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Fussballfreies FrankreichNach dem Saisonabbruch regiert das Chaos

In ganz Europa laufen die Ligen wieder an. Nur in Frankreich wird verhandelt, wer Schuld daran ist, dass die Ligue 1 nicht wieder angepfiffen wird. Und man fragt sich: Sind wir überhaupt noch eine Fussball-Nation?

Bis hier und nicht weiter: Die Politik verhinderte in Frankreich möglicherweise vorschnell eine Rückkehr der Ligue 1. Im Bild der Parc des Princes, das Stadion von Paris St-Germain.
Bis hier und nicht weiter: Die Politik verhinderte in Frankreich möglicherweise vorschnell eine Rückkehr der Ligue 1. Im Bild der Parc des Princes, das Stadion von Paris St-Germain.
Foto: Keystone

Der Entscheid sollte Klarheit bringen. Damals, Ende April, als die meisten europäischen Sportverbände noch wie angetrunken durch die Corona-Krise stolperten, standen die Franzosen hin und sagten: Mit Fussball ist es bei uns vorbei. Die Saison wurde in der Ligue 1 nicht unter- sondern abgebrochen. Und zwar von höchster Stelle: Premierminister Edouard Philippe verfügte, dass Sportevents bis August nicht mehr erlaubt sind.

Damit begannen die Probleme. Denn während die anderen Top-Ligen in Europa den Spielbetrieb schon wieder aufgenommen haben oder kurz davor stehen, herrscht in Frankreich statt der erhofften Ruhe zunehmend Chaos. Gerichte befinden über Auf- und Absteiger, Clubs klagen, um sich bessere Rangierungen zu verschaffen. Und ganz Fussballfrankreich kratzt sich am Kopf und fragt sich: Wer hat das eigentlich entschieden?

Die Spielergewerkschaft war gegen den Re-Start

Pläne, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, gab es schon, auch mitten im Stillstand der Pandemie. Mitte April sollen die Clubs der Regierung ein detailliertes Dossier zugestellt haben. Darin war von einem Trainingsbeginn im Mai, den ersten Spielen Mitte Juni und dem Saisonende Anfang August die Schreibeso, wie es der europäische Verband Uefa seinen Mitgliedern empfahl.

Gleichzeitig sprach sich die Spielvereinigung UNFP gegen den Spielbetrieb aus. «Wir sind nicht wichtiger als der Rest der Bevölkerung», hiess es. Bezüglich des Coronavirus war es eine Zeit der Ungewissheit, die, wenn man ehrlich ist, heute nicht unbedingt vorbei ist. Montpelliers Junior Sambia lag infiziert auf der Intensivstation, musste vorübergehend ins künstliche Koma versetzt werden.

Heute geht es dem 23-jährigen Franzosen wieder gut. Ob sich die Gewerkschaft inzwischen für einen Wiederbeginn aussprechen würde, weiss man nicht. Das weiss aber auch in England oder Deutschland niemand. Es sind die Clubs, die wollen, dass die Show weitergeht. Viel steht für sie auf dem Spiel.

In Frankreich waren es 273 Millionen Euro alleine an Fernsehgeldern. Canal Plus und das katarische BeIn Sportsbeide nicht ganz unverbandelt mit dem Krösus Paris St-Germainsind die Vertragspartner, beide signalisierten aber, dass sie an einer Übertragung der Geisterspiele nicht sonderlich interessiert wären und nicht zahlen wollten. Die Clubs drückten aufs Tempo, die Spieler wollten nicht spielen, die TV-Anstalten nicht zahlen. Und die Regierung?

Der war mitten in der Pandemie-Welle nicht ganz wohl dabei, dass man vielleicht bald Hunderte Corona-Tests für Fussballer anschaffen müsste, wenn gleichzeitig an der medizinischen Front nicht genügend verfügbar wären. In Frankreich durfte man zu der Zeit nicht einmal ohne schriftliche Bewilligung auf die Strasse. Loris Benito, früher bei YB und dem FCZ, aktuell bei Girondins Bordeaux, sagt: «Joggen lag nicht drin. Ich war acht Wochen lang zu Hause und ging nur zum Einkaufen raus.»

Die Politik hatte ihre Bedenken, den Clubs grünes Licht zu geben. Staatspräsident Emmanuel Macron persönlich beriet in einer Konferenz darüber, die französische Zeitung «Le Parisien» berichtet, er habe in dieser Zeit selbst Angela Merkel um Rat in der Fussballfrage angefragt.

Was Merkel riet, ist nicht überliefert. Klar ist nur: Wenige Tage später wurde die Liga offiziell für beendet erklärt. Die Clubs fühlen sich überrumpelt. «Es gab keine Rücksprache mit uns», sagt St-Etiennes Präsident Bernard Caiazzo sogar in der «New York Times». Loris Benito erinnert sich an eine «hektische Zeit, in der jeden Tag etwas anderes zu vernehmen war». Und Jean-Pierre Nsame, kamerunischer Stürmer bei YB und aufgewachsen in Paris, wundert sich heute, warum die Politik dem Sport nicht die Chance gab, einen Re-Start selber zu gestalten. «Es wirkte bizarr, es wurde sehr plötzlich entschieden. Aber jedes Land ist anders. Jedes geht mit der Krise anders um.»

«Es wirkte bizarr, es wurde sehr plötzlich entschieden.»

YB-Stürmer Jean-Pierre Nsame

In Frankreich schiebt man sich gegenseitig die Schuld zu. Zwar hat die Politik den offiziellen Entscheid gefällt, doch ist die Liga auch nur dem französischen Fussballverband unterstellt, und der wiederum wird vom Sportministerium kontrolliert. Die «New York Times» schrieb von einer fehlenden «Firewall» zwischen Fussball und Politik, nicht nur ein Problem in einem wie Frankreich sehr zentralistisch organisierten Staat.

Die neue Saison könnte mit 22 Teams starten

Vergangene Woche befand der Conseil d’Etat, das oberste Verwaltungsgericht in Frankreich, den Abbruch der Liga zwar für rechtens. Er hiess aber gleichzeitig auch die Beschwerden der Ligue-1-Absteiger Amiens und Toulouse gut. Was bedeutet: Die Liga muss für nächste Saison ein Modell mit 22 Teams finden. Die TV-Einnahmen müssen neu verteilt werden, und das, nachdem jüngst ein lukrativer Vertrag mit dem neuen Partner MediaPro über 1,3 Milliarden Euro ausgehandelt worden war.

«Im Nachhinein ist man immer schlauer», sagt Nationalspieler Benito, der am Montag wieder ins Mannschaftstraining mit Bordeaux einsteigt. «In Spanien und Italien war die Situation bestimmt ähnlich, und da wird auch wieder gespielt. Es ist aber schwierig, jetzt jemandem die Schuld zuzuweisen.»

«Im Nachhinein ist man immer schlauer.»

Loris Benito

Und so beschäftigen das Land und seine Gerichte noch die eine oder andere Klage aus dem Fussball. Jean-Michel Aulas, streitlustiger Präsident von Olympique Lyon, klagt gegen die vorzeitige Wertung, in der er mit Lyon auf Rang 7 die Champions League verpasste. Der Conseil d’Etat hat abgelehnt. Aulas will weiter protestieren. Affaire à suivre.