Leitartikel

Gefährlicher Eiertanz auf dem Schlosshügel

Conradin Knabenhans zur Tatsache, dass die Stadt Rapperswil-Jona der zweitägigen Polen-Konferenz fernblieb.

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Die Polen wissen genau, wie sie das Schloss für ihre Zwecke inszenieren müssen. Die Blumen vor der Freiheitssäule sind frisch platziert worden, die polnische Flagge weht an der Säule. Mit Pomp und polnischer Marschmusik werden die Gäste der wissenschaftlichen Konferenz begrüsst. Hier, so der Eindruck, laden nicht die Mieter zur Tagung sondern die Hausherren. Nur dem ist nicht so: Die Ortsgemeinde Rapperswil-Jona als Besitzerin des Schlosses und die Stadt glänzen durch Abwesenheit. Der Stadtpräsident Martin Stöckling (FDP) bleibt der Konferenz fern, weil er keine falschen Hoffnungen wecken will. Ein Auftritt seinerseits könne falsch interpretiert werden, meint er. Doch die Behörden liegen falsch.

Das Fernbleiben an einer Konferenz zum 100. Jahrestag der polnischen Unabhängigkeit und zum 150. Jahrestag der Errichtung der Freiheitssäule ist schlicht und einfach ein Affront. Interpretiert werden kann das Fehlen nämlich genau so wie die Teilnahme: Nur wer anwesend ist, kann Gerüchte sofort wieder aus der Welt schaffen. Die Stadtbehörden täten gut daran, ihre Position nochmals klar zu markieren und den Polen öffentlichwirksam das Gespräch anzubieten, wie die polnische Geschichte auch in einer neuen Ausstellung angemessen erzählt werden kann. Gelegenheiten dazu hätten sich genug geboten. Anfang Jahr war der Kulturminister zu Besuch – Stadt und Ortsgemeinde hatten keine Zeit. Nun fand die Konferenz statt, und wieder ging man einer Debatte aus dem Weg. Die Polen nutzen das genüsslich aus: Sie erwähnen die Bedeutung des Polenmuseums in den Reden, sie treffen Bundesräte oder Regierungsräte und betonen auch dort die Wichtigkeit. Stets begleitet von entsprechenden Medienmitteilungen. Die Vertreter von Rapperswil-Jona geraten so regelmässig in die Defensive.

Immer wieder berufen sich Stadt und Ortsgemeinde darauf, dass die polnischen Behörden der Museumsschliessung vor drei Jahren zugestimmt hätten. Das mag sein. Aber man muss kein politischer Wendehals à la Donald Trump sein, um seine Meinung zu ändern. Niemand sollte das eigentlich besser wissen als die Behörden von Rapperswil-Jona selbst. Sie waren es, die nach einer Petition aus der regionalen Bevölkerung klein beigaben und die Zukunft des Polenmuseums auf Eis legten, um zuerst eine Schlossvision auszuarbeiten. Ohne den umtriebigen Kampf des damaligen Verlegers der «Obersee-Nachrichten», Bruno Hug, wäre das Thema Polenmuseum gar nie aufs Tapet gekommen.

So wie der Wind einst in Rapperswil-Jona gedreht hat, so tut er es eben auch in Polen. Seit die nationalkonservative PiS-Partei im Parlament über eine absolute Mehrheit verfügt, setzen sich die polnischen Politiker verstärkt für den Erhalt des Museums ein. Boten sie vor einigen Jahren noch Geld für ein Kulturprogramm, würden sie die gesamte Museumsmodernisierung nun mit mehreren Millionen gleich selbst übernehmen. Dass im Jubiläumsjahr der polnischen Unabhängigkeit und dem 150. Jahrestag der Freiheitssäule vor dem Schloss etwas mehr Pathos – und Finanzierungswille – mitschwingen ist nur logisch. Aussenpolitik in der Schweiz kann eben auch symbolhafte Innenpolitik im eigenen Land sein. Der Kampf gegen die Schliessung des Museums erinnert die Polen nämlich durchaus an die Geschichte von Graf Wladyslaw Plater. Er war es, der die Schätze des damals russisch besetzten Polens im Schloss unterbrachte – und das Schloss mit seinem Geld vor dem Zerfall rettete. Warum also soll sich ein Teil der Geschichte nicht wiederholen?

Diese emotionale Verbundenheit der Polen zum Schloss macht die Sache nicht einfacher. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass in zwei Jahren auch der 150. Geburtstag des Polenmuseums gefeiert wird. Für Stadt und Ortsgemeinde wird das zum veritablen Eiertanz auf dem Schlosshügel. Und Eier werden bekanntlich nicht härter, wenn man länger auf ihnen herumtrampelt. Will man die Schliessung des eigenständigen Polenmuseums wirklich durchziehen – und danach sieht es derzeit aus – muss ein politisch geschickter Zeitpunkt für die Kündigung gefunden werden. Denn diese wurde bisher nicht ausgesprochen. Mit der Kündigungsfrist von 18 Monaten steckt man so richtig in der Zwickmühle. Kündigt man heute, muss das Polenmuseum Ende Dezember 2019 raus. Also unmittelbar vor oder während dem Jubiläumsjahr. Eine Kündigung kann also frühestens Mitte 2019 erfolgen, um nicht zu viel Geschirr zu verschlagen und einen Eklat zu provozieren. Und eines darf man nicht vergessen: Noch hat die Stadtbevölkerung nicht Ja gesagt zum Millionenkredit für den Schlossumbau. Auf Vorrat das Museaum rauszuwerfen, wäre also ebenso gefährlich. Die Rapperswil-Joner Behörden müssen nun deshalb das Heft kommunikativ in die Hand nehmen. Wer eine Vision umsetzen will, muss Mut beweisen. Denn eine Vision ist mehr als eine Sanierung und Kommunikation mehr als Pflästerlipolitik.

Erstellt: 22.06.2018, 16:01 Uhr

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Conradin Knabenhans, Redaktionsleiter Ausgabe Obersee

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