Pro und Kontra

Was geht an einem Kirchenanlass zu weit?

Zirkusartist Jason Brügger trat am Sommerfest der katholischen Kirche Zollikon-Zumikon auf. Sein Tanz am chinesischen Mast war manchem Kirchenmitglied zu frivol. Darf die Kirche einen solchen Event organisieren?

Die Poledance-Show von Jason Brügger erhitzte die Gemüter in der katholischen Kirche Zollikon-Zumikon.

Die Poledance-Show von Jason Brügger erhitzte die Gemüter in der katholischen Kirche Zollikon-Zumikon. Bild: Archiv/Keystone

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Ja

Die Kirchen müssen ihre Mitglieder bei der Stange halten. Jetzt enervieren sich Gemeindemitglieder darüber, dass die katholische Kirche Zollikon-Zumikon diese Herausforderung wortwörtlich verstanden hat. Es gibt allerdings keinen Grund, den Auftritt von Zirkusartist Jason Brügger am chinesischen Mast – landläufig gerne auch als Poledance-Stange bezeichnet – in die Schmuddelecke zu stellen.

Jason Brügger kennen viele aus der bekannten TV-Show «Die grössten Schweizer Talente» oder aus dem Circus Knie. Doch Brügger lebt, auch wenn es von seinen Auftritten her so wirkt, nicht schwerelos. Ärzte raten ihm wegen Gleichgewichtsproblemen von seiner Kunst ab – auch darüber sprach Brügger am Sommerfest. Warum also soll ein Künstler nicht auch gleich zeigen, was trotz langer Leidensgeschichte sportlich und artistisch möglich ist. Das ist ganz im christlichen Sinn: Hoffnung und Zuversicht sind zentrale Werte, die in Kirchen gepredigt werden.

Die Kritik von zu viel nackter Haut bei Brüggers Auftritt kommt mir vor wie die Suche nach dem Haar in der Suppe – notabene von jemandem eingebracht, der selbst gar nicht am besagten Anlass war. Tut die Kirche nichts, um in der modernen Welt Bestand zu haben, wird reklamiert. Tut sie viel und öffnet sich, wehren sich sofort wertkonservative Kreise.

Die Kirche sollte aus der Kritik ihre Lehren ziehen: Statt Brügger nur als Überraschungsgast auftreten zu lassen, könnte sie den Stargast das nächste Mal gleich gross bewerben. Dann würden vielleicht auch Menschen den Anlass besuchen, die schon lange keinen Fuss mehr in eine Kirche gesetzt haben. Einem engelsgleich schwebenden Künstler zuzusehen und zuzuhören hat viel Inspirierendes. Und Engel gehören bekanntlich seit Jahrtausenden zum Glauben.

Nein

Sieht man an einem kirchlichen Anlass etwas Haut, weil sich ein leicht bekleideter Akrobat – manche Zuschauer sahen in ihm einen Poledancer – um eine Stange räkelt, gehen sogleich die Wogen hoch. Es wäre daher ein gefundenes Fressen, in dieser Geschichte wieder einmal zwei Menschentypen zu bemühen. Da die ach so Prüden, die in der Steinzeit stehen geblieben sind, als man sich noch züchtig mit Bärenfell umhüllte. Und dort die ach so Fortschrittlichen, die in einer aufgeklärten Welt leben und so ultratolerant sind, dass sie alle Tabus in die tiefsten Katakomben des Vatikans, den letzten Rückzugsort der Ewiggestrigen, verbannen möchten.

Wer sich nun auf diese beiden Pole – pardon für diese Wortwahl! – einschiesst, macht es sich allerdings etwas einfach. Es gibt nur wenige krasse Hinterwäldler und ebenso wenige Super-Progressive. Aber es gibt offenbar je länger je mehr eine Kirche, die sich aus purer Verzweiflung über rückläufige Mitgliederzahlen dem Diktat der Spassgesellschaft unterwirft und fast alles tut, um ihre Schäfchen noch zu erreichen. Das gilt für die katholische wie auch für die reformierte Kirche. Beide organisieren immer kuriosere Veranstaltungen, aus Angst, dass sie ansonsten nicht mehr mit anderen Freizeitangeboten mithalten können. Ein Zirkusartist an einem Jugendanlass? Her mit der Stange! Ein Gottesdienst, der sich um die «Star Wars»-Filme dreht? Wir brauchen ein Lichtschwert!

Die Frage stellt sich da: Muss das alles sein? Nein. Die Kirche hätte eine Botschaft zu vermitteln. Sie tut es zwar, aber oft mit zu viel Showeffekt, der vom Inhalt ablenkt. Richtig, Jason Brügger sprach am kritisierten Anlass der katholischen Kirche Zollikon-Zumikon auch über die schwere Erkrankung seines Innenohrs, die Hörverlust, Tinnitus und Schwindelanfälle zur Folge hat. Nur: Inzwischen reden eben alle nur noch über seine Unterhose.

Erstellt: 15.07.2019, 16:05 Uhr

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