Kino

Mit dem Kopf durch die Wand

Ab Donnerstag läuft der Zürcher Spielfilm «Tranquillo» im Cameo. Der Winterthurer Tobias Bienz spielt darin einen Partyveranstalter, den ein Tinnitus aus der Bahn wirft. Wie er sich auf die Rolle vorbereitet hat und wie es ist, von der Kunst zu leben.

Mit Ideen, ohne Filmfördergelder: Tobias Bienz im Film «Tranquillo».

Mit Ideen, ohne Filmfördergelder: Tobias Bienz im Film «Tranquillo». Bild: PD

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Wohnen in Zürich, hippe Partys organisieren und in die Nacht hin­ein feiern, so lernen wir das Leben des Mittzwanzigers Peter im Spielfilm «Tranquillo» kennen. Doch dann kommt der Tinnitus. Party machen geht nicht mehr, schlafen auch nicht. Die Beziehung zerbricht, Peter entfremdet sich von seinen Freunden. Mit existentiellen Fragen konfrontiert, will er ausbrechen und trotzdem dazugehören.

Zu den Stärken des Films gehören die Dialoge. Man streitet und sinniert über das Leben, ohne wirklich miteinander zu sprechen. Eine Hommage an das Nachtleben junger Zürcher im Quartier Aussersihl, gedreht in eineinhalb Monaten von drei Studenten mit vielen Spenden, viel Freiwilligenarbeit und 15-Stunden-Tagen.

Der Trailer zum Film. PD via Youtube

Tobias Bienz, Sie spielen die Hauptrolle im Zürcher Film «Tranquillo». Wie kam es dazu?
Tobias Bienz: Ein Freund hat mich dem Regisseur, Jonathan Jäggi, vorgeschlagen. Nach dem ersten Treffen und ein paar Bieren war für beide Seiten klar, das machen wir.

Was hat Sie an diesem Projekt gereizt?
Es hat mich an meine eigenen ersten Projekte erinnert. Ein topmotiviertes Team, ein riesiges Projekt, kaum finanzielle Unterstützung. Nicht mal die Filmförderung wollte die drei Hauptinitianten, alle Studenten, unterstützen, weil sie zuvor noch keinen einzigen Film gedreht hatten. Heisst, kurz gefasst: Sie wollten mit dem Kopf durch die Wand. Das fand ich gut.

Wie haben Sie sich auf die Rolle von Peter vorbereitet?
Die Geschichte von «Tranquillo» hat ja einen realen Hintergrund, ein Freund der Filmemacher musste lernen, mit einem Tinnitus zu leben. Ich habe mich mit ihm getroffen, wir haben viel geredet. Was mir schnell zugänglich war, da ich es aus eigener Erfahrung kenne, war dieses Verlorensein, das Nichtwissen, wohin es gehen soll im Leben. Der Musikgeschmack und die Kleider waren hingegen eine Herausforderung. (lacht) Es ging danach noch fast zwei Monate bis zum Dreh. In dieser Zeit habe ich begonnen, mich wie Peter anzuziehen, seine Musik zu hören und mir sein Verhalten anzugewöhnen. Das Schöne daran ist, man lernt völlig neue Welten kennen.

Und wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Veränderung reagiert?
Die sind sich das langsam gewöhnt bei mir. Aber natürlich sagten einige Leute, hey, was läuft mit dir? Zu sagen, es sei für einen Dreh, war aber keine Option, sonst hätte ich mich ja sofort von der Figur distanziert. Was besonders spannend war: Kleider machen wirklich Leute, man wird als völlig anderer Mensch wahrgenommen. Ob ich bei einer Party hereingelassen wurde, war plötzlich überhaupt keine Frage war. Durch meine Kleidung und mein Gebaren wurde ich von dieser Zürcher Party-Szene, der ja auch Peter im Film angehört, völlig akzeptiert.

Nach dem Dreh vergingen zwei Jahre, bis der Film fertig war. Wie war es, ihn zu schauen?
Am Anfang sehr speziell. Ich sah mich selber und dachte, krass, wer bist denn du? Peter wirkt so unglaublich verloren, weil er so fest dazugehören will. Und ich bemerkte erst da, wie wenig die Figuren wirklich miteinander sprechen. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, voreinander zu performen, cool zu wirken. Das kenne ich schon auch aus meinen eigenen Erfahrungen.

Inwiefern?
Ich selber versuche, offen mit meinen Gefühlen und Problemen umzugehen. Aber es gibt schon auch Themen – Depression, Geldprobleme, Ängste – über die ich selten spreche, weil ich mich schäme. Man ist ungeübt, will keinen Kratzer im Image.

«Nichts gegen das Schauspielhaus, aber für mich stimmt dieser grosse Apparat nicht.»Tobias Bienz

Im Film gibt es auch eine Sexszene. Waren Sie aufgeregt?
Ja, sicher, wir waren alle drei sehr nervös. Für mich war es die erste Sexszene vor der Kamera. Wichtig war, dass wir uns sehr behutsam an die Szene annäherten. Es musste allen wohl dabei bleiben. Und wir mussten verstehen, warum was gefilmt wurde.

Sie bewegen sich vor allem in der freien Szene, wie kann man da von der Kunst leben?
Ich habe mein Studium nach einem Stück im Schauspielhaus abgebrochen. Ich habe mich dafür entschieden, wenn ich mein Leben der Kunst widme, was sehr anstrengend ist, dann will ich auch dahinterstehen können. Nichts gegen das Schauspielhaus, aber für mich stimmt dieser grosse Apparat nicht. Daher initiiere ich viele eigene Projekte. Ich war gerade in Burkina Faso für ein Theaterstück, entwerfe zurzeit im Auftrag der Stadt Zürich ein Tanzprojekt und trete mit meiner Balkan-Band The Nozez auf, bald etwa am Eidberger Openair. Das ist ein hartes Leben, das muss man wollen, klar. Für mich stimmt es.

Ihre Mutter, Ursula Bienz, führt in Winterthur das Figurentheater. Wäre es für Sie eine Option, ihr Nachfolger zu werden?
Seit vielen Jahren entwerfe ich gemeinsam mit meiner Mutter eigene Produktionen, vor allem Kindertheaterstücke. Das reicht zur Zeit, daher im Moment sicher nicht, ich habe noch ganz viel anderes vor. Aber in einem Disneyfilm sang ein Kater mal: Sag niemals nie. (Landbote)

Erstellt: 13.06.2018, 08:59 Uhr

«Tranquillo»

Donnerstag, 14. 6., 20.15 Uhr, Kino Cameo, Lagerplatz. Anschliessend Gespräch mit Tobias Bienz und Produzent Noah Bohnert. Zudem 26. 6. und 12. 7.

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