Zum Hauptinhalt springen

Viel Lärm um wenig LeistungNasenpflaster, du Null!

Einst ein beliebter Schnellermacher, wird das Pflaster auf der Nase zum Loser. Nur noch Sportler von gestern tragen es. Mitschuld hat mal wieder: die Wissenschaft.

Sieht auch noch schick aus, so ein Nasenpflaster.
Sieht auch noch schick aus, so ein Nasenpflaster.
Foto: Getty Images

Auf einen kleinen Radprofi aus Ecuador ist Verlass: Richard Carapaz. Er trägt an der laufenden Tour de France konsequent sein Nasenpflaster. Auch sein französischer Kletterkollege Pierre Rolland umschmiegt seine Nase stets mit diesen 5 Gramm, welche die Nasenflügel anheben und dem Körper mehr Luft verleihen (sollen).

Carapaz und Rolland aber sind Fahrer von gestern. Denn der moderne Leistungsathlet jedes Niveaus hat den scheinbaren Booster entsorgt – oder führt ihn so diskret mit wie eine andere Radgrösse: Peter Sagan. Der Slowake fährt mit einer Sonnenbrille, an deren Nasenbrücke zwei Magnete angebracht sind. Sie ziehen zwei Metallplättchen an, die auf die Nasenflügel geklebt werden. Es ist das Nasenpflaster 2.0 und mit 300 Franken (Listenpreis) sehr viel teurer als der Klassiker. Den bekommt man schon für einen Fünfliber in der 100er-Packung, wenn man ein bisschen googelt.

Primär für Schnarcher gedacht

Dass das Pflaster immer mehr von den Nasen der Sportler verschwindet, hat viel mit den Sportlern selber zu tun. Die stete Suche nach der neusten, noch besseren Hilfe, ein restliches Einviertelprozent aus sich herauszukitzeln, liess die Flügelchen in die Jahre kommen. Schliesslich hatten sie sie in den 1990er-Jahren debütiert, als sie von den USA nach Europa geschwappt waren – und primär starken Schnarchern und ihren mitgeplagten Partnern helfen sollten.

Mittlerweile aber haben Stützstrümpfe (Kompression für alle Situationen!) oder Randensaft (mehr Leistung in Ausdauersportarten!) die Nasenpflaster abgehängt. Dabei waren sich auch in der Schweiz prominente Stimmen sicher, sehr viel mehr als ein Trostpflaster entdeckt zu haben. 1996 widmete gar die «Schweizer Familie», nun wahrlich nicht die erste Leseadresse für Sportler, dem vermeintlichen Schnellermacher ein Themen-Interview mit Beat Villiger, dem Doyen der hiesigen Sportmedizin. Und Villiger wusste nach Tests im eigenen Labor: Das Pflaster verbessert die Atmung via Nase um durchschnittlich 20 Prozent. 20 Prozent!

Darum war sich ein Fachkollege und Nasenpflaster-Spezialist in der «Basler Zeitung» sicher: «Es wird einen Boom geben.» Schon Villiger aber wies damals auf eine entscheidende Nuance hin: Bei maximalem Ausdauereinsatz pflege ein Athlet durch den Mund zu atmen. Der fatale Satz von Villiger lautete: «Nur bei Höchstleistung bringt das Pflaster nichts.»

624 Studien – 605 davon unbrauchbar

Statt Boom begannen sich die Sportoptimierer also zu fragen, ob sie mit einem solchen Pflaster bloss gewöhnungsbedürftig aussahen – und folglich primär zur Erheiterung der Konkurrenten dienten. Der finale Hammer folgte nun in diesem Jahr. Eine Übersichtsstudie zum Thema, die 624 Arbeiten überprüfte, kam zu deprimierenden Erkenntnissen.

Gerade einmal 19 Studien genügten den wissenschaftlichen Standards. Ihr Fazit: Das Nasenpflaster bringt exakt null Vorteile. Null im Bezug auf die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit, null bezüglich Puls und null betreffend Belastungsempfinden. Nur: Diese Zahlen drücken bloss die kalte Sicht der Technokraten aus! Allein der Placebo-Effekt rechtfertigt eine Rettung des Utensils locker!

Hinzu kommt: Das Nasenpflaster wehrt sich. Es hat im Pferderennsport noch immer Fans (wohl eher bei den Betreuern als bei den Vierbeinern). Der Grund: Pferde nehmen die Luft ausschliesslich über die Nüstern auf, also die Nase. Und solange die Besserwisser der Wissenschaft den Booster zumindest in Übersichtsstudien noch nicht zerpflückt haben, besteht Hoffnung für die kleinen Helfer.

Das tierische Nasenpflaster ist eher: Ein Riesenpflaster.
Das tierische Nasenpflaster ist eher: Ein Riesenpflaster.
Getty Images

1 Kommentar
    Jean Roth

    Bei Sportlern abgehängt oder nicht, bei jedem Schnarcher sehr empfehlenswert!