Leitartikel

Ein fragwürdiger Entscheid

Der Entscheid der reformierten Kirchenpflege, den nächtlichen Glockenschlag einzustellen, entbehrt der Grundlage, findet ZSZ-Redaktorin Sibylle Saxer.

Um die reformierte Kirche Thalwil wird es künftig ruhiger. Bald sollen die Glocken ab 22 Uhr schweigen.

Um die reformierte Kirche Thalwil wird es künftig ruhiger. Bald sollen die Glocken ab 22 Uhr schweigen. Bild: Archiv ZSZ

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Die Kirchenpflege der reformierten Kirche Thalwil hat entschieden: Die Glocken ihrer Kirche bleiben künftig zwischen 22 und 7 Uhr still. Dieser Entscheid ist fragwürdig. Er hat etwas von vorauseilendem Gehorsam.

Denn die rechtliche Ausgangslage deutet keineswegs in diese Richtung. Im Gegenteil. Ende Dezember 2017 hat das Bundesgericht in dieser Frage einen Leitentscheid gefällt, und zwar im Fall der Beschwerde eines Wädenswiler Ehepaars, das gerichtlich gegen den nächtlichen Stundenschlag vorgegangen war. Das letztinstanzliche Urteil der Richter in Lausanne lautete: Nein, der nächtliche Viertelstundenschlag müsse nicht eingestellt werden. Die Massnahme sei angesichts ihrer beschränkten Wirkung in Bezug auf den Lärmschutz und des in Wädenswil fest verwurzelten nächtlichen Glockenschlags nicht gerechtfertigt. Vom Stundenschlag war im Urteil nicht die Rede. Das Urteil der Vorinstanzen, die dem Ehepaar aus Wädenswil noch teilweise Recht gaben, hatten ebenfalls nur die Einstellung des Viertelstundenschlags verfügt. Die Thalwiler Kirchenpflege setzt da nun noch einen oben drauf: Nicht nur der viertelstündliche Glockenschlag soll eingestellt werden, sondern auch jener zur vollen Stunde.

Das Bundesgerichts-Urteil bedeutet zwar letztlich nichts anderes, als dass die Entscheidungshoheit bei den Gemeinden liegt. Genau das ist aber irritierend am Thalwiler Beschluss: Entschieden hat weder die Gemeinde noch die Kirchgemeinde, sondern einzig und allein die Kirchenpflege. Notabene, nachdem sie im Februar den Puls gefühlt hatte in dieser Frage. Sie hatte damals zu einer Diskussion um den nächtlichen Glockenschlag geladen. Und liess abstimmen. Das Resultat: Von den 90 Anwesenden stimmten nur 36 gegen den nächtlichen Stundenschlag. Die Abstimmung hatte zwar lediglich konsultativen Charakter. Trotzdem ist es störend, dass die Kirchenpflege sich über das Resultat hinwegsetzt, ohne die Kirchgemeinde bindend zur Frage Stellung nehmen zu lassen.

Problematisch ist darüber hinaus das Signal, das die Kirchenpflege aussendet. Sie spricht von einem «konsequent mutigen» Entscheid des Entgegenkommens gegenüber jener Minderheit, für die der nächtliche Glockenschlag einen Stressfaktor darstelle. Bei allem Respekt: Der Entscheid klingt eher danach, dass die Kirchenpflege es müde ist, sich mit ihren Kritikern auseinanderzusetzen. Ist es richtig, den Bedürfnissen einzelner Ruhebedürftiger – zumal neu Zugezogenen, wie jener Dame, welche die Petition für das Verstummen der nächtlichen Kirchenglocken lanciert hat – mehr Gewicht einzuräumen als jenen der schweigenden Mehrheit der Kirchgemeindemitglieder, ja sogar der Bevölkerung, nur weil sie fordernder auftreten? Ich meine Nein.

Erstellt: 17.05.2019, 16:32 Uhr

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Sibylle Saxer, Redaktorin

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