Mit dem Mittelmass haben sie alle ein Problem

Kofi Nimeley und Robin Vecchi wurden zusammen mit Granit Xhaka U-17-Weltmeister. Profis wurden sie nicht – der Ehrgeiz ist aber geblieben.

Nach dem WM-Titel 2009 gab es kein Halten mehr: Die Schweizer U-17-Fussballer. Unter ihnen Granit Xhaka (1.v.r.), Robin Vecchi (2.v.r.) und Kofi Nimeley (3.v.l.). (Bild:

Nach dem WM-Titel 2009 gab es kein Halten mehr: Die Schweizer U-17-Fussballer. Unter ihnen Granit Xhaka (1.v.r.), Robin Vecchi (2.v.r.) und Kofi Nimeley (3.v.l.). (Bild:

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Am Ende klemmt er sich mit spitzbübischem Lächeln eines der grossformatigen Fotos unter den Arm und verschwindet damit im Lift. Für einmal ist er nicht der Star, der mit strengem Blick und durchgedrücktem Kreuz eine Aura der Unantastbarkeit um sich herum aufbaut. An diesem Abend sieht Granit Xhaka kurz aus wie ein gewöhnlicher 27-Jähriger, der mit Kumpels abhängt.

Der Schweizerische Fussballverband hat eine kleine Feier organisiert, um den zehnten Jahrestag des Weltmeistertitels seiner U-17 zu feiern. Auf den Bildern im Letzigrund sind ausgelassene Teenager abgebildet, denen die Welt offen steht. Auch Kofi Nimeley und Robin Veccchi sind zu sehen. Auf den Fotos spielen sie im selben Nationalteam wie Xhaka, sie sind wie er Nachwuchsspieler des FC Basel. Aber nur Xhaka schafft danach den Sprung zu den Profis.

Kofi Nimeley im Trikot von Locarno beim Cup-Duell mit FC Thun 2013. (Bild: Michela Locatelli/freshfocus)

Vecchi wechselt aus der Basler U-21 kurz in den Amateurfussball. Nimeley, der als Schweizer Captain in das WM-Abenteuer in Nigeria gestartet ist, versucht seine Karriere am Leben zu erhalten, indem er bei ­Locarno in der Challenge League anheuert und absteigt. Beide verschwinden sie still und leise aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit, hören mit dem Fussball auf.

Sie sind Teamleiter oder CEO

Die Wege der drei Weltmeister trennen sich. Und doch bleiben die Gemeinsamkeiten. Der Wille, etwas zu erreichen. Die Härte gegenüber sich selber auch. «Wir sind es gewöhnt, dass wir immer die Besten sein wollen», sagt ­Robin Vecchi. Und Kofi Nimeley stellt fest: «Die Leidenschaft, die ich im Sport hatte, habe ich auch im Job: diszipliniert sein, sich einfach mal durchsetzen.»

«Xhaka hatte immer dieses eine Prozent, diesen Biss mehr als ich.»Kofi Nimeley

Es ist verblüffend, wie ähnlich sich Vecchi und Nimeley beschreiben. Beide arbeiten täglich 10 bis 16 Stunden. Und wo andere 27-Jährige noch den Sinn ihres Lebens suchen, machen sie Karriere. Nimeley hat als Teamleiter einer Maklerfirma 35 Mitarbeiter unter sich. Vecchi ist CEO seiner eigenen Fitnessfirma mit 50 Angestellten. Schwierig zu sagen, ob sie der Fussball zu dem gemacht hat, was sie sind. Oder es ob ihre Veranlagung war, die sie U-17-Weltmeister hat werden lassen.

Warum es danach nicht für den nächsten Schritt reicht, für jenen, den Xhaka scheinbar mit Leicht­igkeit nimmt? Auch da sind sich Nimeley und Vecchi einig. Gefehlt hat wenig – aber es ist halt genau dieses kleine bisschen, das einen Xhaka vom Talent zum Stammspieler in der Premier League ­reifen lässt. «Er hatte immer dieses eine Prozent, diesen Biss mehr als ich», anerkennt ­Nimeley neidlos. «Granit war mental schon immer stärker.»

«Es tut weh, was er erlebt»

Wobei Xhaka bei seinem Club ­Arsenal derzeit gerade das erlebt, was Vecchi als «die andere Seite der Medaille» bezeichnet. Er ­leidet ebenso wie Nimeley mit dem einstigen Teamkollegen, wenn Xhaka in London von den eigenen Fans ausgepfiffen wird. Wobei sich Nimeley auf den ­sozialen Medien sogar noch in den Infight gestürzt hat, um ­Xhaka zu verteidigen: «Es tut mir weh, wenn ich sehe, was er gerade erleben muss.»

«Ich kenne ein paar der Jungs besser als einige Familienmitglieder.»Kofi Nimeley

Sowieso ist Nimeley noch näher dran an seinem alten Leben als Fussball-Talent. Während Vecchi kaum mehr Kontakt hat zu seinen alten Mitspielern, ist Nimeley noch immer mit vielen verbunden: «Wir haben so lange zusammen gespielt – ich kenne ein paar der Jungs besser als einige Familienmitglieder.»

Und während Vecchi mit dem trendigen Crossfit einen neuen Sport für sich entdeckt hat, will Nimeley zurück in den Fussball. Eine Fussballschule in Zürich läuft bereits. Dazu will er ab 2020 mit einer Beratungsplattform jungen Fussballern helfen, den Durchbruch zu schaffen, der ihm verwehrt geblieben ist.

Das Wiedersehen der Weltmeister ist kurz. Nach einer knappen Stunde steht das gemeinsame Nachtessen auf dem Programm. Aber nicht für Granit Xhaka. Er ist jetzt schon zu spät dran für das Programm des ­A-Nationalteams, als er mit dem Teamfoto aus dem Jahr 2009 in den Lift des Letzigrunds steigt.

Er mag Star und Millionär sein. Aber seine Zeit selbst einteilen, das darf er nicht. Nimeley und Vechi gehen essen.

Erstellt: 14.11.2019, 14:11 Uhr

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