Leitartikel

Waffen gehören in den Mülleimer

Conradin Knabenhans zum militanten Schultheater in der Ostschweiz.

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Heimatland möchte man rufen, wenn man Schulkinder sieht, welche die Schlacht von Gallipoli mit Holzwaffen nachspielen. Heimatland aber nicht, weil man intensive Gefühle für eine Nation hegt, wie das die Organisatoren des türkischen Schülertheaters haben. Heimatland viel mehr als Ausruf der Empörung.

Wie kann es sein, dass in der heutigen Zeit in einer Ostschweizer Turnhalle ein Theaterstück aufgeführt wird, das Gewalt in einer solch rohen Form nachzeichnet. Alles halb so schlimm, meinen die Organisatoren des türkischen Elternvereins. Das Stück sei Ausdruck eines gemeinsamen Gedenkens an die Schlacht von Gallipoli, denn am Schluss pflege ein türkischer Soldat einen fremden Soldaten. Eine humanitäre Aussage in den Vordergrund zu rücken ist in diesem Fall aber geradezu hämisch. In der Schlacht von Gallipoli wurden 1915 rund 100'000 Menschen getötet - der Krieg war menschgemacht.

Unabhängig davon, ob ein Theaterstück zehn Minuten oder einen ganzen Abend dauert, hat ein Kriegsspiel bei Primarschülern nichts zu suchen. Es gibt definitiv bessere und einfachere Wege, sich mit der eigenen Kultur und Geschichte auseinanderzusetzen: Sprache, Tanz oder Musik, Essen und Trinken. Das soll es auch sein, was die Kinder aus dem Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur mitnehmen sollen. Dinge, die sie ihren Freunden aus anderen Weltgegenden ebenso weitervermitteln können. Das multikulturelle Miteinander soll im Vordergrund stehen, nicht das Nachspielen von tiefen Gräben unserer Gesellschaft.

Der türkischen Gemeinschaft in der Schweiz den alleinigen Vorwurf zu machen, dieses Stück auf die Bühne zu bringen, wäre aber falsch. Die Schweizer Behörden haben es verpasst, die Inhalte aus dem Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur – notabene ein Freifach – genauer anzuschauen.

Jede Woche stehen im Kanton St. Gallen Lehrerpersonen aus den unterschiedlichsten Ländern vor Schulklassen. Weder die lokalen Schulgemeinden, noch der Kanton weiss, was in diesen Integrationslektionen gelehrt wird. Die Schulen müssen im Auftrag des Kantons die Klassenzimmer zur Verfügung zwar stellen, schauen aber nie hinter die Kulissen. Das ist fahrlässig. Wer in Schweizer Schulzimmern einen Kurs gibt, muss auch von der Schule selbst überprüft werden können. Das gilt unabhängig von der Herkunft der Unterrichtenden. Ob sie nun aus der Schweiz, der Türkei oder Kroatien kommen, darf bei der Kontrolle keine Rolle spielen.

Dass eine Überprüfung der Dozierenden und der Kursinhalte notwendig ist, zeigt die Tatsache, dass der Präsident des Elternvereins selbst rechtsextreme türkische Inhalte auf Facebook teilt. Zwar steht er nicht als Lehrer im Schulzimmer, hat aber als Organisator der Theaterveranstaltung eine enge Bindung zum Unterrichtsinhalt. Wer eine solche Gesinnung mit übersteigertem Nationalstolz pflegt, kann nicht objektiv darüber entscheiden, welche Theaterstücke für Primarschüler geeignet sind. Dafür braucht es eine breit abgestützte Diskussion.

In der Schule darf es keinen Platz für extreme Haltungen geben – seien sie politischer, religiöser oder moralischer Natur. Das Schulzimmer ist der Ort des kleinsten gemeinsamen Nenners über die Werte einer Gesellschaft. Nebst Fachwissen hat die Schule deshalb einen ganz wichtigen Auftrag: Die Kinder müssen zu selbstbestimmten Menschen heranwachsen, die sich kritisch mit Themen auseinandersetzen können. Dann werden sie später auch nicht Opfer von irgendwelcher Propaganda. «Gewalt ist keine Lösung», mag eine altbekannte Floskel sein. Aber wenn ein Schultheater Werte vermitteln soll, dann diese. Dann können nämlich auch die Waffen bühnenwirksam dorthin spediert werden, wo sie hingehören: In den Mülleimer.

Erstellt: 11.05.2018, 14:48 Uhr

Conradin Knabenhans, Redaktionsleiter Zürichsee-Zeitung.

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