Pro und Contra

Sollen die SBB den Dienst am Bahnschalter einstellen dürfen?

Christian Dietz und Linda Koponen streiten über die zunehmende Automatisierung an den Bahnhöfen.

Die SBB schliessen in der Region vermehrt ihre bedienten Bahnschalter. Was ist davon zu halten?

Die SBB schliessen in der Region vermehrt ihre bedienten Bahnschalter. Was ist davon zu halten? Bild: Archiv Manuela Matt

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PRO

Christian Dietz, Reporter

Die SBB schliessen im Herbst ihren Schalter am Bahnhof Erlenbach. Diese Nachricht stimmt nachdenklich, weil wieder ein Stück «gute alte Zeit» verloren geht. Und sofort bricht die Kritik vom Verlust an Lebensqualität los. Die Bundesbahnen verrieten ihren Auftrag des öffentlichen Dienstes, obschon sie dafür mit Steuergeldern alimentiert werden. Das erzeugt Ansprüche, vom Service Public wollen alle profitieren. Bloss sind im Fall von Erlenbach diese «alle» bei genauem Hinsehen nur eine verschwindende Minderheit. Kein Vergleich mit der Post, die viele Filialen schon schliessen will, nur weil der Kundenbesuch rückläufig ist. Aber bei knapp 10 Prozent der Bahnkunden, die noch am Schalter ihr Billett kaufen, wird ein Vollbetrieb unsinnig. Die meiste Zeit ist das Personal unter- bis unbeschäftigt, weil ja nicht voraussehbar ist, wann dieses Zehntel am Bahnhof erscheint.

Die SBB sprechen von einem Verlust im sechsstelligen Bereich. Da ist Handeln notwendig und die Massnahme gerechtfertigt, Erlenbach in eine unbediente Bahnstation umzufunktionieren.

Dennoch dürfen sich die SBB nicht aus der Verantwortung stehlen. Sie müssen jene unterstützen, die ihre Billette nicht über eine App am Smartphone oder daheim am Computer beziehen können. Das geht am besten mit Automaten, die einfach zu bedienen sind, immer die günstigsten Preise anbieten und vor allem leicht zugänglich sind. Stäfa, wo zwar der Schalter luxuriös ausgebaut, dafür der Billettautomat am Perron abmontiert wurde, ist ein miserables Beispiel, wie mit älteren Bahnkunden umgegangen wird. Wer dort nicht von der Bahnhofseite kommt, muss nun doppelt so oft beschwerliche Treppen steigen.

Die SBB müssen den 10 Prozent traditioneller Bahnkunden die Chance zum sanften Wechsel geben – mit einfachen Automaten und gegebenenfalls auch mit Bedienungskursen. Gelingt dies, wird bald niemand mehr von einem verlorenen Stück «gute alte Zeit» sprechen. Die führt ohnedies nur im Freilichtmuseum Ballenberg ein ewiges Leben. Der Service Public ist aber kein Ballenberg sondern Ballast im öffentlichen Haushalt, wenn er nur noch für wenige erhalten werden soll. Darum ist es rechtens, wenn die SBB, wie im Fall Erlenbach, die wirtschaftliche Notbremse ziehen.

CONTRA

Linda Koponen, Redaktorin

Weil mittlerweile 90 Prozent aller Billette am Automat oder über die App bezogen werden, wollen die SBB den Bahnschalter in Erlenbach schliessen. Die restlichen 10 Prozent – gemäss der SBB vornehmlich Senioren – sollen in einem Kurs lernen wie man die Fahrkarte mit dem Smartphone oder am Automat löst.

Faktisch bedeutet die Schliessung des Schalters einen Leistungsabbau. Die SBB-Werbung suggeriert zwar, dass der Billettkauf über die App so einfach sei wie stricken – kann doch jedes Grosi. Paar Mal über den Bildschirm wischen, das wars. Und für diejenigen ohne Smartphone bleibt ja noch der Automat. Spätestens dort hört der Spass dann aber auf: Bekanntlich führen viele Wege nach Rom oder etwa nach Rapperswil-Jona und bei der SBB ist Billett nicht gleich Billett. Während man also noch den Zonenplan entziffert, um die richtige Verbindung herauszusuchen, ist der Zug längst abgefahren.

Übung macht vielleicht den Meister, ersetzt eine mehrjährige Lehre aber nicht. Wer einmal mit dem Zug durch Europa gefahren ist, weiss, dass ein ausgebildeter SBB-Mitarbeiter bei all den obligatorischen Reservierungen eine grosse Hilfe ist. Dass man dafür eigens an einen grösseren Bahnhof fahren muss, ist möglich aber umständlich und erhöht die Attraktivität des Zugreisens nicht. Nochmals anders ist die Situation, wenn man sein Reisegepäck an den Zielbahnhof schicken möchte. Der praktische Service verliert seinen Sinn, wenn man mit Koffer und Rucksack erstmal Kilometer weit fahren muss. Da kann man dann eigentlich sofort ein Auto mieten – oder kaufen. Das kann nicht im Sinne der SBB sein. Der Verkehr nimmt stetig zu, die Strassen sind überlastet. Und die Lösung des Problems sehen sowohl Politiker als auch Fachleute in der Stärkung des öffentlichen Verkehrs.

Es mag sein, dass sich der Vollbetrieb des Erlenbacher Bahnschalters bei einem Kundenanteil von 10 Prozent nicht mehr rentiert. Im Gegensatz zu privaten Firmen sollte ein Bundesbetrieb aber nicht rein gewinnorientiert handeln. So wie die SRG rätoromanische Sendungen für ein kleines Publikum produziert und dafür vergleichsweise viel Geld ausgibt, sollten auch die SBB an die Minderheiten im Land denken.

Erstellt: 15.06.2018, 16:34 Uhr

Christian Dietz, Reporter Zürichsee-Zeitung.

Linda Koponen, Redaktorin Zürichsee-Zeitung.

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