Kommentar

Ein Einblick in eine islamistisch geprägte Parallelgesellschaft

Was bedeuten die Urteile im An'Nur-Prozess? Ein Kommentar von Jakob Bächtold, Stv. Chefredaktor.

Acht bedingte Freiheits- oder Geldstrafen und zwei Freisprüche: Die Beschuldigten im An’Nur-Prozess erhielten am Dienstagmorgen ihr Urteil.

Acht bedingte Freiheits- oder Geldstrafen und zwei Freisprüche: Die Beschuldigten im An’Nur-Prozess erhielten am Dienstagmorgen ihr Urteil. Bild: Keystone

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Nun ist er vorbei, der grosse Prozess zur An’Nur-Moschee am Bezirksgericht hier in Winterthur. Ist dies nun auch der erhoffte Schlusstrich unter die leidvolle Geschichte um die Winterthurer Jihad-Reisenden? Nur zum Teil. Denn die Verhandlung und auch die vom Gericht verhängten Urteile zeigen auf: Dieser Prozess behandelte nur einen Vorfall im Bereich der Winterthurer Jihad-Szene. Es ging um eine Schlägerei und Drohungen gegen Informanten in der Moschee, nicht um mehr und nicht um weniger. Die brisanteren Fälle von Jihad-Reisenden und mutmasslichen IS-Unterstützern wurden vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona verhandelt; ein Winterthurer Fall ist auch noch offen.

Für den Übergriff an einem Abend im November 2016 sind denn auch die am Dienstag ausgesprochenen Strafen angemessen: Es war eine Gewalteskalation, das schon. Mit einem Terrorakt hatte der Vorfall in der Moschee in Neuhegi aber nichts zu tun.

Dass eine islamistisch geprägte Parallelgesellschaft in Winterthur entstehen konnte, haftet in der Erinnerung

Auch wenn es gewissermassen um einen Nebenschauplatz ging, hat der Fall viele bemerkenswerte Fakten zur Winterthurer Salafisten-Szene geliefert. Zwei wichtige Erkenntnisse: Erstens hat der Prozess gezeigt, wie wichtig die Medien waren, um Licht in die Vorgänge in der An’Nur-Mosche zu bringen. Die Strafverfolgungsbehörden haben die Umstände der Tat genau ermittelt, diesbezüglich leisteten sie ganze Arbeit. Die entscheidenden Informationen am Anfang lieferten aber die Recherchen eines Journalisten.

Zweitens gab der Prozess Einblick in eine Parallelgesellschaft, die im Umfeld der An’Nur-Moschee in dieser Zeit bestand. Der Vorfall vor knapp zwei Jahren zeigt, dass es da eine Gruppe von jungen Männern gab, die bereit waren, ihre eigenen Überzeugungen auch mit Gewalt gegen andere durchzusetzen. Welche Verbindungen zwischen dieser Gruppe und dem Islamischen Staat in Syrien bestanden, war wiederum nicht Gegenstand des jetzigen Prozesses. Zumindest die ideologische Nähe ist jedoch offensichtlich.

Die Zeit der Jihad-Reisen scheint vorbei, die An’Nur-Moschee in Hegi ist Geschichte. Auch haben die Behörden unterdessen reagiert und sind im Bereich der Prävention mit der Brückenbauerstelle zu den islamischen Vereinen besser aufgestellt. Das alles geschah aber erst nach langer Vorlaufzeit.

Nach dem Prozess bleibt darum ein ungutes Gefühl zurück: Es haftet in der Erinnerung, dass hier in Winterthur eine islamistisch geprägte Parallelgesellschaft entstehen konnte – und dass sie so lange bestand und gedieh, bis es zu einer Gewalteskalation kam.

Erstellt: 23.10.2018, 17:27 Uhr

Jakob Bächtold Stv. Chefredaktor (Bild: Madeleine Schoder)

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