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Vermögensverwaltung für den MassenmarktMitten in der Corona-Krise bringt Postfinance die Kunden an die Börse

Die Bank will aus Sparern Anleger machen. Die Experten erachten die Chancen als gut – auch wenn die Konkurrenz günstiger ist.

Während der Corona-Krise sind an der Börse Nerven gefragt: Ein Passant vor einer Bank in Südkorea.
Während der Corona-Krise sind an der Börse Nerven gefragt: Ein Passant vor einer Bank in Südkorea.
Foto: Keystone

Der Zeitpunkt ist mutig: Die Börse ist in diesem Frühjahr schon um 20 Prozent abgestürzt, um sich danach fast wieder zu erholen – und jede wichtige Meldung zum Coronavirus sorgt für neue Ausschläge an den Märkten. Genau jetzt steigt Postfinance ins Anlagegeschäft ein. Die Bank glaubt, dass das ein guter Zeitpunkt ist. «Viele Anleger sehen die jüngste Korrektur als Zeitpunkt für einen gestaffelten Einstieg», sagt Daniel Mewes, er ist bei Postfinance Mitglied der Geschäftsleitung und für die Anlageprodukte verantwortlich.

Zudem sind in den letzten Wochen einige Mitbewerber an den Start gegangen: «Wir müssen jetzt loslegen», so Mewes. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) hat vor kurzem Frankly lanciert, eine digitale Säule-3a-App. Raiffeisen steht dem Vernehmen nach mit neuen digitalen Anlageprodukten in den Startlöchern.

Die Ansprüche von Postfinance sind hoch. «Wir wollen die Vermögensverwaltung für den Massenmarkt machen», so Mewes. Es gehe um langfristige Anlagen, wer kurzfristig spekulieren wolle, sei bei den neuen Produkten am falschen Ort. Die Bank will mit den neuen Produkten neue Geldquellen erschliessen. Denn bei der Bank wird viel Spargeld parkiert – in Zeiten von Negativzinsen ist das für die Bank ein Problem.

5000 Kunden bis Ende Jahr

Nun sollen bestehende Kunden vom neuen Angebot überzeugt werden: «Bei uns haben viele Kunden ein Sparkonto, aber die Anlagen bei einer anderen Bank. Diese Kunden sind für uns interessant», so Mewes. Er erachtet eine Zahl von 5000 Kunden bis Ende Jahr für die neuen Anlageprodukte als realistisch.

«Wenn man von einem durchschnittlichen Anlagebetrag von 30’000 Franken ausgeht, wäre das bei 5000 Kunden in etwa eine Anlagesumme von 150 Millionen Franken», so Andreas Dietrich, Professor am Institut für Finanzdienstleistungen in Luzern. Das wäre mehr, als andere Banken in einem deutlich längeren Zeitraum geschafft haben.

Viele Robo-Advisors sind aber noch nicht rentabel, weil sie zu wenig Kundengelder verwalten. Benjamin Manz, Geschäftsführer des Vergleichsdienstes Moneyland.ch, geht davon aus, dass sich die Robo-Advisors in der Schweiz noch durchsetzen werden. «Die aktuelle Krise und die Ausschläge an der Börse haben dazu geführt, dass sich viel mehr Schweizer mit dem Thema Anlegen auseinandergesetzt haben», so Manz. Und immer mehr Anleger werden sich bewusst, dass Kosten eine entscheidende Rolle für den Anlageerfolg spielen.

Die aktuelle Krise und die Ausschläge an der Börse haben dazu geführt, dass sich viel mehr Schweizer mit dem Thema Anlegen auseinandergesetzt haben.

Benjamin Manz, Moneyland.ch

Die Gebühren sind bei der elektronischen Vermögensverwaltung mit 0,75 Prozent des Anlagebetrags im Vergleich zu anderen Produkten nicht besonders tief. «Eine gute Leistung hat einen fairen Preis», so Mewes. Viele Kunden hätten eine Hemmschwelle, wenn es darum geht, ihr Geld zu verwalten. «Wir wollten wissen, warum sich die Kunden nicht getrauen und den Anlageprozess dann möglichst einfach machen», so Mewes. Ab einem Anlagebetrag von 5000 Franken können Kunden ihr Geld so verwalten lassen, sie wählen eine von drei Strategien. Postfinance überwacht und nimmt Anpassungen vor. Die «Anlageberatung plus» kostet 0,9 Prozent des Vermögens und ist mit einer persönlichen Beratung verbunden. Es gibt eine monatliche Mindestgebühr von 60 Franken für Anlagebeträge unter 80’000 Franken.

«Postfinance ist mit dem neuen Angebot etwas günstiger als klassische Fonds, allerdings teurer als die führenden Robo-Advisors», so Manz von Moneyland.ch. Postfinance gehe wohl davon aus, dass sie ohnehin genügend Kunden für die neuen Produkte gewinnen werde, weil die Bank schon eine grosse Kundenbasis hat. Ähnlich sieht das Dietrich vom Institut für Finanzdienstleistungen in Luzern: «Die Kosten liegen damit zwischen den günstigen Angeboten, wie etwa dem Robo-Advisor True Wealth, und denjenigen von teureren Banken.» Bei einer so bekannten Marke wie Postfinance sei der Kunde vielleicht bereit, etwas mehr zu zahlen.

Hohe Verluste möglich

Die ersten 100 Testkunden von Postfinance investieren ihr Geld bislang vor allem in Schweizer Wertpapiere und nachhaltige Anlagen. Da sieht Mewes eine Chance: «Bei den nachhaltigen Anlageprodukten können wir uns von der Konkurrenz unterscheiden.» Der Anlagehorizont der Kunden sollte mehr als zehn Jahre betragen. «Die Covid-19-Krise hat gezeigt, dass heftige Ausschläge an der Börse möglich sind. Die Kunden müssen sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, ob sie einen Buchverlust von 25 Prozent tragen können», so Mewes.

Noch kein automatisiertes Produkt bietet Postfinance beim Säule-3a-Sparen, also dort, wo jüngst etwa die ZKB eingestiegen ist. «Das ist ein interessantes Thema», so Mewes. Die Bank spüre einen grossen Zuwachs bei den 3a-Produkten mit Aktienquoten. «Es wäre interessant, da einen Schritt weiter zu gehen», so Mewes.