Leitartikel

Traut euch, ihr Frauen, und redet mit

ZSZ-Redaktorin Philippa Schmidt zur bemerkenswert tiefen Frauenquote unter den Kandidierenden im Bezirk Meilen.

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Der Idealzustand wäre, wenn es diesen Artikel gar nicht bräuchte. Doch dass es satte 47 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts in den hiesigen Gemeinderäten immer noch nur gut ein Viertel Frauen gibt, lässt einen doch erstaunt die Augen reiben. Besser wird es in der nächsten Legislaturperiode nicht, im Gegenteil: Es treten nur schon drei Kandidatinnen weniger an, als derzeit im Gemeinderat sitzen. Dass zudem keine Frau für ein Gemeindepräsidium kandidiert und in zwei Bezirks­gemeinden keine einzige Kandidatin für den Gemeinderat antritt, ist besorgnis­erregend.

Nun mag man einwenden, dass Frauen kandidieren können, die Gleichberechtigung also erreicht ist und jeder selber wissen muss, ob er beziehungsweise sie in die Kommunalpolitik geht. Fakt ist aber auch, dass die weibliche Sicht in den Gemeinderäten des Bezirks erneut stark unterrepräsentiert oder sogar nicht mehr vorhanden sein wird. Und genau dies ist bedenklich. Eine Exekutive sollte ein Spiegel der Gesellschaft sein: Alte und Junge, Gelernte und Akademiker, Selbstständige und Angestellte, Eltern und Kinderlose und eben auch Frauen und Männer gehören in einen Gemeinderat. In meiner Wohngemeinde Küsnacht treten glücklicherweise drei Frauen an. Mit einem Gemeinderat ganz ohne weibliche Mitglieder würde ich mich schlicht nicht vertreten fühlen. Und dadurch, dass der Frauenanteil in der Schulpflege inklusive Schulpräsidien deutlich höher liegt, wird der Mangel an Gemeinderatskandidatinnen nicht aufgewogen: Denn die Schaltstellen der Macht in den Kommunen sind nun mal die Gemeinderäte. Hier werden die wirklich wichtigen Entscheide gefällt. Die Kritik am niedrigen Frauenanteil bedeutet in der Schlussfolgerung aber nicht, dass Frauen die besseren Politiker sind als Männer.

Ein Kränzchen ist zudem auch allen Männern zu winden, welche für die Milizämter in den hiesigen Gemeinden antreten. Dass sie bereit sind, einen grossen Teil ihrer Zeit für die Kommunalpolitik und damit die Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, ist löblich. Doch man stelle sich einmal vor, dass die Zahl der Kandidatinnen so stark wüchse, dass die Frauen 50 Prozent des Kandidatenfelds ausmachen würden. Nicht nur das Geschlechterverhältnis wäre gerechter, auch hätten die Stimmberechtigten eine echte Wahl. Heute haben wir in den meisten Kommunen einen oder zwei Kandidierende mehr als Gemeinderatssitze auf dem Wahlzettel. In manchen Gemeinden gibt es gar gleiche viele Kandidierende wie Sitze. Da hat man als Stimmbürger nicht wirklich eine Wahl: Mehr Kandidatinnen wären ein absoluter Gewinn für die Demokratie. Die Gründe, warum weniger Frauen als Männer antreten, sind vielfältig. Einer davon liegt wohl bei den potenziellen Kandidatinnen selbst, wie etwa die Erfahrungen eines bürgerlichen Parteipräsidenten im Bezirk zeigen. Nicht jede Frau, welche die Parteien gerne als Kandidatin vorschlagen würden, lässt sich nämlich auf dieses Abenteuer ein.

Auf der anderen Seite gibt es auch gesellschaftliche Gründe, weswegen Frauen in der Politik seltener präsent sind. Etwa dass Frauen immer noch weniger dazu ermuntert werden als Männer. Bereits in der Kindheit sollten Mädchen nicht zu Bescheidenheit ermahnt werden, während bei den Buben Draufgängertum als typisch und förderungswürdig angesehen wird. Auch die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Politik wird als Frauenthema wahrgenommen – wobei sich die Frage stellt, warum es sich dabei eigentlich um ein Frauen- und kein Elternthema handelt.

«Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau», weiss der Volksmund. Da frage ich mich: Wo sind die starken Männer, die hinter den erfolgreichen Frauen stehen? Abschliessend bleibt die Hoffnung, dass in vier Jahren mehr Kandidatinnen antreten. Da lässt sich nur sagen: Frauen, traut euch, redet und gestaltet mit! (zsz.ch)

Erstellt: 26.03.2018, 10:22 Uhr

Philippa Schmidt, Redaktorin

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