Pro & Kontra

Streiken – oder nicht?

Am 14. Juni findet in der Schweiz zum zweiten Mal ein Frauenstreik statt. Die Gründe mitzumachen oder eben auf eine Teilnahme zu verzichten, sind sehr persönlich.

Bild: Keystone

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Ja

Ich streike am 14. Juni. Und zwar, weil Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft schon längst selbstverständlich sein sollte – aber nicht ist. Dass wir fast vier Jahrzehnte nach Inkrafttreten des Gleichstellungsartikels noch immer über Lohngleichheit diskutieren, finde ich schlicht schockierend.

In bin glücklicherweise mit dem Gefühl aufgewachsen, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer. Ob in der Ausbildung oder bezüglich meiner Hobbywahl – seit vielen Jahren gehört der «Männersport» Fussball dazu –, kaum je hatte ich das Gefühl, benachteiligt zu sein. Dies spiegelte sich früher auch in Gesprächen mit meiner feministisch-denkenden Gotte wider: Sie konnte nur schwer nachvollziehen, wieso ich als Teenager nicht im selben Mass für Gleichstellung eintrat, wie sie es tat. Der Grund war, dass gleiche Rechte in meinen Augen selbstverständlich waren.

Doch mit der Zeit stellte ich fest, dass es nicht überall so ist. Und dies löste in mir viel aus. Manches macht mich gar unglaublich wütend. Wie zum Beispiel wenn ich die Geschichten einer jungen Frauen höre, die nach einer frühen Fehlgeburt ihre Stelle verlor, weil der Arbeitgeber nun im Bilde war über ihren Kinderwunsch. Schlichtes Unverständnis löst es in mir aus, wenn ich die Zahlen zur Lohndifferenz zwischen den Geschlechter betrachte: Durchschnittlich 1455 Franken verdienen Frauen weniger pro Monat, 44 Prozent davon sind nicht erklärbar. Als ebenso unfair empfinde ich es aber, dass es noch immer keinen Vaterschaftsurlaub gibt. Es geht mir nämlich in keiner Weise darum, gegen Männer zukämpfen, sondern darum, für eine gleichberechtigte Gesellschaft einzustehen.

Ein Frauenstreik, 28 Jahre nach dem letzten, betrachte ich als angebrachtes Mittel, um diese und viele weitere Diskriminierungen aufs Tapet zu bringen. Er sorgt für grösstmögliche Aufmerksamkeit und ist schliesslich der Grund, weshalb wir hier und landesweit über Gleichstellung debattieren. Darum, und aus Solidarität mit all jenen, die Diskriminierung direkt erfahren, ist es mir ein Anliegen, den Streik zu unterstützen.

Nein

Ich streike am 14. Juni nicht. Aus einem simplen Grund: Mir fehlt die Wut im Bauch, die Dringlichkeit, auf die Barrikaden zu gehen. Zudem finde ich: Seit dem letzten Streik 1991 hat sich eine Menge getan. Auch Mütter, und das scheint mir ein entscheidender Faktor, sind heute mehrheitlich berufstätig. Sie werden ihren Töchtern ein anderes Selbstverständnis mitgeben.

Die Hausfrau ist ein Auslaufmodell. Mich hat sie trotzdem geprägt wie kein anderes Konzept des Frauseins. Ich bin in einer Familien gross geworden, in der sich Frauen primär um das Wohl von Mann und Kindern kümmerten und den Haushalt führten. Sie waren wirtschaftlich von ihren Männern abhängig, hatten keine oder nur eine rudimentäre Ausbildung absolviert und füllten ihre Rolle aus, ohne sie in Frage zu stellen. Ihre eigenen Bedürfnisse stellten sie in teils ungutem Mass hintenan. Als aufmüpfige Jugendliche wusste ich: Ein solches Leben will ich sicher nicht.

Vorbilder für ein anderes fanden sich in der erweiterten Verwandtschaft – wohl nicht zufällig bei akademisch gebildeten und berufstätigen Müttern. Auch die Lehre als Buchhändlerin eröffnete mir diesbezüglich ganz neue Welten. Doch ich wollte weiter gehen, studierte. Rückblickend muss ich feststellen: Das Einschlagen eines eigenen Weges hatte im Kleinen die Wirkung einer unausgesprochenen Kampfansage; man entfernt sich von vielem. Die alten tradierten Rollenmuster nimmt man trotzdem mit.

Was hat das alles mit dem Frauenstreik zu tun hat? Ich glaube, dass jede Frau ihren ganz eigenen Kampf austrägt. Für mich war und ist es vor allem ein innerlicher. Er hat sich gelohnt. Möglich war er nur dank all jener Vorkämpferinnen, die sich in der Vergangenheit politisch engagierten und die rechtliche Gleichstellung durchsetzten. Es hat sich einiges bewegt, aber es gibt immer noch viel zu tun. Auch wenn ich am Streik nicht teilnehme, werden im Herbst bei den Wahlen die Gleichstellung und die Chancengleichheit ein wichtiges Kriterium sein, wem ich meine Stimme gebe.

Erstellt: 07.06.2019, 16:39 Uhr

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