Pro & Kontra

Die Promillegrenze wirft Wellen auf dem Zürichsee

Für Freizeitkapitäne von Kleinstbooten gilt die 0,5-Promillegrenze ab 2020 nicht mehr. Der Bundesrat hat die Regel wieder aufgehoben. Ist das richtig?

Freizeitkapitäne dürfen wieder bechern: Dass Bundesamt für Verkehr sieht von einer Promillegrenze auf Gummibooten ab.

Freizeitkapitäne dürfen wieder bechern: Dass Bundesamt für Verkehr sieht von einer Promillegrenze auf Gummibooten ab. Bild: Symbolbild/Keystone

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Ja

Es ist nie zu spät, eine falsche Entscheidung zu korrigieren. Und sie war falsch, als der Bundesrat 2014 die Verordnung über die Binnenschifffahrt mit einer 0,5-Promillegrenze auf Führer von Kleinstbooten ausweiten liess. Es sind reine Plausch-Wassergeräte: Schiffe unter 2,5 Meter Länge, Strandboote, Paddelboote, Rennruderboote, Gummiboote, Windsurfbretter, Kiteboards und Stand-up-Paddle.

Die 0,5-Promillegrenze dient primär dazu, Unschuldige vor alkoholisierten Fahrern zu schützen, sei es auf der Strasse oder auf dem Wasser. Daher gilt zu Recht ein Alkoholisierungsverbot für Freizeitkapitäne auf Motor- und Segelbooten, die schneller und vom Antrieb her selbständig unterwegs sind als dass Beduselte am Ruder und am Gashebel noch reagieren könnten. Zudem gefährden solch unverantwortliche Schiffsführer ihre Passagiere.

Aber kann ein unmotorisiertes Gummiboot anderen wirklich gefährlich werden? Bedroht ein besoffener Ruderer die Badenden? Die Verordnung für die Binnenschifffahrt kennt klare Vorschriften. Es braucht einen Schiffsführerausweis, einen Schiffsausweis, bestimmte Rettungsgeräte, Signalisationseinrichtungen, eine Beleuchtung und die Schiffe müssen ein Kennzeichen besitzen. Dazu sind auch periodische technische Prüfungen und natürlich eine Haftpflichtversicherung vorgeschrieben.

All diese Auflagen gelten jedoch ausdrücklich nicht für die Miniboote, die jetzt wieder von der 0,5-Promillegrenze ausgenommen werden. Was bedeutet, dass solche unmotorisierte Wasserfahrzeuge vom Gesetzgeber schon immer als harmlos eingestuft wurden und daher keiner Kontrolle oder Eignungsprüfung unterstehen. «Zudem lassen sich die Promillegrenzen in diesem Bereich kaum konsequent durchsetzen», schreibt jetzt das Bundesamt für Verkehr. Diese Einsicht ist richtig. Der Rest heisst Eigenverantwortung.

Nein

Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren. Manchmal bleibt es allerdings nicht bei einem. Das ist ja auch nicht schlimm. Genau darum ist es aber sinnvoll, dass auf dem See derselbe Alkoholgrenzwert wie im Strassenverkehr gilt. Nun kippt das Bundesamt für Verkehr diesen Grenzwert für Kleinstboote. Zwar ist es Freizeitkapitänen auch weiterhin nicht erlaubt, ein Schiff zu führen, wenn die Fahrfähigkeit wegen Alkohol beeinträchtigt ist. Die Binnenschifffahrtsverordnung definiert jedoch nicht mehr, ab welchem Promillewert jemand als fahrunfähig gilt.

Der Bundesrat setzt damit ein gefährliches Zeichen. In den Regeln der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG heisst es: «Nie alkoholisiert ins Wasser!» Das hat seinen guten Grund: Der Konsum von Alkohol erhöht die Unfallgefahr. Schon wenig Alkohol im Blut senkt die Reaktionsgeschwindigkeit. Das kann fatale Folgen haben. Warum nun ein Freibrief für übermässigen Alkoholkonsum auf dem Wasser ausgestellt wird, ist mir schleierhaft. Natürlich fällt nicht jeder aus seinem Gummi- oder Ruderboot ins Wasser. Aber es ist schlicht ein unnötiges Erhöhen des Risikos. Deshalb verfängt auch das Argument des Bundesrates nicht, dass von diesen Booten eine geringere Gefährdung ausgehe als von motorisierten Schiffen. Eine geringere Gefahr bleibt eine Gefahr. Auch auf dem See gibt es immer noch andere «Verkehrsteilnehmer», die tangiert sein können.

An den gesunden Menschenverstand zu appellieren ist ehrenhaft. Nur: Wenn man sich überlegt, wie vielen Autofahrern der Ausweis wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand entzogen wird, erübrigt sich dieses Argument. Der Mensch ist schlicht nicht immer vernünftig. Genau deshalb braucht es auch in Zukunft für alle Kapitäne eine klar durchsetzbare Promillegrenze.

Erstellt: 03.05.2019, 16:15 Uhr

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