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Geldblog: Marktschrei(b)erNeue Impulse für Interroll

Für BKW ist es nicht zu spät +++ Dormakaba unter Beobachtung +++ Flughafen-Aktien sind eine Geduldsprobe +++ Pokern mit Santhera

Seit 2000 hat sich der Umsatz bei Interroll verdreifacht, der Gewinn verachtfacht und der Aktienkurs mehr als verzehnfacht.
Seit 2000 hat sich der Umsatz bei Interroll verdreifacht, der Gewinn verachtfacht und der Aktienkurs mehr als verzehnfacht.
Foto: PD

Interroll: kaufen

Die Tessiner Spezialistin für Lagerlogistik Interroll hat so ziemlich alles, was ein erfolgreiches Unternehmen braucht. Eine Führung, die stabil und weitsichtig ist und sich seit zwanzig Jahren nicht geändert hat. Produkte, wie zum Beispiel Förderrollen und Antriebssysteme, die technische Massstäbe setzen. Und Märkte, die wachsen, wie der Onlinehandel oder Kurier- und Paketdienste. Auch die Finanzierung ist einwandfrei mit hoher Eigenkapitalquote und ohne langfristige Bankschulden. Seit 2000 hat sich der Umsatz verdreifacht, der Gewinn verachtfacht und der Aktienkurs mehr als verzehnfacht. Interroll ist natürlich nicht vollständig immun gegen Wirtschaftskrisen. So hat die Pandemie den Umsatz im ersten Halbjahr schrumpfen lassen. Der Betriebsgewinn ist dennoch gestiegen, und Interroll setzt sein Investitionsprogramm ungerührt fort. Im nächsten Jahr kommt nun ein neuer Chef. Ein Risiko sehe ich darin nicht, denn der Wechsel wird sorgfältig vorbereitet. Ich bin auf neue Impulse gespannt.

BKW: kaufen

In der Krise zeigt sich, wie robust und erfolgreich ein Unternehmen ist. Das gilt auch für BKW. Chefin Suzanne Thoma kann nun in der Corona-Pandemie ernten, was sie zuvor strategisch umgesetzt hat. Mit dem Halbjahresergebnis glänzte der Energieversorger beim Umsatzwachstum, aber auch beim Betriebsergebnis, und der Cashflow konnte verdoppelt werden. Statt auf Atomkraftwerk und Wasserkraftwerken steht BKW auf drei starken Beinen: Energie mit Handel und Produktion, Dienstleistungen und das regulierte Netzwerk. Das Atomkraftwerk Mühleberg ist im Rückbau. Das freut mich natürlich sehr – Fukushima lässt grüssen. Thoma setzt neben Wasserkraft verstärkt auch auf alternative Energien wie Wind und Sonne, ist aber auch in den Gasmarkt eingestiegen. Im ersten Semester ist besonders das Dienstleistungsgeschäft stark gewachsen, dank Akquisitionen. Die sonst angeblich so bedächtigen Berner arbeiten zum Beispiel mit dem schnellen Tesla in Berlin Brandenburg zusammen, wo die Tesla Gigafactory entstehen wird. Während andere Unternehmen in der Krise keine Prognose wagen oder ihre Ziele gar herabsetzen, erhöht der Energieversorger das Betriebsergebnis für das ganze Jahr. Für einen Einstieg ist es nicht zu spät.

Flughafen Zürich: halten

Seit den Halbjahreszahlen befinden sich die Aktien des Flughafens Zürich auf einer sanften Erholung. Der Markt hatte damals bereits mit einem Halbjahresverlust gerechnet, aber eine schwächere Entwicklung prognostiziert. Das wurde als Signal gesehen. In der vergangenen Woche kam die Erinnerung der Anleger insofern zurück, als sie sich generell den Zurückgebliebenen zuwandten. Beispielsweise waren auch die Titel des Reisedetailhändlers Dufry gefragt. News aus dem Unternehmen oder der Branche fehlten. Zum aktuellen Kurs nähern sich die Flughafen-Aktien den Kurszielen über 150 Franken, die optimistische Analysten beispielsweise von der Deutschen Bank oder Kepler Cheuvreux gesteckt haben. Eine Verschnaufpause würde den Valoren der Flughafenbetreiberin meines Erachtens guttun. Auf lange Sicht hilft dem solide finanzierten Unternehmen das diversifizierte Modell, mit dem die Abhängigkeit vom Fluggeschäft verringert wird. 2020 wird ein Verlustjahr bleiben und 2021 sicher noch ein Übergangsjahr. Aktionäre brauchen entsprechend Geduld.

Dormakaba: halten

Ich mag die Aktien baunaher Unternehmen wie Belimo, Geberit, Schindler oder Sika. Müsste ich demzufolge auch Dormakaba mögen? Im Prinzip ja, aber unter gewissen Vorbehalten: Das Unternehmen, das spezialisiert ist auf Zutritts- und Sicherheitstechnik, steht noch etwas in der Beweispflicht. Als Dorma und Kaba 2015 fusionierten, wurde die sehr beachtliche Ebitda-Marge von 18 Prozent zum Mittelfristziel gesetzt – und seither nicht erreicht. Jetzt, inmitten der Corona-Krise, kann davon natürlich keine Rede sein. 2021 oder 2022 aber, wenn einerseits (hoffentlich, vielleicht) die Pandemie endlich überwunden werden kann und andererseits die künftige Konzernchefin Sabrina Soussan die Strategie von Dormakaba für die kommenden Jahre festlegt, müssen frische Impulse kommen – ich bin gespannt darauf, wappne mich jedoch eben mit Geduld. Irgendwann dürfte auch wieder externes Wachstum zum Thema werden, vielleicht eröffnet Corona für Dormakaba Gelegenheiten zu preisgünstigen Akquisitionen. Kurz: Ich beobachte die Entwicklung aufmerksam.

Santhera: kaufen

In den vergangenen Tagen haben drei Schweizer Biotech-Unternehmen Schritte zur Sicherung ihrer Zukunft bekannt gegeben. Polyphor und ObsEva konnten frische Gelder auftreiben. Santhera hat die weltweiten Rechte für den Wirkstoff Vamorolone erworben. Sie hat mit der Bezahlung in Aktien einen liquiditätsschonenden Weg dafür gefunden. Alle drei Biotechs sind Hochrisiko-Investments. Im Prinzip ist es hopp oder flop. Die gewichtigsten Meilensteine erwartet in unmittelbarer Zukunft Santhera. Noch vor Ende Jahr sind Daten zu einer zulassungsrelevanten Studie zum erworbenen Vamorolone fällig. Auch der EU-Zulassungsentscheid zu Puldysa wird bald erwartet. Beide Wirkstoffe von Santhera werden zur Behandlung des seltenen Muskelschwunds Duchenne-Muskeldystrophie entwickelt. Ein Aktienkauf ist ein Hochrisikopoker, denn Santhera verfügt nur noch über wenig Liquidität. Immerhin hat sie zwei Eisen im Feuer, bei denen kurzfristig zentrale Resultate kommen sollten. Ein Totalverlust ist dennoch möglich. Etwas für Spielernaturen wie mich.

Diese Kolumne wird von den Redaktorinnen und Redaktoren der «Finanz und Wirtschaft» verfasst. Sie haben sich verpflichtet, nicht in den entsprechenden Titeln aktiv zu sein. Wer die Tipps dieser Kolumne umsetzt, tut das auf eigenes Risiko. Die SonntagsZeitung übernimmt keine Verantwortung.