Leitartikel

Die Empörung muss Grenzen haben

Wenn der Internet-Zorn auszuufern droht: ZSZ-Reporter Pascal Jäggi über die teils grenzwertigen Reaktionen zum Stäfner Horn-Gegner in den sozialen Medien.

Das Hornverbot bewegt: Das Vorgehen des Lärmklägers aus Stäfa löst in den sozialen Medien teils heftige Reaktionen aus.

Das Hornverbot bewegt: Das Vorgehen des Lärmklägers aus Stäfa löst in den sozialen Medien teils heftige Reaktionen aus. Bild: Archiv ZSZ

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I n der Schweiz wird Lärm in störend und schön unterteilt. Störend sind Autos, basslastige Musik oder Jugendliche, die nachts herumhängen und grölen. Schön sind spielende Kinder, Kuhglocken und Schiffshörner. Wer sich gegen «schönen» Lärm wehrt, wird schnell zum Buhmann. Das mussten in der Region vier Herren erfahren. Zwei wehren sich in Herrliberg gegen die aus ihrer Sicht zu starke Nutzung des Fussballplatzes. Einer forderte, dass die Reformierte Kirche in Wädenswil nachts die Glocken ruhen lässt. Und der Vierte kämpft einen einsamen Kampf gegen hupende Kursschiffe auf dem Zürichsee.

Alle genannten Bürger stossen auf grosses Unverständnis in der Bevölkerung. Wie kann man bloss gegen Sport und Traditionen sein? Wieso ziehen die denn nicht weg? Die Fragen sind durchaus verständlich und nachvollziehbar. Dabei muss aber auch mal gesagt werden, dass alle Genannten nichts anderes tun, als Rechtsmittel auszuschöpfen. Das kann man schlecht finden, es entspricht aber unserem Rechtssystem. Erfolgreich ist dieser Weg übrigens nicht immer. In Wädenswil läuten die Glocken weiter. Der Fall des Herrliberger Fussballplatzes ist noch am Bundesgericht hängig. Es ist verständlich, dass es zwei Meinungen zu diesen Themen gibt. Doch am Beispiel des Stäfner Horngegners zeigt sich, dass die Empörung zu weit gehen kann.

Facebook spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Artikel und Fernsehbeiträge über das Hornen werden in diversen Gruppen geteilt. Und schon geht es los mit den Verwünschungen und Beleidigungen: «Der spinnt», «Vollpfosten», «was ist das für ein A-loch» oder schlicht «Depp»». Auf Facebook ist das schnell hingeschrieben. Offenbar ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass der Anwohner selber Leute mit Lärm belästigt hat («ehemaliger Militärpilot») und doch eigentlich einen zweiten Wohnsitz in den Bergen hat («der soll sich doch ins Bündnerland zurückziehen»).

In einem zweiten Schritt fordern die Empörten Aktionen gegen den Horngegner. «Wir sollten regelmässig ein Hornkonzert vor der Liegenschaft machen». Aufmerksame Nutzer helfen bei der weiteren Identifizierung des anonymen Anwohners mit, indem sie dessen Adresse bekanntgeben.

Jetzt fehlt nur noch die Frage, wer denn eigentlich der Mann ist. Auch dabei hilft die Facebook-Gemeinschaft kräftig mit. Auf der Seite der Zürichsee-Zeitung veröffentlichen Nutzer Namen und Adresse des Anwohners. Dass der Administrator diese Beiträge aus Datenschutzgründen löscht, stösst bei einigen auf Unverständnis. «Der gehört an den Pranger», heisst es jetzt. Ein paar Personen geben Gegensteuer, versuchen zu schlichten. «Wollt ihr mit Heugabeln und Fackeln vor seinem Haus autauchen?», fragt eine Nutzerin. Die Situation kann sie auch nicht beruhigen. Der Rest wünscht sie auch gleich mit ins Bündnerland.

Das Internet ist nicht das Leben, es gibt interessante Experimente dazu. So hat das Nachrichtenmagazin «Spiegel» die deutsche Grünen-Politikerin Renate Künast begleitet, als sie Personen zuhause besuchte, die Künast auf Facebook wüst beschimpft hatten. Diese erklärten sich damit, dass sie mal Dampf ablassen wollten. Im direkten Gespräch ging es dann höflich zu und her. Auch die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens hat aufzeigen können, wie ganz normale Bürger im Internet ihrer Wut freien Lauf lassen, weil sie sich im echten Leben nicht verstanden fühlen. Der Stäfner Anwohner sagte zwar ihm seien Anfeindungen egal. Wohl weil er diese bis jetzt auf der Strasse noch nicht zu spüren bekommen hat. Wäre er auf Facebook würde er es vielleicht doch anders sehen.

Dass es durchaus Konsequenzen im echten Leben geben kann, zeigt ein hässliches Beispiel. Ein im echten Leben gemobbter junger Mann aus Franken in Deutschland entdeckt das Internet für sich. Er nimmt sich beim Headbangen zu Heavy Metal oder beim PC-Spiele zocken auf. Die Videos stellt er auf Youtube. Dann beginnt ein seltsames Spiel. Menschen, die den jungen Mann nicht kennen, beschimpfen ihn in den Kommentarspalten. Dieser wehrt sich, wohl auch dank der vermeintlichen Sicherheit im Netz. Er macht den fatalen Fehler seine Adresse bekanntzugeben und die Mobber herauszufordern. Immer wieder ziehen jetzt wildfremde Menschen in das Kaff in Franken und belästigen den Mann im echten Leben. Trauriger Höhepunkt: Im August versammeln sich bis zu 800 Personen im Dorf, schlagen Fensterscheiben ein und werfen Böller Richtung Haus. So weit ist es in Stäfa zum Glück noch nicht gekommen. Es ist richtig und wichtig seine Meinung im Internet zu äussern. Doch die Empörung muss Grenzen haben. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.10.2018, 15:28 Uhr

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