Leitartikel

Die Zeit ist reif für die alten Wünsche

Um 115 Millionen Franken rechnen die Gemeinden in den beiden Seebezirken das Vorjahr besser ab als budgetiert. Der unerwartete Geldsegen sollte jetzt für offene Wünsche oder Altlasten eingesetzt werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Was macht man aber mit dem Gesparten, wenn sich keine Not abzeichnet? Die Frage ist in diesen Tagen gestattet, in denen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger aufgerufen sind, die Jahresrechnungen ihrer Gemeinden politisch abzusegnen. Kritische Voten werden an den Gemeindeversammlungen kaum fallen.

Weshalb auch, wenn mit einer geringfügigen Ausnahme alle Städte und Gemeinden in der Region 2018 besser bis viel besser abschlossen als es sie es planten. Insgesamt 115 Millionen Franken hoch ist die positive Differenz zu den Budgets. Erfreute Kommentare der Gemeinderäte begleiten den in diesem Ausmass unerwarteten Geldsegen. Aber auf Worte sollten irgendwann einmal auch Taten folgen. Denn was nützt die Freude, wenn sie alleine auf Zahlen beschränkt ist und sich das «positive Verrechnen» Jahr für Jahr wiederholt?

Das Volk soll teilhaben am Erfolg. Jahrelang hat man es in den meisten Gemeinden vertröstet. Sparpolitik, unsichere wirtschaftliche Zeiten nach dem «Frankenschock», Ungewissheit wegen des neuen Finanzausgleichs, steigende Pflegekosten, hoher Vollzugsdruck von Entscheidungen auf Bundes- und Kantonsebene mit noch unabsehbaren Folgen und und und: Die Argumente für Zurückhaltung im Haushalt der Gemeinden wurden zu stehenden Redewendungen an den Budgetversammlungen Ende Jahr. Ja nicht mehr ausgeben als notwendig, hiess die Devise. Für Wünsche war kein Platz. Die Vernunft hat stets gesiegt. Falls es doch zu finanzpolitisch relevanten Korrekturen kam, dann meist wegen gesenkter Steuerfüsse.

Je knapper die Mittel, desto breiter wird der Graben zwischen links-grünen und bürgerlichen Lagern. Beide beharren vehement auf ihren Positionen. Die einen wollen mehr Lebensqualität und attraktivere Gemeinden durch möglichst viele Angebote der öffentlichen Hand. Die anderen warnen vor den hohen Schulden, die kommende Generationen wegen unverantwortlicher Kassenführung und unnötiger Investitionen abzustottern hätten. In guten Zeiten sollten sich die beiden Seiten aber im Ausgleich finden.

Es gibt genug alte Wünsche, die weit entfernt von Luxus sind. In Stäfa zum Beispiel, das sich letztes Jahr um 12 Millionen Franken verrechnet hat, gibt es eine solche Pendenz: Der Bushof ist überfällig. In Wädenswil könnten die 3,3 Millionen Franken mehr in der Kasse für den Ufersteg vom Seeplatz zur Halbinsel Giessen eingesetzt werden. Der Betrag entspricht fast dem Kostenanteil der Stadt. Der Kanton würde seine 80 Prozent sofort zahlen, wenn Wädenswil zusagte.

Es müssen nicht überall grosse Würfe her, nur um den unverhofften Geldsegen auszugeben. Aber jene, die sich auch am Geschäftsgang der Gemeinden freuen, erwarten statt schöner Zahlen in der Bilanz auch einmal konkrete, fassbare Ergebnisse als Gegenleistung für ihren Obolus.

Kurz: Die positiven Jahresrechnungen sollen im Spätherbst zu einem gesunden Kompromiss aus Steuerfusspolitik, Schuldenabbau und «jetzt leisten wir uns das» führen. Zeit zum Sparen bleibt immer, wenn sich eine Not abzeichnet.

Erstellt: 31.05.2019, 16:10 Uhr

Christian Dietz-Saluz, Reporter

Artikel zum Thema

Und wieder sprudelte am Zürichsee die Steuerquelle

Finanzen Gewinn statt Verlust, viel höhere Erträge als gedacht, weniger investiert als geplant: Die Jahresrechnungen der Gemeinden in den Seebezirken fallen um insgesamt 115 Millionen Franken besser aus als es das Budget vorsah. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.