Leitartikel

Wer stehen bleibt, wird irgendwann überrannt

Philipp Kleiser, stv. Chefredaktor der Zürichsee-Zeitung, zum Thema Wandel und wie man damit umgehen sollte.

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Ein paar Worte von Regierungsrätin Jacqueline Fehr haben vor wenigen Wochen am Zürichsee grosse Wellen geschlagen. Sie bezeichnete die Seegemeinden als Regionen, wo wenig passiere und wo es wenig Innovation gebe. Damit zog sie den Zorn vieler lokaler Politiker auf sich. Auch in der breiten Öffentlichkeit sorgten die Aussagen für Stirnrunzeln.

Man kann über diese Aussage denken, was man will. Unbestritten ist eins: Innovation ist in der modernen Gesellschaft unverzichtbar geworden. Firmen haben schon lange erkannt: Was heute erfolgreich und gefragt ist, ist es vielleicht schon morgen nicht mehr. Man muss beweglich sein, Produkte und Dienstleistungen stets weiterentwickeln. Die zahlreichen Startups – junge, noch nicht etablierte Unternehmen mit meist innovativen Geschäftsideen – laufen einem sonst rasch den Rang ab.

Der Begriff Innovation stammt vom lateinischen Verb «innovare» ab und bedeutet wörtlich «erneuern». Nicht nur Firmen sind von Erneuerungsprozessen betroffen. Auch Gemeinden sind damit konfrontiert. Sie müssen innovativ sein, um zum Beispiel dem Bevölkerungswachstum zu begegnen oder im Standortwettbewerb attraktiv zu bleiben. Vielerorts manifestiert sich das Bemühen um Innovation in der Zentrumsplanung.

Mehrere Gemeinden am Zürichsee planen, ihre Zentren aufzuwerten oder gar neue zu schaffen. Bestens bekannt sind die Bemühungen von Kanton und Gemeinde Uetikon, das Areal der stillgelegten Chemiefabrik am See zu entwickeln. Doch auch die beiden Nachbargemeinden Meilen und Männedorf wollen ihre Zentren attraktiver gestalten.

Nicht immer werden solche Vorhaben in der Bevölkerung goutiert. Oftmals sind die Kritiker laut: Zu teuer, zu unpassend sind die Grossprojekte. Der Kilchberger Gemeinderat hat es vor einem Monat nur mit Ach und Krach geschafft, den Gestaltungsplan für die Bahnhofstrasse verbunden mit einer Begegnungszone beim Volk durchzubringen. In Langnau haben die Stimmbürger schon zweimal eine Umgestaltung des Bahnhofareals abgelehnt – obwohl es an der letzten Gewerbeschau als «grösster Schandfleck» des Dorfes tituliert wurde.

Und damit sind wir beim einzelnen Menschen: Jeder von uns muss sich immer wieder mit Innovation auseinandersetzen – privat und beruflich. Es ist nicht immer einfach, sich dem Wandel zu stellen. Der erste Reflex ist oft eine Abwehrhaltung. Warum muss man immer alles ändern? Es benötigt eine gewisse Reife, seine eigene Meinung kritisch zu hinterfragen und auch mal zu ändern, wenn andere Argumente überzeugender sind. Doch genau das ist wichtig. Wer als einziger stehen bleibt in einer Menge, die sich bewegt, wird herumgeschubst, überholt und irgendwann überrannt.

Haben Stabilität und Kontinuität also gar keinen Platz mehr? Doch. Zwei deutsche Wissenschaftler im Bereich Erziehungswissenschaften bringen es mit ihrem Zitat auf den Punkt: «So viel Kontinuität wie möglich, so viel Innovation wie nötig.» Natürlich ist es schwierig, die richtige Mischung zu finden. Denn die sieht für alle anders aus. Jeder einzelne muss deshalb bereit sein, andere Meinungen anzuhören, andere Entwicklungen zu akzeptieren, bei Entscheidungen auch an Minderheiten zu denken.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga drückte es einst so aus: «Der Kompromiss ist in der direkten Demokratie nicht ein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Stärke.»

Ich wünsche Ihnen für das neue Jahr all das. Innovative Gedanken und die nötige Flexibilität, um Neues zuzulassen. Die Bereitschaft, die eigene Meinung auch mal zu ändern und die eigenen Denkmuster anzupassen. Ebenso die Energie, wo nötig für Kontinuität einzustehen. Und allem, was passiert, stets mit einer Prise Gelassenheit zu begegnen. Schliesslich befinden wir uns im steten Wandel. Und da ist nichts für die Ewigkeit.

Erstellt: 28.12.2018, 12:07 Uhr

Philipp Kleiser, stv. Chefredaktor Zürichsee-Zeitung.

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