Retrospektive

Mehr als nur Kaffeetrinken

Geschichten und Begegnungen aus fast 20 Jahren als Sportjournalist am Zürichsee – auf Asphalt, Sand sowie Schnee, im, unter und auf dem Wasser, durch Dreck oder in einem Café.

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So nahe wie an jenem 17. Juni 2009 nahm keine andere Geschichte ihren Anfang. Der Startschuss zur 5. Etappe der 73. Tour de Suisse fiel auf der Seestrasse in Stäfa nur wenige hundert Meter von der damaligen ZSZ-Redaktion entfernt. Und es war ein Seebub, der in der Königsetappe hinauf nach Serfaus zum Prinzen avancierte. Der damals wie heute in Wädenswil wohnhafte Pascal Hungerbühler riss kurz nach dem Start aus. Sein maximaler Vorsprung betrug im Toggenburg elf Minuten.

In Feldkirch – unweit des von seinem Team Vorarlberg-Corratec betriebenen Radhauses in Rankweil – lag der damals 32-Jährige noch immer acht Minuten voraus. Doch nach einer 160 km langen Soloflucht wurde Hungerbühler gestellt und erreichte das Ziel schliesslich als Hundertster 12:56 Minuten hinter Etappensieger Michael Albasini. Die Tour de Suisse war in Österreich zu einer Tour des Suisses geworden. Den Gesamtsieg sicherte sich schliesslich in Bern Fabian Cancellara. Und für Hungerbühler, der Ende jener Saison zurücktrat, gipfelte seine zweite Schweizer Landesrundfahrt in einer Einladung als Studiogast ins «Sportpanorama» des Schweizer Fernsehens. Ein Wiedersehen gab es an der Tour de Suisse 2015, wo Hungerbühler – beruflich inzwischen als Applikationsentwickler bei einer Bank tätig – als VIP-Chauffeur im Einsatz stand.

Skifahrerin auf dem Velo

Ebenfalls mit einem Rennrad verknüpft war eine andere Geschichte. Im Mai 2014 startete Skifahrerin Simone Wild aus Adliswil ihre Saisonvorbereitung erstmals auf Mallorca. Die damals 20-Jährige spulte im Trainingslager täglich 100 km auf dem Velo ab – mein Platz war jener im Begleitfahrzeug. Als Frühsport hatten die Skifahrerinnen Yoga betrieben, zum Ausgleich stand Stand-up-Paddeln auf dem Programm. Eine Partie Beachvolleyball mit Skifahrerinnen, Trainern und Journalisten schloss den Tag auf der Mittelmeerinsel ab.

Knapp drei Jahre später durfte Wild bei Halbzeit des WM-Riesenslaloms in St. Moritz als Fünfte von einer Medaille träumen. Ihr Rückstand auf einen Podestplatz betrug lediglich 39 Hundertstel. Von den Medien wurde sie über Mittag abgeschirmt. Ein verbremster 2. Lauf warf die Adliswilerin dann allerdings auf Platz 14 zurück. Als die Tränen getrocknet waren, meinte sie: «Mich an den Rummel zu gewöhnen, ist eine der grossen Erfahrungen, die ich hier in St. Moritz mache.»

Fünf Stunden im Wasser

Meist abseits des Rampenlichts bewegte sich Sascia Kraus. Die Synchronschwimmerin gewährte im Vorfeld der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro Einblick in ihren Trainingsalltag. Bereits um 6.30 Uhr stieg die Thalwilerin im Hallenbad Oerlikon mit ihrer Partnerin Sophie Giger ins Becken. Fünf Stunden lang dirigierte Trainerin Olga Pylypchuck das Synchro-Duo durchs Wasser – während der ersten drei trugen die Limmat Nixen Gewichte an den Füssen.

Ihren Job als Floristin hatte Kraus zehn Monate vor Olympia gekündigt, um sich unter professionellen Bedingungen vorbereiten zu können. Je 35 000 Franken mussten die beiden Sportlerinnen zudem auftreiben. Der Effort wurde resultatmässig nur bedingt belohnt. Kraus/Giger verpassten in Rio den angestrebten Finaleinzug und landeten auf Platz 14.

Auf einen Kaffee mit ...

Statt im Schnee, im Sand, am Becken- oder Strassenrad gab es viele Begegnungen mit Sportlerinnen und Sportlern auch in gemütlicherem Rahmen. Für die Serie «Auf einen Kaffee mit ...» bot sich als Lokalität oft ein Café am Wohn- oder Arbeitsort der Interviewpartnerin an.

Die Gespräche drehten sich neben der Ernährung und den sportlichen Ambitionen oft auch über Gott und die Welt. Triathlet Ruedi Wild aus Samstagern etwa isst am liebsten die «Chäs-chnöpfli» seiner Grossmutter. Radquerspezialist Simon Zahner vom VC Meilen mag Kürbissuppe. Handballer Simon Massari schwört auf die Piemonteser Küche. Der Rüeschliker Tennisprofi Marc-Andrea Hüsler hatte eben Rösti mit Spiegelei, Speck und Käse wieder entdeckt. Der damalige Leichtgewichtsruderer Pascal Ryser aus Thalwil bezeichnete Weissbrot mit Honig als Festmahl am Wettkampftag.

Getrunken wurde von den Gesprächspartnern oft eine Kaffeevariation. Mountainbikerin Sina Frei aus Uetikon goss sich jedoch einen Himbeer-Erdbeer-Zitrone-Tee auf. Die U-23-Gesamtweltcupsiegerin des vergangenen Jahres fuhr trotz einer Körpergrösse von lediglich 151 cm in den Nachwuchskategorien überragend und wagte – mit Erfolg – den vorzeitigen Sprung zur Elite. Wie nützlich ein Zeitung ist, bestätigte Frei mit ihrer Antwort auf die Frage, ob sie eher das Internet oder die Papierform bevorzuge: «Mit der Zeitung kann ich nach einem Training im Regen die Veloschuhe ausstopfen.»

Erstellt: 19.07.2019, 14:10 Uhr

David Bruderer, Sportredaktor

Zum Abschied

Mit diesem Artikel verabschiedet sich David Bruderer (db) nach beinahe 20 Jahren aus der Sportredaktion der Zürichsee-Zeitung. Der 43-Jährige kehrt in seinen angestammten Beruf als Sekundarlehrer zurück. Bruderers Nachfolge in der ZSZ-Sportredaktion tritt Dominic Duss (ddu) an, der nach eineinhalb Jahren in der Tamedia-Mantelsportredaktion zu den Zürcher Regionalzeitungen zurückkehrt.

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