Pro und Kontra

Die unterschiedliche Sicht auf die CO2-Kompensation

Verschiedene Websites und Reisebüros bieten die Möglichkeit, selber verursachte CO2-Emissionen mit einer Spende zu kompensieren. Ist das eine gute Sache?

Soll kann die Emissionen einer Reise berechnen und mit einer Spende kompensieren?

Soll kann die Emissionen einer Reise berechnen und mit einer Spende kompensieren? Bild: Keystone

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Ja

Ich gebe es zu: Ich reise gerne, und eher oft. Ich habe gute Freunde, die nach Australien ausgewandert sind und die ich gerne alle paar Jahre sehen möchte. Keine Chance, das ohne Flugzeug zu machen. Diesen Frühsommer plane ich eine Reise nach Island. Und fahre dort erst noch mit dem Auto umher. Kein Wunder also, schneide ich auf der ZSZ-Website beim Selbsttest zu meiner Ökobilanz unterdurchschnittlich ab.

Soll ich mich deshalb als schlechter Mensch fühlen? Nein. Wohlverstanden: Ich achte sehr wohl auf die Umwelt. Ich trenne die Abfälle beim Entsorgen, wohne in einem Minergiegebäude mit Holzschnitzelheizung. Ich kaufe möglichst saisonal und regional ein. Die Natur liegt mir am Herzen. Ich merke aber auch: Klimafragen sind komplex geworden. So komplex, dass ich manchmal kaum einschätzen kann, ob ich mit einer Handlung der Natur tatsächlich einen Gefallen tue – oder ob die Emissionen nicht einfach andernorts entstehen.

Die CO2-Kompensation ist deshalb eine gute Sache. Wir können Klimaschutzprojekte in der Schweiz und im Ausland unterstützen. Natürlich kann der Vorwurf kommen, man wolle damit einfach sein schlechtes Gewissen reinwaschen. Das ist aber eine scheinheilige Aussage. Seien wir doch ehrlich: Im Moment steigen wahnsinnig viele vollmundig auf den Klimazug auf. Doch ist man auch wirklich bereit, auf alles zu verzichten, um den eigenen ökologischen Fussabdruck zu verkleinern? Ständig nur ins Bündnerland in die Ferien zu reisen, ist auf Dauer zu langweilig. Die neue Waschmaschine, welche das defekte Gerät ersetzt, transportiere ich kaum mit dem Fahrrad nach Hause. Seien wir also pragmatisch: Achten wir so gut es geht auf die Umwelt. Aber unterstützen wir gleichzeitig die Möglichkeit der CO2-Kompensation.

Nein

Sie wollen nicht länger in der Klimahölle schmoren? Kaufen Sie sich eine CO2-Kompensation für ihren Wochenendtrip nach London! Mit Verlaub: Klimazertifikate zu kaufen ist moderner Ablasshandel. Für schlappe elf Franken kann ich einen Flug nach London kompensieren. Mit diesem Beitrag, so verspricht es ein Umweltunternehmen, helfe ich Kleinbauern in Nicaragua beim Aufforsten. Wer Projekte in der Schweiz umsetzen will, muss statt elf gleich 34 Franken berappen. Das Beispiel zeigt: Das schlechte Gewissen mit Klimazertifikaten zu beruhigen ist längst «big business» geworden. Das ist ein Problem.

Ob ich ein Zertifikat kaufe oder nicht, ändert nichts an meinem persönlichen Verhalten. Warum fahre ich eigentlich immer mit meinem alten benzinverschlingenden Auto zum Supermarkt? Und muss ich wirklich immer mit dem Flugzeug in die Ferien fliegen? Wie wäre es, statt in die Anden zu reisen, einmal nach Amden zu wandern?

Ich lasse meinen Worten Taten folgen und fahre diesen Sommer mit dem Zug in die Ferien. Und finde mich sofort selbst im Klimadilemma: Wie wäre es mit einer Fährüberfahrt? Schön, aber noch fast schlimmer als mit dem Flugzeug nach Skandinavien zu gelangen?

Ich gebe zu: Ich weiss es nicht. Unsere Welt ist so komplex geworden, dass ich auch abseits von Reisen in allen Klimabelangen nicht mehr durchblicke: Elektroauto oder Benziner? Pappbecher oder Thermosbecher? Ich lebe deshalb nach einem einfachen Motto: So klimafreundlich wie möglich, aber nicht auf Biegen und Brechen. Statt stur Reiseverbote und Kompensationen zu fordern oder kopflos extra aufs Gaspedal des Offroaders zu drücken, sollten wir einfach den gesunden Menschenverstand nutzen.

Erstellt: 13.04.2019, 10:25 Uhr

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