen weiter wird abbauen müssen», sagt SRG-Sprecher Edi Estermann. «Das hätte Auswirkungen auf die kleinen Medien, die sich keine Vollredaktion leisten können, und auf die sprachlichen Minderheiten.» Was Estermann nicht sagt, aber implizit andeutet: Wenn die SDA ihre Leistungen reduziert, könnten bald weitere Kunden nach Preisnachlässen rufen – ein Teufelskreis. Heute werden der französisch- und der italienischsprachige Dienst von den Deutschschweizer Kunden quersubventioniert. Ohne SDA würden beispielsweise die Leser der Tessiner Zeitungen fast gar nichts mehr über Ereignisse nördlich des Gotthards erfahren. 

Die SRG hat bereits zugesichert, dass sie ihre Verträge mit der SDA ab 2020 um drei Jahre verlängern wird. Tamedia (die auch diese Zeitung herausgibt), die NZZ sowie Ringier wollten sich nicht zu ihren Plänen mit der SDA ab 2020 äussern, da man noch mitten in den Verhandlungen stehe. CH Media ist zwar der erste grössere Verlag, der ganz oder teilweise auf den Basisdienst der SDA verzichtet. Tamedia hat aber auf 2019 Teile des SDA-Sportdienstes gekündigt.

Schon vor zwei Jahren hatten verschiedene Medienkonzerne mit dem Aufbau einer billigeren Konkurrenzagentur geliebäugelt (erfahren Sie hier, wie die grossen Verlage die SDA in die Knie zwangen). Dieses Mal ist es jedoch nicht mehr nur eine Drohkulisse. Erste Verträge mit neuen Mitarbeitern seien unterzeichnet, sagt Pascal Hollenstein, publizistischer Leiter von CH Media. Im Endausbau soll der neue «Newsdesk» fünf bis zehn Journalisten umfassen. Hollenstein verneint nicht, dass die eigene Agentur auch ein Sparprojekt sei. «Es ist aber nicht der Kern.» Vielmehr gehe es um ein strategisches Vorhaben.

Bessere Platzierung auf Google

Erstens könne CH Media so die Inlandmeldungen künftig «massgeschneidert» herstellen. Zweitens verweist Hollenstein auf einen bisher wenig diskutierten Aspekt: Wie die meisten Medienhäuser arbeitet CH Media darauf hin, ihre Nachrichten künftig auch online kostenpflichtig anzubieten. Das gehe nicht, wenn andere Plattformen daneben die gleichen SDA-Meldungen weiterhin gratis vertreiben, sagt Hollenstein. Hinzu komme, dass die Suchmaschine Google bei identischen Nachrichten die grössten Anbieter zuerst anzeige – kleinere Nachrichtenplattformen hätten dabei ständig das Nachsehen. Mit der Produktion eigener Nachrichten hofft CH Media seine Platzierung in den Google-Suchresultaten zu verbessern.

Zum Vorwurf, CH Media sabotiere den Austausch von Nachrichten zwischen den Sprachregionen und damit den nationalen Zusammenhang, sagt Hollenstein: «Dies zu finanzieren, ist – wenn schon – die Aufgabe der Eidgenossenschaft und sicher nicht diejenige eines privaten Unternehmens.»

Erstellt: 06.11.2019, 21:21 Uhr

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