Pro & Kontra

Sollen Kirchenglocken fürs Klima läuten?

Heute ist der Tag der nationalen Klimademonstration. Einige Kirchgemeinden folgen dem Aufruf der christlichen Klima-Allianz-Organisationen und lassen um 14.30 Uhr die Glocken läuten.

In den Bezirken am Zürichsee sind es vor allem die reformierten Kirchen, die bei der Aktion mitmachen.

In den Bezirken am Zürichsee sind es vor allem die reformierten Kirchen, die bei der Aktion mitmachen. Bild: Archiv Manuela Matt

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Ja

In einer national koordinierten Aktion lassen viele Schweizer Kirchgemeinden heute Nachmittag die Glocken läuten oder stellen die Kirchenuhren auf fünf vor zwölf. Auch rund um den Zürichsee beteiligen sich einige Kirchgemeinden auf diesem Weg an der nationalen Klimademo. Und das ist gut so. Denn seit jeher läuten die Kirchenglocken nicht nur zu Gottesdiensten, Hochzeiten und Beerdigungen, sondern auch als Warnung vor herannahenden (Natur-)Gefahren. Heute tun sie im Grunde nichts anderes.

Im Amazonasgebiet verschlingen die Flammen seit Monaten den Regenwald. Und das ist nicht die einzige Region der Welt, in der es brennt. Daneben wüten immer stärkere Orkane oder Hurrikans wie zuletzt Dorian und zerstören die Lebensgrundlagen vieler Menschen. Es ist darum allerhöchste Zeit, dass wir verstehen, dass der Klimawandel nicht irgend ein Phänomen oder eine abstruse Theorie der Zukunft ist. Sondern, dass wir bereits mitten in diesem vom Mensch verschuldeten Chaos stecken. Von mir aus können die Glocken also so lange klingen, bis der Wind ihre Botschaft auch in die Stube des allerletzten Klimawandel-Leugners getragen hat.

Natürlich heben nun viele den Mahnfinger. Kritiker werden behaupten, die Kirchen lassen sich mit dieser Aktion so kurz vor den nationalen Wahlen von linken und grünen Parteien vor den Karren spannen. Und einmal mehr wird damit auch die Frage aufgeworfen, ob und wie politisch die Kirche sein soll.

Gerade weil sich die Kirche den Schutz der Schwachen und Armen sowie die Bewahrung der Würde und Gleichheit der Menschen auf die Fahne geschrieben hat, muss sie sich auch politisch äussern. Es ist ihre Aufgabe zu reflektieren, was in der Welt geschieht und ihre Haltung dazu zu beziehen. Es ist jedem Bürger selber überlassen, was er mit dieser Botschaft macht.

Die Kirchen setzen mit ihrer heutigen Aktion ein Zeichen für die Nächstenliebe. Und beweisen, dass sie auch die kommenden Generationen nicht im Stich lassen. In diesem Sinne: Ding-Dong, es ist fünf vor zwölf!

Nein

Kirche und Politik: Ein heikles Thema. In der Vergangenheit hielten sich die Kirchenfürsten für unfehlbar, ihre Wahrheit galt. Den heutigen Kirchenpflegern und Pfarrerinnen kann man eine solche Einstellung sicher nicht nachsagen. Doch, wenn sie sich in die Politik einmischen, tun sie das auch im Namen der Mitglieder.

Dieses Vorgehen ist gefährlich und anmassend. In der Regel äussern sich die Kirchen «links». Gegen die SVP und ihre Initiativen oder jetzt eben für ein Umdenken beim Klimaschutz. Die Kirchenvertreter rechtfertigen sich mit dem Einsatz für Menschlichkeit und Nächstenliebe und die Bewahrung der Schöpfung. Doch sie riskieren damit vor allem, einen Teil ihrer «Schäfchen» vor den Kopf zu stossen.

Letztlich schaden sich die Kirchen mit öffentlichen politischen Äusserungen selber – egal in welche Richtung sie gehen. Es ist ja eh schon nicht so, dass die Gottesdienste in unserer Zeit übervoll sind. Das wird kaum mehr zu ändern sein. Die vielen passiven Kirchenmitglieder, die es noch immer gibt, leisten mit der Kirchensteuer aber ihren Beitrag, dass die Landeskirchen weiter existieren können. Die Kirchen können es sich nicht leisten, diese Beiträge zu verlieren. Zumal der Kirchenaustritt heute problemlos erledigt werden kann. Das eben öffentlich gewordene Beispiel Magdalena Martullo-Blocher sollten die Verantwortlichen nicht so schnell vergessen.

Fragwürdig ist aber auch die Aktion generell. In Bern ist eine Demo und am Zürichsee läuten die Glocken. So wie sie täglich aus ganz anderen Gründen ertönen. Kein Mensch wird diese Geräusche als ungewöhnlich oder gar als aussergewöhnliches Signal wahrnehmen, sondern einfach weiter seinem Samstagnachmittagsvergnügen frönen.

Wenn sich die Kirchen schon zu solchen Themen äussern wollen, dann sollte das tiefgründiger sein. So, dass eine echte Diskussion aufkommt und nicht von oben herab bestimmt wird.

(fse, paj)

Erstellt: 27.09.2019, 10:52 Uhr

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